Die Aktienmärkte haben sich bereits wieder etwas vom Brexit erholt. An der Schweizer Börse notierte der SMI zuletzt bei knapp 8000 Punkten und damit auf dem Niveau vor der britischen EU-Abstimmung. Für die Banken sind das gute und schlechte News zugleich.

Gut, weil ihre Kunden damit weniger Geld verlieren, als zuerst gedacht. Schlecht, weil die Rally auch auf die Notenbanken zurückgeht, die nun zusätzliches Geld in die Märkte pumpen. Das bedeutet nämlich, dass die Zinsen weiterhin fallen. In der Schweiz sind die Auswirkungen bereits sichtbar: Zehnjährige Eidgenossen rentieren mit minus 0,5 Prozent, der Bund kann sich nun bis auf 30 Jahre zu negativen Zinsen refinanzieren.

Niedrige Zinsen bringen die Schweizer Banken zusätzlich in Schwierigkeiten. Noch längere Tiefzinsen bedeuten noch mehr Unsicherheiten am Markt, noch länger stagnierende Erträge und noch grössere Anreize, noch höhere Risiken einzugehen: So lautet der Tenor vieler Berichte über den Bankenplatz. 

Privatbanken unter Druck

Fürs abgelaufene Bankenjahr 2015 trifft die Feststellung zu – allerdings nur zum Teil. Die einzelnen Institute haben sehr unterschiedliche Erfahrungen mit dem Marktumfeld gemacht, das sich nach dem Brexit zusätzlich verschärft hat.

Da sind einerseits Vermögensverwalter und Auslandbanken wie J. Safra Sarasin, Vontobel oder HSBC Private Bank. Unter den Instituten dieser Kategorie ist eine Konsolidierung im Gange, wie Matthias Naumann, Experte bei der Consulting-Firma BCG, erklärt. «Die Finanzmärkte bleiben von niedrigen Renditen geprägt, gleichzeitig ist die Volatilität an den Kapitalmärkten hoch.»

In diesem Umfeld hielten Kunden hohe Bestände an Bargeld und tätigten weniger Transaktionen. «Beides belastet die Margen in der Vermögensverwaltung, die in den letzten Jahren ohnehin schon gesunken sind.»

Inlandsbanken mit Rekordgewinnen

Auf der anderen Seite sind da die inlandorientierten Banken: Geldhäuser wie Raiffeisen oder die Kantonalbanken aus Luzern, Graubünden oder Genf, deren Bilanzen im abgelaufenen Jahr um 9 bis 13 Prozent wuchsen, wie die neue Zusammenstellung der «Top 70»-Banken der «Handelszeitung» zeigt. Anders als bei den Vermögensverwaltern nahmen die Gewinne dort letztes Jahr mehrheitlich zu. Dies geht unter anderem aus der jährlichen Bankenstatistik der Schweizerischen Nationalbank hervor. Die Kantonalbanken verdienten 2015 im Total 2,7 Milliarden Franken und damit mehr als in den sämtlichen zehn Jahren zuvor. Raiffeisen erwirtschaftete mit 727 Millionen Franken den zweithöchsten Gewinn dieser Zeitspanne.

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Allerdings ist fraglich, ob man dieses Niveau auch in Zukunft halten kann. «In den nächsten Jahren werden die Erträge der Inlandbanken grundsätzlich schrumpfen», pro­gnostiziert Bankenexperte Robert Buess von Roland Berger. Hintergrund dieser Einschätzung ist, dass die jüngsten Erfolge nebst der Einführung von zusätzlichen Spesen und Gebühren auf zwei wenig nachhaltigen Faktoren beruhen. Erstens: Die Profitsteigerung mit höheren Hypothekarzinsen. «Den Banken gelang es nach dem Frankenschock eine Zeit lang, die Zinsmarge im Aktivgeschäft zu erhöhen», sagt Buess.

Die Hypothekarzinsen erhöht

Im Rückblick zeigt sich tatsächlich, dass es im Sommer 2015 ein Zwischenhoch bei den Zinsen gab. Zehnjährige Festhypotheken wurden damals zu knapp 2 Prozent vergeben. ­Inzwischen sind diese Zinsen allerdings wieder in die Region von 1,5 Prozent gefallen – was auch die Fähigkeit der Banken schmälert, mit dem Immobiliengeschäft die niedrigen Erträge in anderen Bereichen zu kompensieren. «Der Wettbewerb im Hypothekargeschäft spielt, Banken unterbieten einander mit Angeboten», kommentiert Buess.

Auch die zweite Zutat für die Rekordgewinne einiger Banken stammt aus dem Hypothekengeschäft: Es ist die schiere Masse der vergebenen Kredite. Besonders die Kantonalbanken weiteten die Volumen aus. Die Hypothekarforderungen in ihren Büchern nahmen 2015 um 4,2 Prozent zu, eine Temposteigerung von 0,3 Prozentpunkten gegenüber 2014. Bei der Raiffeisenbank wuchsen die Forderungen um 5,1 Prozent und damit um 0,1 Prozentpunkte schneller als im Vorjahr.

Nicht ohne Risiken

Das anhaltende Kreditwachstum findet offenbar nicht ohne Kompromisse statt. Diese werden gemäss Stabilitätsbericht der SNB vor allem bei der Tragbarkeit eingegangen, also bei den finan­ziellen Anforderungen an die Hypothekennehmer. Der Anteil an diesen Personen, die bei einem Zinsanstieg auf 5 Prozent mit Kosten über einem Drittel ihres Einkommens konfrontiert wären, stieg letztes Jahr über 40 Prozent.

Zwei Jahre zuvor hatte er noch darunter gelegen. Laut der SNB ist dies relevant, weil nach wie vor viele Schuldner eine Hypothek mit einer Laufzeit von fünf Jahren oder weniger haben und somit einem beträcht­lichen Zinsänderungsrisiko über die kurze bis mittlere Frist ausgesetzt sind.

Rationalisierungsdruck bleibt hoch

Wie Robert Buess sagt, seien manche Banken inzwischen zurückhaltender geworden – was die Anzahl, aber auch die Qualität der vergebenen Hypotheken betrifft. Trifft dies zu, so dürften die Risikoexposition, aber auch die Gewinne der Inlandsbanken zurückgehen. Dies allein schon deshalb, weil ältere Hypotheken nach und nach mit neuen, billigeren Hypotheken ersetzt werden.

Die Branche bleibt somit unter Druck, weiter zu rationalisieren. Das betrifft auch die Mitarbeiter. Ende 2015 arbeiteten in der Schweiz 103'000 Personen für eine Bank, 1000 Personen weniger als ein Jahr zuvor. BCG-Berater Matthias Naumann schätzt, dass die Zahl der Beschäftigten im Banking mindestens in den kommenden ein bis zwei Jahren weiter zurückgeht.

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