Am 11. Juli läutet Ems-Chemie die Berichterstattungsperiode zum 1. Semester 2008 ein (siehe auch Text unten). Analysten erwarten, vom Finanzsektor einmal abgesehen, eine recht robuste Gewinnsaison.

Die Ausblicke auf das Gesamtjahr dürften dagegen verhaltener ausfallen, vor allem aus der Industrie. Kreditausfälle, zurückhaltender Konsum und hohe Energie- und Rohstoffkosten werden negative Spuren in den Erträgen hinterlassen.

Dass dieses Szenario sehr wahrscheinlich ist, belegt eine Firmenumfrage der «Handelszeitung». Von rund 30 befragten produzierenden Unternehmen aus dem Swiss Leader Index und dem Swiss Performance Index der Schweizer Börse gibt rund ein Drittel an, dass – trotz überwiegend guter Auftragslage – die steigenden Energie- und Rohwarenkosten sowie die Volatilität der Preise das Geschäft zunehmend belasten. Zu ihnen gehören unter anderem die Zulieferer Georg Fischer und Rieter und der Chemie- und Biotech-Konzern Lonza. «Vor allem unser Life-Science-Ingredients-Geschäft ist betroffen», ergänzt Lonza-Sprecher Dominik Werner.

Schindler unter Druck

Unter Druck steht auch der Aufzugs- und Fahrtreppenhersteller Schindler. Der Konzern gab am vergangenen Montag bekannt, seine Preise europaweit um 6% für alle Produktbereiche zu erhöhen, um die steigenden Energie- und Rohwarenpreise bewältigen zu können. Ob die Kunden diese Preisrunde mitmachen, wird sich weisen. Die Preise in Nordamerika und Asien-Pazifik hat Schindler bereits angehoben.

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Wachsam zeigen sich Unternehmen wie der Elektro- und Automationskonzern ABB, der Kolbenkompressorhersteller Burckhardt Compression, die Pharmakonzerne Roche und Novartis, der Sanitärtechniker Geberit und der Hochleistungskunststoff-Produzent Gurit.

Bei Gurit stellen Material- und Dienstleistungsbeschaffung mit einem Anteil von rund 60% am Gesamtumsatz einen besonders grossen Kostenfaktor dar. «Der grösste Teil der Rohmaterialien ist im Wesentlichen in Jahresverträgen mit Lieferanten fixiert», sagt Gurit-CEO Rudolf Hadorn. Nur ein kleiner Teil sei an einem laufenden Index orientiert. Aber: «Das Pricing wird herausfordernd, wenn die Preisbewegungen derart unkalkulierbar werden wie in den vergangenen Monaten.» Die Finanzziele 2008 seien dennoch, zumindest aus heutiger Sicht, nicht gefährdet.

Ins selbe Horn stösst Bucher-CEO Philip Mosimann. «Der Druck hat sich akzentuiert», stellt er fest, betont aber: «Das hohe Auftragsvolumen, die Weitergabe der Preise an die Kunden sowie die Produktivitätssteigerungen kompensieren die negativen Effekte.» Bis jetzt wirkten sich die steigenden Energie- und Rohstoffpreise nicht negativ auf Auftragseingang und Gewinn des Industriekonglomerats aus.

Swissmem drängt beim Bund

Die steigende Belastung für die Unternehmen hat auch den Industrieverband Swissmem alarmiert. Zu den explodierten Ölpreisen sagt Swissmem-Präsident, Unternehmer und FDP-Nationalrat Johann Schneider-Ammann: «Meiner Ansicht nach funktioniert der Markt nicht. Es gibt sowohl auf der Anbieter- wie auf der Abnehmerseite ein Oligopol.» Die Händler seien ebenfalls organisiert. «Also steigt der Preis», kritisiert Schneider-Ammann. Werde das Angebot noch zusätzlich verknappt, so steige der Preis noch stärker. Es handle sich demnach um eine «doppelte Spekulation».

Vergangene Woche forderte der Bund Deutscher Industrie (BDI) die deutsche Regierung auf, die Mineralölsteuer zu senken, um die Unternehmen zu entlasten. «Der deutsche Vorschlag ist nicht so abwegig», meint Ammann, «nur kommt er sicherlich zu spät.» Jede politische Korrektur dauere unendlich lange. Dagegen müssten aber die administrierten Preise vermindert werden. «Auch bei uns», fordert Ammann. «Damit wird die Wirtschaft zugunsten gesicherterer Arbeitsplätze unterstützt.» Der jetzige Zeitpunkt – eine konjunkturelle Abkühlung vor Augen – biete sich dafür geradezu an.

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Auf jeden Fall dränge Swissmem darauf, «dass wir uns gegenüber europäischen Standorten nicht durch Zusehen benachteiligen».

Daneben plädiert Schneider-Ammann, der in dieser Woche in einer Delegation von Bundesrätin Doris Leuthard in Russland unterwegs ist, für ein Freihandelsabkommen mit dem rohstoffreichen Land. Nicht nur im Hinblick auf die strategische Versorgung der Schweiz, sondern auch aufgrund der Absatzmöglichkeiten. «Für unsere Industrie ist Russland einer der bedeutendsten Wachstumsmärkte», weiss Schneider-Ammann.