Vor zwei Jahren präsentierte die Finanz-industrie einen Masterplan mit der Zielsetzung, bis 2015 weltweit auf Platz drei hinter New York und London aufzurücken. Ist das Wunschdenken oder ein realistisches Szenario?

Beat Bernet: Diese Ziele wurden unter ganz anderen Rahmenbedingungen formuliert. Ich bezweifelte damals, dass sie realistisch waren, heute sind sie sicher nicht mehr zu erreichen. Es geht weniger darum, eine Rangposition zu erreichen, als den Finanzplatz vermehrt als integ-rierter Teil der ganzen Volkswirtschaft zu positionieren.

Statt dem anvisierten Aufbau von Arbeitsplätzen wird in der Bankbranche laufend Personal abgebaut. Bewahrheitet sich nun die früher von Ihnen verfasste Amosa-Studie, die in einem mittleren Szenario bis Ende 2010 von einem jährlichen Beschäftigungsrückgang um 2,5% ausging?

Bernet: Diese Prognose stützte sich auf einen stetigen Strukturwandel. Weder der Börsenboom nach 2002 noch die Finanzkrise waren damals absehbar. Dass nun unsere Zahlen fast zu stimmen scheinen, ist eher Zufall. Doch es wird sicher zu weiteren Reduktionen und Verschiebungen von Arbeitsplätzen im Finanzsektor kommen.

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Hängt das auch mit dem Produktivitätsfortschritt zusammen?

Bernet: Sicher. Der Hauptgrund liegt aber in den sich verändernden Geschäftsmodellen primär im Private Banking. Für diese Transformation ist die Finanzkrise zwar nicht Auslöser, aber ein starker Katalysator.

Der verstärkte Druck vom Ausland auf das Bankgeheimnis hat der Reputation des Finanzplatzes geschadet. Wie kommen die Banken aus dieser Negativspirale heraus?

Bernet: Wir müssen unsere Finanzplatzstrategie den neuen Gegebenheiten anpassen. Dazu gehört eine offensive Strategie des «Clean Offshore»-Geldes. Ich bin schockiert, wie gewisse Banken momentan mit ihren ausländischen Kunden umgehen. Genau diese Kunden werden sie in wenigen Jahren wieder aktiv umwerben, und sie werden erstaunt sein, wie schwierig es ist, deren Vertrauen zurückzugewinnen.

Wie kann dieses «Clean Offshore»-Geschäft gestärkt werden?

Bernet: Wir haben nur eine Kernkompetenz, unsere Fähigkeit im Portfoliomanagement und in der Kundenbetreuung. Damit müssen wir uns zu differenzieren versuchen. Gleichzeitig muss sich die Schweiz als Finanzplatz neu positionieren. Privatsphärenschutz ohne Schutz vor Steuerhinterziehung heisst hier die Devise. Das Projekt «Rubix» der Bankiervereinigung ist sicher ein interessanter Ansatz. Es dürfte jedoch im europäischen Kontext chancenlos bleiben.

Bei den Privatbanken und unabhängigen Vermögensverwaltern liegen nach Schätzungen bis zu 50% an unversteuerten Geldern. Kann der Finanzplatz ohne das fiskalische Bankgeheimnis in der bisherigen Grösse überleben?

Bernet: Er kann auch nach einem Schrumpfungsprozess überleben. Als Zielsetzung gilt, möglichst wenig zu verlieren und neue Kunden dazuzugewinnen. Es kommen sicher auch wieder bessere Zeiten. Vor allem aber kommen andere Zeiten auf uns zu.

Die Grossbanken sind klassische Universalbanken mit einer globalen Ausstrahlung. Kann sich die kleine Schweiz solche Geldinstitute nicht mehr leisten, weil das Klumpenrisiko für die Volkswirtschaft zu gross ist?

Bernet: Ich habe viel Sympathie für den «Soll-Bruchstellenansatz» der Nationalbank. Kritisch ist aber nicht schiere Grösse, sondern die Risikoexposition. Zu grosse Risikopositionen bei den Grossbanken stellen für unsere Volkswirtschaft einen nicht mehr tragbaren Risikofaktor dar. Man muss sie aber deswegen nicht zwingend zerschlagen. Mit den neuen Eigenkapital- und Leveragevorschriften wurden bereits erste Schritte in die richtige Richtung gemacht. Im Krisenfall muss die Teilliquidation von Teilen einer Grossbank möglich sein. Hier braucht es vor allem ein internationales Insolvenzrecht für Banken.

Wird nun auch die Wertschöpfungskette bei den einzelnen Instituten vermehrt aufgebrochen?

Bernet: In der Theorie sind wir hier wesentlich weiter als in der Praxis. Der wirtschaftliche Druck und die technischen Voraussetzungen dazu haben bisher oft gefehlt. Jetzt dürfte der Kostenschub im Private Banking das Aufbrechen der Wertschöpfungskette beschleunigen. Die Bedeutung von Sourcingstrategien wächst. Es werden wohl vermehrt Verarbeitungszentren entstehen, wahrscheinlich zuerst im Rahmen von IT-Netzwerken wie Finnova und Avaloq.

Die Grossbanken unterhalten grosse IT-Abteilungen mit Eigenentwicklungen. Stellen auch sie schrittweise auf kostengüns- tigere Standardlösungen um?

Bernet: Diese Entwicklung ist seit langem im Gang. Die Implementierung von Standardlösungen und die Abstützung auf offene Plattformen und standardisierte Schnittstellen sind die Grundlage für eine effiziente IT auch bei den Grossbanken. Leider haben wir in unserer Branche immer noch keine skalierbaren Industrie- lösungen wie etwa in anderen Branchen durch SAP.

Welche Kernkompetenzen sind für die Bankbranche künftig entscheidend?

Bernet: Differenzierung ist nur noch im frontorientierten Bereich möglich. Die Bank der Zukunft muss über noch deutlich mehr Beratungs- und Sozialkompetenz verfügen.

Sorgen die neuen Banksoftwarelösungen für neue Gemeinschaftswerke mit Unterstützungsleistungen auch ausserhalb des IT-Bereichs?

Bernet: Es geht ganz klar in diese Richtung. IT ist der Backbone dieser ganzen Entwicklung. Dabei liegt der Fokus immer stärker auf der Weiterentwicklung der Kundenschnittstellen. Hier liegt für die kommenden Jahre der Schwerpunkt der Investitionen.

Welche Rolle spielen Bankfilialen, die nahe beim Kunden sind?

Bernet: Wir haben diesen Trend in Richtung verstärkter Beratungsstützpunkte bereits vor 2005 untersucht. In dieser Studie haben wir eine Renaissance der oft totgesagten Filiale vorausgesagt. Das ist auch eingetreten. Physische Stützpunkte werden künftig noch stärker auf das Beratungsgeschäft und weniger das Transak-tionsgeschäft ausgerichtet sein.

Was passiert mit dem Online Banking?

Bernet: Physische Kontaktstellen und das Internet müssen sich ergänzen und gegenseitig befruchten. Ich sehe den Online-kanal für Basistransaktionen und bei der ersten Informationsbeschaffung durch den Kunden. Hochstehende Beratung und Betreuung sind damit nicht möglich. Ich sehe aber eine verstärkte Entwicklung bei Plattformen und sozialen Netzwerken im Rahmen von Web 2.0 und 3.0.

Gibt es vermehrt Konkurrenz durch Non-Banks, die sich ins Geldgeschäft einschalten?

Bernet: Durchaus, dieser Trend setzt sich fort. Die Versicherungen forcieren heute beispielsweise Hypotheken als Diversifikationsinstrument. Unabhängigen Plattformen werden weiter wachsen, aber wohl noch lange nur ein Nischenmarkt sein.

Die Schweiz hat bei bank- und börsentechnischen Initiativen auf dem internationalen Parkett fast stets den Alleingang gewählt. Sie plädieren für mehr Kooperation mit anderen Finanzplätzen. Denken Sie speziell an die EU-Mitgliedsländer?

Bernet: Die Schweiz wird sich künftig stärker in ein europäisches Finanzsystem integrieren müssen. Wir können nicht mehr immer eine eigene Melodie spielen, sondern müssen einen Part im Orchester übernehmen. Es wird wohl zu einer verstärkten Rollenteilung zwischen Plätzen wie Frankfurt, London und der Schweiz kommen. Unsere Rolle kann im Private Banking im Rahmen des skizzierten «Clean Offshore» liegen. London sehe ich eher als Zentrum für das Investment Banking und gewisse Handelsaktivitäten, während Frankfurt zum zentralen Handelsplatz werden könnte.

Bei den Börsen gab es zwischen Deutschland und der Schweiz wiederholt Annäherungsversuche, die vor allem vom nördlichen Nachbarland ausgingen.

Bernet: Es braucht einen stärkeren Leidensdruck, damit solche Zusammenschlüsse erfolgen. Bis anhin war das offensichtlich nicht gegeben. Jetzt wäre der Zeitpunkt ideal, um für den Finanzplatz eine Strategie zu entwickeln, die etwas über den eigenen Tellerrand hinausblickt.

In Deutschland gelten wir als Hort für Schwarzgeld. Wie gelingt es, das Swiss Banking wieder mit einem positiven Inhalt zu füllen?

Bernet: Wir müssen unsere «Marke» neu definieren. Momentan tun das andere für uns. Die Schweiz sollte sich mit einer Kom-munikationsoffensive zum geschilderten «Clean Offshore»-Standort bekennen.

Sie haben an der Vorlage für ein neues Einlagenschutzgesetz mitgearbeitet. Es soll ein Fonds geäuffnet werden, den die Banken alimentieren. Müssen das aber letztlich nicht die Sparer selbst über niedrigere Zinsen finanzieren?

Bernet: Diese Argumentation der Bankenvertreter ist Unsinn. Wir reden in der Vorlage für die meisten Banken von einer Prämie zwischen sechs und zwölf Basispunkten, die zulasten der Marge geht, aber weder die Kreditpreise noch die Sparzinsen tangiert. Letztlich geht es darum, dass diejenigen die versicherten Risiken bezahlen, die sie auch verursachen, und nicht die Allgemeinheit. Banken mit schlechterer Bonität zahlen mehr, die anderen weniger.

Welche Chancen geben Sie der Vorlage?

Bernet: Die Banken opponieren natürlich dagegen. Ich bin aber überzeugt, dass diese Vorlage für einen verbesserten Einlagenschutz mit ganz wenigen Abstrichen umgesetzt wird.