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Interview
Finma-Präsident Bauer: «Wir nehmen Kritik sehr ernst»

Finma Thomas Bauer
Finma-Präsident Thomas Bauer: «Mängel in der Regulierung wurden korrigiert.»Quelle: Keystone

Thomas Bauer, Präsident der Finanzmarktaufsicht, über den Dialog mit den Beaufsichtigten, eine bessere Differenzierung bei der Regulierung und den Umgang mit neuen Finanztechnologien.

Von René Maier («Schweizer Bank»)
am 17.11.2017

Die Technologisierung des Finanzsektors verläuft in horrendem Tempo. Sind die Strukturen der Finanzmarktaufsicht noch zeitgemäss? Wo müssten sie angepasst werden, um effizienter zu sein?
Thomas Bauer*: Die Finma nutzt die technologischen Möglichkeiten, um die Aufgaben besser und kosteneffizienter wahrzunehmen. Ein Beispiel ist unsere neue Plattform für den elektronischen Geschäftsverkehr mit den Beaufsichtigten.

Und auf Aufsichtsebene?
Ein Beispiel hier ist die Marktaufsicht. Neue technische Möglichkeiten helfen uns, um aus Big Data die für uns relevanten Informationen zu ziehen. So können wir missbräuchliches Verhalten entdecken, nachvollziehen und sanktionieren. Zudem verfolgen wir natürlich die technologischen Entwicklungen im Markt sehr aufmerksam und stehen auch mit den Marktteilnehmern in Kontakt. Dazu haben wir ein Fintech-Desk eingerichtet, wo sich Beaufsichtigte mit spezifischen Fintech-Anliegen an die Finma wenden können.

Wie erleben Sie die aktuelle Stimmung der Finanzmarktakteure gegenüber der Finma?
Wir pflegen einen guten und intensiven Dialog mit den Branchen. Für mich ist entscheidend, dass dieser Dialog professionell, sachlich und mit Respekt geführt wird.

Die Finma galt in der Vergangenheit eher als kritikresistent. Wie geht die Behörde unter Ihnen als Präsident mit Kritik um?
Wir nehmen Kritik sehr ernst. Es ist wichtig, dass Kritik formuliert und auch deponiert werden kann – beispielsweise bei der Anhörung zu einem neuen Rundschreiben, aber auch in formellen oder informellen Gesprächen. Fundierte Kritik gibt uns die Chance, unsere eigenen Vorgehensweisen und Überlegungen zu verbessern.

Wann stört Sie Kritik?
Wenn sie pauschal geäussert wird. Oft ist das nicht konstruktiv, deshalb kann ich damit relativ wenig anfangen.

Wie ist die Stimmung innerhalb der Finma?
Die Stimmung ist hervorragend. Die Mitarbeitenden sehen Sinn in unseren Aufgaben. Entsprechend hoch ist die Motivation und der Einsatz. .

Man hat den Eindruck, die Finma sei in jüngerer Zeit flexibler und offener im Dialog mit den Banken geworden – ein Kulturwandel oder täuscht das?
Der Dialog mit der Branche war immer schon wichtig für die Finma. Es ist zentral für uns, zu verstehen, was in der Finanzbranche die grossen Herausforderungen sind, mit welchen Risiken sie konfrontiert ist oder was neue Technologien für sie bedeuten. Hierfür braucht es einen intensiven und offenen Dialog.

Sind die Beaufsichtigten auch an einem intensiven Dialog mit der Finma interessiert?
Ja, das spüren wir in den verschiedenen Bereichen.

Vor Kurzem hat Direktor Mark Branson gegenüber den Kleinbanken gesagt, es sei wichtig, dass unnötige Hürden und Kosten für Kleinbanken identifiziert und womöglich abgebaut würden. Wieso kommt die Finma erst heute zu dieser Einsicht?
Im Gefolge der Finanzkrise wurde auch in der Schweiz im Bereich der Regulierung viel unternommen und umgesetzt. Dies war auch nötig und sinnvoll. Nachdem nun viel erreicht wurde, ist der Moment gekommen, um die Finanzmarktregulierung zu überprüfen und zu schauen, wo wir den Regulierungsrahmen für kleine Institute noch optimieren und noch stärker entschlacken können.

Wie sollte ein solches Kleinbankenregime aussehen?
Im Prinzip wollen wir unnötige Komplexität abbauen, ohne einen Sicherheitsverlust in Kauf zu nehmen. Das Ziel ist insbesondere, kleine, konservativ geführte Banken mit exzellenten Kapitalzahlen von bestimmten Anforderungen zu befreien und dadurch den Regulierungsaufwand erheblich zu reduzieren. Damit setzen wir auch unsere generelle Regulierungsstrategie um: Wo uns das Gesetz die Möglichkeit gibt, tragen wir heute schon den Grössenverhältnissen und auch den unterschiedlichen Risiken Rechnung und nehmen kleinere Banken von gewissen Vorgaben aus. Diesen Weg möchten wir konsequent weitergehen.

Die Finanzmarktakteure beklagen sich nach wie vor über die Regulierungsflut, die ständig zunehmende Komplexität des Geschäfts und explodierende Compliance-Kosten. Berechtigt?
Ohne Zweifel gibt es mehr Regulierung als vor der Finanzkrise. Aber es war auch notwendig, bestimmte Parameter neu festzulegen. Nicht nur die Finanzkrise, sondern auch verschiedene Banken-Skandale haben Mängel in der bestehenden Regulierung vor Augen geführt. Diese wurden nun korrigiert.

Also ist es nicht so, dass die Banken quasi jeden Tag Dutzende neuer Regeln berücksichtigen müssen?
Wie gesagt: Es wurden in der Schweiz wie international diverse Schwachstellen in der Regulierung behoben. Aber diese intensive Phase, in der weltweit die Regulierung nachjustiert wurde, neigt sich dem Ende zu. Und man darf nicht vergessen: Wenn man mit anderen Ländern vergleicht, kommen die Schweizer Institute gut weg. Unsere Rundschreiben umfassen insgesamt 1100 Seiten. Das sind 200 bis 300 Seiten mehr als vor der Finanzkrise, über alle beaufsichtigten Branchen gerechnet. In den USA umfasst alleine der Dodd Frank Act mit seinen Ausführungsbestimmungen rund 22000 Seiten, regelt aber nur spezifische Themen im Bankenbereich.

Warum genügt für die Schweizer Finanzbranche ein anscheinend wesentlich dünneres Regelwerk?
Wir erreichen die verhältnismässig geringe Anzahl an Regulierungsparagraphen, indem wir prinzipienorientiert regulieren. Das heisst, es wird, wo immer möglich, nur das Ziel einer Regulierung festgelegt und es werden nicht alle Eventualitäten bis ins letzte Detail durchbuchstabiert. Wie die Beaufsichtigten dieses Ziel erreichen, bestimmen sie selber. So wird auch Rücksicht auf das Geschäftsmodell und die Grösse eines Instituts genommen.

Wann ist Finanzmarktregulierung kontraproduktiv?
Wenn sie unverständlich und unnötig kompliziert ist, wenn sie Wettbewerb und Innovation ohne Grund verhindert oder unnötigen Aufwand verursacht.

Das vollständige Interview mit Thomas Bauer lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der «Schweizer Bank».

* Thomas Bauer (62) präsidiert seit Januar 2016 den Verwaltungsrat der Finanzmarktaufsicht (Finma). Seit 2015 ist er Mitglied des Finma-Verwaltungsrates. Davor war Bauer seit 1990 Richter am Kantonsgericht Baselland in Liestal und seit 1998 Abteilungspräsident im Teilamt. Der Jurist und Anwalt blickt zudem auf eine 20-jährige Tätigkeit bei Ernst & Young in den Legal Services sowie als Partner und als Head Insolvency and Restructuring Law zurück. Nach dem Erwerb des Dr.iur. an der Universität Basel und einigen Jahren anwaltlicher Tätigkeit arbeitete Bauer für die Schweizerische Bankgesellschaft (damalige UBS) und danach für die BfG Bank (Schweiz) AG als General Counsel.

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