Zur Podiumsdiskussion war er weg. Finma-Chef Patrick Raaflaub hatte Ende Mai Wichtigeres zu tun, als seine Zeit mit den Schweizer Vermögensverwaltern zu vertrödeln, eine ausländische Delegation wartete. Es war nicht das einzige Ärgernis im Berner Kursaal, wo der Branchenverband das 25-Jahr-Jubiläum feierte. Zuvor hatte Raaflaub in Eigen­regie kurzfristig das Thema seines Referats geändert. Zurück blieben konsternierte Gäste. Mehrere Vermögensverwalter hätten ihren Ärger über den schroffen Auf- und Abtritt schriftlich beim Bundesrat deponiert.

Man fühlt sich vom Finma-Chef und von seiner Truppe unter Generalverdacht gesetzt. Vorgänger Daniel Zuberbühler sah sich mehr als Dienstleister der Finanzindustrie. Raaflaub wird als unerbittlicher Kontrolleur ­beschrieben, der sich am liebsten in der Rolle des Super-Cop der Banken, Versicherungen und Vermögensverwalter sieht. Dabei lästern nicht nur die Kontrollierten, auch intern wird kritisiert. Als ­überaus selbstbewusst wird der Chef ­beschrieben – mit wenig Charisma.

Nicht die optimale Voraussetzung für den Mann, der seit Anfang 2009 die Eidgenössische Bankenkommission (EBK), das Bundesamt für Privatversicherungen und die Kontrollstelle für die Bekämpfung der Geldwäscherei unter dem Dach der Finma vereinen muss.

Drei Bundesbehörden mit unterschiedlicher Kultur zusammenzuführen, neu auszurichten und auch noch auszubauen, ist eine Herkulesaufgabe. Mitunter fliegen die Späne: Personal wird umgetopft, verschoben, hinausgedrängt. Derzeit zählt die Finma 410 Mitarbeiter, weitere 32 Stellen sind ausgeschrieben. Ende 2009 waren es noch 357 Mitarbeiter. Beim Start der Behörde, Anfang 2009, setzte man auf sieben Divisionen, dann wurde auf vier reduziert. «Finma strafft ihre Organisation», verkündete man damals. Nun kommt es zum dritten Umbau. Die Geschäftsleitung wird auf sechs ­Abteilungen hochgefahren, und es wird – wie bei einem Grosskonzern – ein Chief Operating Officer (COO) installiert. Mehrere Finma-Beamte klagen: Seit einem Jahr sei man mit sich selber beschäftigt.

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Belastet wird der Umbau in eine effiziente Behörde durch die hohe Fluktuation. Gerade langjährige Mitarbeiter im mittleren Kader haben in den letzten Monaten gekündigt: Marcel Aellen, Leiter Börsenaufsicht, ging zur KPMG; Alain Bichsel, Leiter Kommunikation, wechselte zur SIX Group; Daniel Sigrist, ehemaliger Leiter Grossbanken und Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung, heuerte bei Deloitte an; Oliver Buschan, ehemaliger Leiter ­Kapitalmarkt, ging zu Sarasin; Daniel Roth, Leiter Bankinsolvenz, übernahm den Rechtsdienst im Finanzdepartment; Daniel Engeli, Leiter Offenlegung, machte sich letztes Jahr selbständig; Urs Bischof, Leiter Risiko­management Banken und Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung, wechselt zu Ernst & Young; Franz Stirnimann, Leiter Geschäftsbereich Märkte, geht Ende Jahr in Pension. Finma-Sprecher Rainer Borer sagt: «Das Ziel ist eine gesunde Rotation innerhalb des Personals, um einen guten Mix in der Belegschaft zu bekommen.»

Braindrain. Das Change Management bei der Finma ist anspruchsvoll. Raaflaub gehen die Souplesse und die ­Erfahrung für diesen Prozess ab, gelobt werden aber seine Kompetenz und seine Analysestärke. Seine Dissertation schrieb der 46-Jährige über «Die Subventionsregeln der EU und des Gatt». ­Neckisches Detail aus der Vita, das man sich in der Finanzbranche gerne erzählt: Raaflaub, welcher der Finanzbranche nun den Marsch bläst, machte bei der Swiss Re Karriere. Von 1994 bis 2008 arbeitete er für den Rückversicherer als CFO von Swiss Re Italia, er war Divisionscontroller für Amerika, als lokaler CFO für Swiss Re in Zürich.

Mit den Versicherern diskutiert Raaflaub auf Augenhöhe, mit den Banken ­weniger. Da ist Ex-UBS-Manager Mark Branson der starke Mann. Die beiden geben in der Finma den Takt vor.

Hinter ihnen agiert eine Schar von jungdynamischen, aber wenig erfahrenen Juristen. Das viel beschworene Gleichgewicht – junge Hungrige, erfahrene Banker, erprobte Verwaltungsbeamte – ist aus dem Lot. Der Nachteil der Aufsichts­behörde: Viele Mitarbeiter benutzen den Job als spannende Ausbildungsstätte. Nach zwei, drei Jahren wechseln sie auf einen lukrativeren Posten bei einer Revisionsgesellschaft oder einer Anwaltskanzlei. Die Fluktuationsrate lag 2010 bei zehn Prozent, das ist sowohl höher als in der gesamten Bundesverwaltung als auch in den Vorgängerorganisationen. Und sie dürfte laut Finma 2011 steigen.

Die Wechsel werden extern wahrgenommen. Martin Maurer, Sekretär des Verbandes der Auslandsbanken: «Die Banken wissen nie genau, wer ihre Ansprechperson ist. Der Braindrain auf mittlerer Stufe ist eklatant.» Ein anderer lästert, Uni-Abgänger erklärten, wie man eine Bank zu führen habe. Ein weiterer, es rückten schon mal drei, vier Finma-Mitarbeiter zur Kontrolle an. «Und am Schluss müssen wir diese On-the-Job-Ausbildung auch noch finanzieren.» Ein Vierter meint, ständig würden neue Unterlagen verlangt. Und: Mitunter wisse die Linke nicht, was die Rechte tue.

Klar, die Finanzbranche hat in der Vergangenheit nicht übermässig unter Kontrollen gelitten, mit der Finanzkrise hat die Stunde der Kontrolleure geschlagen. Ans neue Regime müssen sich die Banker erst gewöhnen. Das Ärgernis liegt auch bei der Finma. Gerade in den Bankenabteilungen herrscht ein Kommen und Gehen: Sowohl bei der Aufsicht UBS wie bei der Aufsicht CS Group sind die Chefs noch keine zwölf Monate im Amt (Ursula La Roche, Michael Loretan). Bei der UBS-Abteilung werden zwei der vier Sachbearbeiter neu besetzt, bei der CS Group ist es einer. Das mittlere Dienstalter liegt zwischen zwei und drei Jahren.

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Was alles noch schwieriger macht: Für neue Aufgaben werden laufend neue Mitarbeiter rekrutiert, im Enforcement, in der Überwachung der unabhängigen Vermögensverwalter, bei der Teilrevision des Kollektivanlagengesetzes (KAG). Das erschwert mitunter die Zusammenarbeit mit den Fondsmanagern. Zwar sei das Verhältnis mit der Finma gut, sagt Mat-t­häus Den Otter, Geschäftsführer der Swiss Funds Association, der 15 Jahre bei der EBK tätig war. Nach den Wirren der Finanzkrise sei die Finma sehr risikoscheu geworden. «Mitglieder beklagen sich, dass das KAG sehr rigide umgesetzt werde.» Einige Gesuche seien ohne Begründung abgelehnt worden. Manche Fondsanbieter müssen deshalb ins Ausland ausweichen.

Tatsächlich steckt den Finma-Leuten noch immer der Vorwurf in den Knochen, zu wenig schnell und intensiv auf die aufziehende Finanzkrise reagiert zu haben. Raaflaub ist getrieben von der Absicht, mit Prozessen, Kontrollen und Vorschriften die nächste Bankenkrise früher erkennen zu können. Dabei geht vergessen, dass von den 330 Banken nur eine einzige Staatshilfe benötigte. Hart an die Kandare genommen werden die grossen Nicht-Grossbanken, etwa Raiffeisen oder die Zürcher Kantonalbank. «Die Finma ordnet jetzt alle Geldinstitute der Kategorie ‹riskant› zu und fasst sie so hart an, als hätten sie die Krise ausgelöst», kritisiert Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Die Finma sieht das anders. Wenn gewisse Institute den Aufsichtsstil als aggressiv bezeichnen, dann sei das deren Sache, sagt Sprecher Borer. «Die Finma pflegt einen differenzierten Aufsichtsansatz.» In einem Interview meinte Raaflaub: «Wir müssen vom Handwerksbetrieb zu einer Manufaktur werden und die Prozesse weiter professionalisieren und effizienter gestalten.»

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Professioneller könnte die Kommunikation der Präsidentin werden. Seit Anne Héritier Lachat das Finma-Präsidium übernommen hat, ist der Informationsfluss zu einem Rinnsal verkommen. Viele Geschäfte seien noch nicht im Stadium, um sie zu kommunizieren, entgegnet Borer. Raaflaub und Héritier Lachat: zwei kompetente Theoretiker mit wenig ­Charisma und ohne ausgeprägten Sinn für Kommunikation.

Machtgerangel. Man ist nicht nur im Clinch mit der Finanzbranche. Auch zwischen Finma und Nationalbank findet ein Revierkampf statt. Dabei haben Nationalbank, Finma und Finanzdepartement erst im Januar ein «Memorandum of ­Understanding» unterzeichnet. Das reiche für eine «offene und konstruktive ­Zusammenarbeit. Weiter kommentieren wir das Thema nicht», sagt Borer. Der Schlagabtausch hält gleichwohl an. Jüngste Arena: der Hypothekarmarkt. Erst warnte die SNB vor steigenden Immobilienpreisen und anhaltender Nachfrage, dann zog die Finma nach. Mitunter wird das Finanzdepartement beigezogen, um im Konfliktfall zu schlichten.

Im Machtgerangel sind die Notenbanker in der stärkeren Position: Sie haben erfahrene Experten in den Reihen und sitzen auf exklusivem Datenmaterial aus den Finanzkonzernen. Dieses Wissen aber will man keinesfalls mit der Finma teilen, die ebenfalls auf Expansionskurs ist. Zudem hat sie mit Philipp Hildebrand einen Präsidenten, der in Bern bestens vernetzt ist und einen direkten Draht zum Bundesrat hat, auch zu Eveline Widmer-Schlumpf. Die Departementschefin, die anfänglich von der Arbeit der Finma angetan war, soll gemäss mehreren Quellen in den letzten Wochen auffallend Distanz zu Raaflaubs Finanzpolizei markieren. Diesen wird es kaum grämen, denn er setzt auf Unabhängigkeit. Da passt ein Raaflaub-Bonmot, das intern die Runde macht: Der Einzige in seinem Machtnetz sei ein alter Surfkollege, den er einst auf der karibischen Isla Margarita kennen gelernt habe.

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