Weltweit gibt es erst ganz wenige erfolgreiche E-Commerce-Anbieter für Lebensmittel. LeShop aus der Schweiz ist einer davon und wächst seit Jahren im zweistelligen Prozentbereich. Wie organisiert dies der Online-Supermarkt des Detailhandelriesen Migros? Dieses und weitere IT-Geheimnisse wird der eXperience Event 2009 (siehe Kasten) lüften. Die durch Business Software unterstützte Organisation von LeShop ist Gegenstand einer von sechs Fallstudien, die an der Konferenz vorgestellt werden.

Veranstalter ist das Competence Center E-Business Basel an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Dort arbeitet man seit 1999 an Fragen der Konzeption sowie des Managements von Geschäftskonzepten, die wesentlich durch Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) unterstützt werden.

Um das erarbeitete Wissen zu vermitteln, setzt man seit 2000 auf Fallstudien. «Sie machen abstrakte Anwendungskonzepte anschaulich», erklärt Ralf Wölfle, Leiter des Competence Center E-Business Basel. «Da die Fallstudien die aktiv Beteiligten nennen, sind sie zudem besonders glaubwürdig.» Die Initia-tive erhielt den Namen eXperience und hat den Rahmen der FHNW längst verlassen. Mehr als 80 Autoren von deutschsprachigen Hochschulen - die meisten davon in der Schweiz - haben zwischenzeitlich über 140 Fallstudien erarbeitet. Ihnen allen liegt eine wissenschaftlich erarbeitete Systematik zu Grunde. Diese beinhaltet einheitliche Begriffe und Grafiken.

Verbreitung über mehrere Kanäle

Zwei andere Praxisbeispiele am eXperience Event 2009 zeigen, wie namhafte Konzerne ihre Beschaffung durch IKT unterstützen: UBS und Schindler geben Einblick in ihr E-Procurement. Die Grossbank präsentiert ihren optimierten dezentralen Bestellungsprozess für Dienstleistungen, Betriebs- und Unterhaltsmaterial. Die Business Software schliesst dabei den Kreis von der Bedarfsfestlegung bis hin zur Rechnungsfreigabe. Der Lifthersteller seinerseits schildert die Beschaffung für Aufzugkomponenten. Der weitgehend automatisierte Prozess reicht nicht nur von der Bestellung bis zur Fakturierung, sondern umfasst auch die länderübergreifende Abstimmung der dazugehörigen Transporte.

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eXperience hat einen Jahresrhythmus. Dabei wird jeweils ein Themenschwerpunkt definiert - dieses Jahr lautet er: «Dauerhafter Erfolg mit Business Software.» Dazu werden Fachbeiträge und Fallstudien ausgearbeitet. Die Praxisbeispiele werden der Öffentlichkeit über mehrere Kanäle zugänglich gemacht, etwa in einer Buchreihe im Hanser Verlag oder in Publikationen in Fachzeitschriften. Wölfle fügt hinzu: «Im Unterschied zu vielen anderen Veranstaltungen, bei denen der erarbeitete Inhalt mit dem Ende des Events keine Bedeutung mehr hat, sorgt eXperience für eine hohe Reichweite und eine nachhaltige Verfügbarkeit.»

Anregungen zur Problemlösung

Die in den letzten zehn Jahren gesammelten Werke des Competence Center E-Business Basel sind auch online abrufbar, und zwar in der Datenbank www.eXperience-online.ch. «Der Nachteil: Es ist keine Bettlektüre, man muss damit arbeiten», sagt Wölfle. «Der Vorteil: Das Angebot ist kostenlos.» Wer Projekte mit Business Software zu gestalten hat und sich nicht allein auf die Aussagen von IKT-Dienstleistern abstützen will, findet dafür bei eXperience Online den reichen Erfahrungsschatz aus 450 realen Projekten. Neben den 140 eigenen sind es 310 fremde, die vom Competence Center E-Business Basel nach inhaltlicher Prüfung frei geschaltet wurden.

Die Datenbank erzielt gemäss Wölfle 5000 bis 8000 Sessions monatlich, wobei die meisten User über Suchmaschinen generiert werden. Besonders gute Platzierungen - so etwa auf Google - werden bei deutschsprachigen Fachbegriffen und Firmennamen erzielt. «Nicht nur Dozenten und Studenten nutzen den Fundus an Fallstudien. Auch Vertreter von Unternehmen bedienen sich der Plattform regelmässig», ergänzt Wölfle. Es sind IT-Nachfrager sowie IT-Anbieter. Sie bereiten sich auf ein Projekt vor und recherchieren nach potenziellen Lösungen. Dass man diese dann einfach kopieren könne, sei nicht sehr realistisch. «Wer eine Biografie liest, kann danach auch nicht dieses Leben leben», so Wölfle, «wohl aber wertvolle Anregungen finden.»

Auf www.eXperience-online.ch lässt sich nach Kriterien wie Firmen, Branchen, Konzepten oder Begriffen suchen. Wer etwas Interessantes gefunden hat, kann es mit Schlagworten versehen und zu my eXperience hinzufügen. Natürlich kann er Beiträge auch bewerten oder kommentieren. Ein einmal erstelltes Suchprofil kann abonniert werden - kommt neuer passender Inhalt auf die Datenbank, wird man informiert.

Wer etwa seine Produkte sowohl via Internetshop als auch in Verkaufsläden absetzen will, kann sich danach auf die Recherche begeben. Aktuell findet der Nutzer Freitag, den Zürcher Hersteller von Taschen aus gebrauchten Alltagsmaterialien wie Lastwagenplanen. Nach dem eXperience Event 2009 wird er zudem auf Digitec stossen, den Zürcher Verkäufer von IT und Unterhaltungselektronik.

Wissenstransfer in die Wirtschaft

Seit Anfang Jahr ist ein neuer Bereich unter www.eXperience-online.ch aufgeschaltet, nämlich eXperience based training. Er ist ausschliesslich Lehrkräften vorbehalten, die sich für einen Zugang anmelden müssen. «Bislang haben sich 40 Personen registriert», sagt Achim Dannecker, Dozent am Competence Center E-Business Basel. Die Fallstudien der Datenbank sollen vermehrt Einzug in die Lehre halten, so das Ziel dieses Engagements, um den Wissenstransfer zwischen Wirtschaft und Hochschulen zu fördern.

Das wurde auch in der Vergangenheit schon gemacht, denn viele Autoren sind Dozierende. Um die aufwendige Vorbereitung auf die fallstudienbasierte Lehre zu erleichtern, tauschen sie ihre Unterlagen nun über die Plattform untereinander aus. «Neu lassen sich auch Lehrbeispiele aus mehreren Fallstudien kreieren», führt Dannecker aus. Denn: «Aus Extremen lernt man am besten.»