Wird die Schweizer Exportwirtschaft bis Ende Jahr wieder anziehen?

Daniel Küng: Eine deutliche Besserung ist noch nicht in Sicht - allerdings gehe ich von einer Bodenbildung aus. In gewissen Branchen wird es einen gewissen Aufwärtstrend geben, der jedoch noch nicht nachhaltig ist.

Wann rechnen Sie mit einer nachhaltigen Besserung?

Küng: Wir werden ab dem 4. Quartal 2009 eine leichte Besserung sehen, die sich über das ganze Jahr 2010 erstrecken wird. Doch schnell wird der Aufschwung der Schweizer Exportwirtschaft nicht gehen. Um die Buchstabenanalogie zu verwenden: Wir befinden uns gegenwärtig in einer L-Situation mit einer langsamen, stetigen Erholung.

Welche Branchen werden vom Aufschwung am schnellsten profitieren?

Küng: Die Konsumbranche und die Infrastruktur, weil im Rahmen der Stabilisierungsprogramme weltweit Milliardengelder gesprochen wurden. Im Maschinen- und Anlagenbau dagegen sieht es noch düster aus, weil wir nach wie vor Überkapazitäten haben.

Wird die Schweizer Exportwirtschaft je wieder die Rekordwerte der Jahre 2007 und 2008 erreichen?

Küng: Das glaube ich. Der einzige Faktor, der dagegen sprechen könnte, sind die protektionistischen Tendenzen, die man in letzter Zeit beobachtet. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass mittel- und langfristig der Globalisierungsgrad, den wir erreicht haben, nachhaltig beeinträchtigt würde. Die Exportwirtschaft wird sich weiterentwickeln, wenn auch nicht mehr im gleichen Tempo, und wieder die 200-Mrd-Fr.-Marke erreichen.

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Wie hoch schätzen Sie den Gesamteinbruch der Exportwirtschaft?

Küng: Ich gehe dieses Jahr von 12% aus.

Also auf rund 180 Mrd Fr.

Küng: Ja, etwa in dieser Grössenordnung dürfte das Schweizer Exportvolumen Ende 2009 liegen. Es wird aber nicht so sein, dass wir Ende 2010 wieder bei 200 Mrd Fr. sein werden.

Wann dann?

Küng: In frühestens zwei Jahren, also Ende 2011.

Was bedeutet die Rezession für die Exportwirtschaft?

Küng: Ich sehe eine Strukturbereinigung auf uns zukommen. Beispielweise wird die Finanzwirtschaft nicht mehr den gleichen Stellenwert haben wie vor Ausbruch der Krise. Diese Lücke muss von anderen Sektoren gefüllt werden. Von Strukturdefiziten gehe ich jedoch nicht aus.

Wer wird diese Lücke füllen?

Küng: Das ist einer der Aufgaben, die wir mit den Stabilisierungsmassnahmen der dritten Stufe angehen wollen. Der Bundesrat hat uns 25 Mio Fr. zugesprochen, um sogenannte Exportplattformen aufzubauen. Ich hoffe, dass das Parlament dem Antrag des Bundesrates folgt und die entsprechenden Mittel im Bundesbudget 2010 in der Wintersession gutheissen wird.

Mit welcher Absicht?

Küng: Der Finanzsektor machte vor der Krise knapp 11% des Bruttoinlandproduktes aus. Doch wird der Anteil um rund 2 Prozentpunkte abnehmen. Das bedeutet, dass von den rund 500 Mrd Fr. BIP etwa 10 Mrd Fr. fehlen werden. Ziel von Osec ist es, jene Sektoren, die ein grosses Potenzial haben, so zu positionieren, dass sie in diese 10-Mrd-Fr.-Bresche springen können.

Welche Branchen sind dies?

Küng: Wir sehen drei Bereiche: Die Umwelttechnologien und erneuerbaren Energien, Health und Life Sciences sowie Architektur, Industriedesgin und Engineering. In all diesen Bereichen sind Schweizer Firmen hervorragend positioniert, doch häufig zu klein und zu wenig strukturiert für den Export. Deshalb wollen wir für diese Branchen Exportplattformen aufbauen.

Braucht es überhaupt solche Massnahmen? Der Schweiz als Exportland ist doch am besten gedient, wenn die Weltwirtschaft wieder wächst.

Küng: Es stimmt nicht, dass der Export nur von der Nachfrage abhängig ist. Entscheidende Faktoren sind nebst dem Wechselkurs vor allem die Exportfähigkeiten unserer Firmen - und hier kommen wir zum Zuge.

Das tönt nach einem Werbespot für die Osec.

Küng: Nein, überhaupt nicht. Wir wollen Firmen, die noch nicht im Export tätig sind, helfen, ins Ausland zu expandieren. Oder eben auch ganzen Sektoren, von denen wir wissen, dass sie einen Technologievorsprung haben. Unser Ziel ist es, diese Firmen zu bündeln, ihr Potenzial sichtbar zu machen, indem wir mit ihnen einen gemeinsamen Brand entwickeln, um danach en bloc in die Exportmärkte zu gehen. Wir können nicht die Nachfrage stimulieren, aber die Exzellenz unserer Firmen verbessern und sie für den Export positionieren.

Können Sie ein Beispiel geben?

Küng: In China werden neue Städte aus dem Boden gestampft, und die Schweiz ist in der Gebäudetechnologie ein führender Anbieter - von der Architektur über die Intelligenz in den Gebäuden bis zu den Bauwerkstoffen. Doch sind aus diesem Sektor nur wenige Schweizer Firmen in China, weil sie meist zu klein sind und für sie allein ein solcher Schritt ins Ausland nicht in Frage kommt. Deshalb will die Osec diese Firmen und ihre Kompetenzen in Exportplattformen zusammenbringen, mit ihnen an Messen auftreten und so Business-to-business-Kontakte ermöglichen.

Sind Schweizer Firmen auch bereit, unter einem gemeinsamen Dach aufzutreten?

Küng: Wenn der Leidensdruck genügend stark ist, schon. Es hat im Gesundheitsbereich in der Vergangenheit zwei, drei ähnliche Vorstösse gegeben, die jedoch nicht gefruchtet haben. Wir haben jetzt aber bereits zehn Akteure, darunter auch Universitätskliniken, die für eine solche Gesundsundheitsplattform unterschrieben haben. Am Swiss Village von Masdar City, wo in Abu Dhabi eine CO2-neutrale Ökostadt gebaut wird, sind bereits über 100 Schweizer Firmen engagiert. Anfang Jahr, als wir die Initiative zu unterstützen begannen, waren es zwei Dutzend. Vor zwei, drei Jahren hätte man das in so kurzer Zeit nie hingebracht.