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Finanzplatz: «Untätigkeit ist keine Lösung»

Patrick Odier: «Vermarktung des Finanzplatzes Schweiz im Ausland muss besser werden.» Keystone

Der Finanzplatz ist für die Schweizer Wirtschaft wie eine Lunge: «Geht den Banken die Luft aus, dann spürt das die gesamte Wirtschaft», sagt Patrick Odier, Präsident der Schweizerischen Bankierverein.

Von Patrick Odier*
am 18.09.2015

Der Finanzplatz ist für die Schweizer Wirtschaft wie eine Lunge: Geht den Banken die Luft aus, dann spürt das die gesamte Wirtschaft. Wir haben einen soliden Bankensektor, dessen Akteure zu den weltweit am besten kapitalisierten gehören. Dies lässt sich auf die vorbildlichen Too-Big-To-Fail-Massnahmen zurückführen, die die Schweiz schon vor einigen Jahren, insbesondere für systemrelevante Institute, ergriffen hat. Dies verspricht Sicherheit und Stabilität, Werte, die Kunden aus der ganzen Welt anziehen.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Schweiz mit einem Marktanteil von 26 Prozent Weltmarktführerin im internationalen Private Banking ist. Auch im Firmenkundengeschäft üben die Banken eine zentrale Rolle aus, indem sie Unternehmen und öffentliche Körperschaften mit Krediten versorgen. In der Schweiz hat es, anders als in vielen anderen europäischen Ländern, nach der Krise von 2008 keine Kreditklemme gegeben. Auch in Zukunft ist es essenziell, dass der Sektor die Wirtschaft weiterhin finanziert, obwohl das Währungsumfeld derzeit aufgrund der Negativzinsen schwierig ist.

Paradigmenwechsel

Doch der Finanzplatz erlebt seit sechs Jahren einen Paradigmenwechsel, der sein Umfeld tiefgreifend verändert hat. In diesem Zusammenhang zeigen sich vier Faktoren:

- Erstens sehen sich die Banken einer nie gekannten Welle an Regulierungen gegenüber. Diese Komplexität erhöht die Kosten für die Banken und lässt die Margen schrumpfen.

- Zweitens wurden im Bereich der Steuerkonformität Mass­nahmen ergriffen, um internationale Standards umzusetzen. Der automatische Informationsaustausch wird Realität.

- Drittens erfahren wir von unseren wichtigsten Auslandsmärkten, insbesondere von der EU, zunehmend protektionistische Tendenzen. Gesetzgebungen werden so ausgestaltet, dass Drittländer wie die Schweiz diskriminiert werden.

- Viertens schliesslich stelle ich fest, dass der Anlegerschutz derart ausgeweitet wird, dass wir dadurch Wettbewerbsnachteile haben. Es ist ganz einfach: Ja zur Äquivalenz, nein zu einem systematischen «Swiss Finish».

Marktzugang zur EU – zentral für Wettbewerbs­fähigkeit und Arbeitsplätze

Angesichts der strukturellen Veränderungen, denen sich der Finanzsektor gegenüber sieht, wurde die Expertengruppe Brunetti eingesetzt, um zu eruieren, wie die Rahmenbedingungen verbessert werden können. Das Ziel ist eine Stärkung des Finanzplatzes. Die Gruppe erarbeitete im Jahr 2014 zahlreiche Empfehlungen, die nun rasch umgesetzt werden müssen.

Neben den Bereichen Regulierung, Steuern und Systemstabilität steht die Frage, wie der Zugang, insbesondere zum EU-Markt, verbessert werden kann, im Zentrum der Empfehlungen. Es besteht nämlich das Risiko, dass Banken Aktivitäten in den EU-Raum verlagern, denn wir können unsere Kunden nicht mehr aus unserem Land heraus bedienen, was in der Schweiz Arbeitsplätze kosten wird. Die EU ist der wichtigste Exportmarkt der Schweiz, und im Übrigen ist die Schweiz der zweitwichtigste Handelspartner der EU.

Für die Schweizer Banken gilt dies ebenfalls: Im grenzüberschreitenden Vermögensverwaltungsgeschäft machen Kunden aus der EU den grössten Anteil aus. Das Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU ist jedoch gespannt, nicht zuletzt seit dem Ja zur Volksinitiative gegen die Masseneinwanderung vom 9. Februar 2014. Es muss der Schweiz gelingen, akzeptable Wege für die Umsetzung der Initiative zu finden, mit denen die Beziehungen zur EU nicht gefährdet werden und der Volkswille dennoch respektiert wird.

Andernfalls müsste ins Auge gefasst werden, eine neue Abstimmung einzuleiten. In jedem Fall muss sich die Politik bewusst sein, dass die europäische Frage nicht einfach beiseite gelassen werden darf. Sonst würde ein substanzieller Teil der Substanz unserer Banken ins Ausland transferiert werden.

Abkommen mit EU ist beste Option

Auf technischer Ebene stellt ein Finanzdienstleistungsabkommen mit der EU die beste Option dar. Doch dies scheint im Moment wegen der Abstimmung vom 9. Februar 2014 und den offenen institutionellen Fragen (automatische Übernahme der EU-Gesetzgebungen und Zuständigkeit für die Schlichtung von Streitfällen) nur schwer erreichbar zu sein, was ich sehr bedaure. Im Moment müssen wir also auf dem Weg der Äquivalenz weitergehen, mit der Anerkennung der Gleichwertigkeit von Schweizer Regeln und EU-Regeln, um in kürzerer und mittlerer Frist Verbesserungen erreichen zu können. Das Beispiel der Alternative Investment Fund Managers Directive (AIFMD) hat dies gezeigt.

Dies gilt auch bei anderen wichtigen Regulierungsvorhaben wie MiFID II und EMIR. Hier sollte die Regulierung so weit wie nötig den EU-Entwicklungen angepasst werden, ohne aber für die hiesigen Banken Nachteile einzuhandeln. Wir müssen ebenfalls darauf hinarbeiten, Verbesserungen des Marktzugangs auf zwischenstaatlichem Weg zu erreichen, wie das Beispiel Deutschland gezeigt hat. Dort konnte die Schweiz ein vereinfachtes Freistellungsverfahren für die Banken erreichen. Mit den anderen Nachbarländern der Schweiz und weiteren wichtigen Märkten sollten rasch Gespräche begonnen werden.

Bessere Vermarktung

Eine weitere Massnahme, die sich rasch umsetzen lässt, ist eine bessere Vermarktung des Finanzplatzes Schweiz im Ausland. Es muss uns gelingen zu zeigen, dass der Schweizer Finanzplatz ein Ort der Sicherheit und der Stabilität ist, was besonders in Zeiten grosser geopolitischer Turbulenzen und Marktvolatilitäten gilt, und dass der Finanzplatz ein attraktiver internationaler Vorreiter ist, der die besten Talente aus der ganzen Welt anzieht.

Eine Vermarktung im Ausland sollte mit Regierung und Regulierung gemeinsam durchgeführt werden. Unsere wichtigsten Konkurrenten wie London, Luxemburg oder Singapur machen dies seit langem erfolgreich vor. Es gibt keinen Grund, warum das nicht auch für die Schweiz funktionieren sollte.

Weitere Wachstumsfelder erschliessen

Neben der Verbesserung des Marktzugangs und der bestehenden Regulierung muss sich der Schweizer Finanzplatz neue Wachstumsfelder erschliessen. Chancen dazu bietet die sich immer weiter öffnende chinesische Wirtschaft. Die Schweiz soll auf Basis der Erfolge, die in den vergangenen 18 Monaten erzielt worden sind, zu einem Hub für Dienstleistungen rund um die chinesische Währung Renminbi werden.

Auch der technologische Wandel hin zum «Digital Banking» bietet neue Möglichkeiten: In Sachen Innovation ist die Schweiz weltweit führend und verfügt über ein wirtschaftlich und akademisch hervorragendes Netz. Sie sollte sich also in diesem Segment weiter positionieren, insbesondere, indem Massnahmen zur Erleichterung von Investitio­nen in Start-ups und für einen guten Zugang zu Risikokapital ergriffen werden.

Asset Management muss massiv ausgebaut werden

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch hier, dass die Schweiz über gute Rahmenbedingungen verfügt. Ein weiteres Wachstumsfeld ist das Asset Management, das in der Schweiz massiv ausgebaut werden soll und «Schweizer Meister» in diesem Bereich hervorbringen soll. Dabei wurden durch die Initiative «Asset Management» der SBVg und des schweizerischen Fonds- und Asset-Management-Verbandes bereits Verbesserungen erzielt; weitere sollen folgen.

Der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Finanzplatzes ist die wichtigste Herausforderung, um Arbeitsplätze im Schweizer Finanzsektor zu erhalten und der Schweizer Wirtschaft weiter zu dienen. Durch Nichtstun den Status quo aufrechtzuerhalten, ist dabei keine Option.

 

Dieser Beitrag ist der aktuellen Jubiläumsausgabe der «Schweizer Bank» entnommen. Ab sofort erscheint das Heft in einem neuen Design: Zum 30. Geburtstag haben die Kollegen um Chefredaktor René Maier die «Schweizer Bank» gerelauncht.

* Patrick Odier ist seit Januar 2014 Präsident des Verwaltungsrats der Bank Lombard Odier und seit dem Juli 2008 Seniorpartner und geschäftsführender Teilhaber der Lombard Odier Gruppe.

Patrick Odier ist seit dem 1. Januar 2014 Präsident des Verwaltungsrats der Bank Lombard Odier & Co AG und seit dem 1. Juli 2008 Seniorpartner und geschäftsführender Teilhaber der Lombard Odier Gruppe. - See more at: http://www.swissbanking.org/geschaeftsleitung-pod.htm#sthash.uKdlh0ry.dpuf
Patrick Odier ist seit dem 1. Januar 2014 Präsident des Verwaltungsrats der Bank Lombard Odier & Co AG und seit dem 1. Juli 2008 Seniorpartner und geschäftsführender Teilhaber der Lombard Odier Gruppe. - See more at: http://www.swissbanking.org/geschaeftsleitung-pod.htm#sthash.uKdlh0ry.dpuf
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