Der Jahresabschluss 2009 wird nicht überall angenehm. Gibt es deswegen mehr Druck von den Firmenleitungen auf die Revisoren?

Markus Neuhaus: Was den Gewinn betrifft, werden die Rechnungsabschlüsse 2009 schlechter ausfallen als im Jahr zuvor. Obwohl wir schon damals in wirtschaftlich härtere Zeiten gerieten, konnten viele Gesellschaften bestehende Aufträge noch zu Ende führen. Das galt im abgelaufenen Jahr nicht mehr. Damit stellen sich grundlegende Fragen bis hin zum Fortführungsprinzip, die nun häufiger auftauchen. Insgesamt werden wir von den Firmenleitungen nicht ungebührlich unter Druck gesetzt.

Der Manövrierraum bei Ertrag und Liquidität ist enger geworden.

Neuhaus: Ja, das sieht man auch bei Unternehmen, die durchaus über eine solche Manövriermasse verfügen, aber äusserst vorsichtig damit umgehen.

Aus den wirtschaftlichen Boomzeiten sind noch teuer bezahlte Akquisitionen in den Büchern. Das dürfte zu heiklen Bewertungsfragen führen.

Neuhaus: Durchaus. Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied im Vergleich zum Platzen der Dotcom-Blase. Auch wenn vor der jüngsten Finanzkrise hohe Preise bezahlt wurden, lagen sie doch deutlich unter den damaligen Fantasiepreisen, die ohne reale Basis waren. Jetzt hat man etwas vernünftigere Goodwill-Positionen in den Büchern. Entscheidend ist der Zeithorizont.

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Welche Aussagekraft hat eine Jahresrechnung?

Neuhaus: Wir bestätigen mit unserem Testat, dass der Abschluss in Übereinstimmung mit einem bestimmten Regelwerk und frei von wesentlichen Fehlern ist. Damit vermittelt die Jahresrechnung ein korrektes Bild zur momentanen finanziellen Situation und zu den Veränderungen bei der Liquidität.

Worauf muss ein Anleger sonst noch achten?

Neuhaus: Wir haben den Begriff der «Corporate Reporting Supply Chain» geprägt. Darin ist der Bericht des externen Revisors ein Modul. Dazu kommt die Kommunikation der Gesellschaft über ihre finanziellen und nichtfinanziellen Leistungen, die sie erbringt. Auch Berichte von Analysten gehören zu diesem Gesamtbild.

Wenn ein Unternehmen in eine Schieflage gerät, wird rasch auch die Revisionsgesellschaft mit ihren Deep Pockets eingeklagt. Wie reagieren Sie in solchen Fällen?

Neuhaus: Man will zwar an diese Deep Pockets herankommen, aber es gelingt nur selten. Es muss dem Abschlussprüfer schon eine widerrechtliche Handlung mit einem entsprechenden Verschulden, dem kausalen Zusammenhang und dem Schaden nachgewiesen werden. Primär stehen der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung in der Verantwortung. Der Revisor nimmt die Rolle eines Kontrolleurs ein. Er ist deshalb nicht gleich haftbar wie der Primärhandelnde. Gemäss geltendem Obligationenrecht ist die Sache ungünstig geregelt, weil alle solidarisch miteinander haften. Das ist eine unsinnige Lösung, weil wir unabhängig von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung sein müssen.

Im neuen Aktienrecht soll sich das ändern. Ist das ein gangbarer Weg?

Neuhaus: Ja. Die Revisionsgesellschaft könnte bei dieser neuen Regelung nur noch auf eine Schadenhöhe eingeklagt werden, die auch in einem Regress-Fall bei ihr hängen bliebe. Wir unterstützen eine solche gesetzliche Neufassung.

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Wird in der aktuellen Krise wieder vermehrt eingeklagt?

Neuhaus: Bis jetzt spüren wir davon nichts, aber nach jeder Krise steigt die Zahl der gerichtlichen Auseinandersetzungen.

Neu gibt es ein besser ausgestaltetes Internes Kontrollsystem (IKS). Wird damit die Arbeit der Revisoren erleichtert?

Neuhaus: Das Erfordernis für ein IKS kann grundsätzlich positiv beurteilt werden. Es wird intern strukturierter kontrolliert und dokumentiert. Dies hebt den Führungsprozess auf ein höheres Niveau. Als Revisionsstelle erhalten wir damit auch qualitativ bessere Unterlagen und können uns stärker auf interne Kontrollen abstützen.

Suchen die Verwaltungsräte vermehrt die Unterstützung durch den Revisor?

Neuhaus: Da gibt es zwei Möglichkeiten: Die Verwaltungsräte suchen diese Unterstützung bereits bei der Aufarbeitung der finanziellen Zahlen, oder sie stützen sich auf Erkenntnisse der Wirtschaftsprüfer quasi als Gegengewicht zum Management. Oft sucht der Verwaltungsrat die Anlehnung bei der Revisionsstelle, weil die Kenntnisse über die Regelwerke nur lückenhaft vorhanden sind.

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Sollte das Accounting-Wissen im Verwaltungsrat besser verankert sein?

Neuhaus: Ja, das ist ein Bereich, in dem viele Verwaltungsräte an ihre Grenzen stossen. Es hat noch zu wenige semiprofessionelle und externe Mitglieder im Aufsichtsgremium, die über detaillierte finanzielle Fachkenntnisse verfügen.

Die immer komplexeren Rechnungslegungsstandards geraten in die Kritik. Einige börsenkotierte Firmen haben von IFRS zum einfacheren nationalen Standard Swiss GAAP FER gewechselt. Können wir diesen Trend auch 2010 beobachten?

Neuhaus: Dieser Trend wird sich fortsetzen. IFRS ist komplex. Die Konversion mit US GAAP führt dazu, dass sich IFRS noch weiter «rules-based» entwickeln wird. Das ermuntert zahlreiche Schweizer Firmen zum Wechsel zum Domestic Standard der SIX Swiss Exchange. Die Umstellung auf Swiss GAAP FER hat noch andere angestrebte Vorteile, wie etwa eine eingeschränkte Sektor-Berichterstattung.

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Wie gut ist die eingeschränkte Revision bei den Unternehmen angekommen?

Neuhaus: Das ist eine Alternative, die sich bereits etabliert hat.

Es gibt auch die Möglichkeit des Opting-out, also auf eine Revision ganz zu verzichten.

Neuhaus: Das haben einige operative Gesellschaften im Kleinstbereich genutzt. Zudem verzichten gewisse Konzerne bei inaktiven oder wenig aktiven Gruppengesellschaften auf die Revision. Das Opting-out lässt sich aber zahlreich bei den Neugründungen beobachten.

Der Ständerat möchte das Kleingewerbe mit weniger als 250000 Fr. Umsatz im Rahmen der neuen Rechnungslegungsvorschriften von der Buchführungspflicht ausnehmen. Ist das sinnvoll?

Neuhaus: Nicht unbedingt. Selbst bei etwa nur 50000 Fr. Umsatz muss im Betrieb eine finanzielle Ordnung herrschen.

Die gewichtigen Wirtschaftsprüfungsfirmen sind auch im KMU-Bereich tätig. Sieht sich PwC da nicht einem schärferen Konkurrenzkampf gegenüber?

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Neuhaus: Der Wettbewerbsdruck verstärkt sich laufend. Wir sind schon lange im KMU-Segment präsent und halten mit einem Umsatz von über 200 Mio Fr. in diesem Bereich die Leaderposition. Unsere Trümpfe können wir insbesondere dort ausspielen, wo die kleineren und mittleren Unternehmen ein internationales Beziehungsnetz haben.

Werden neue Mandate vor allem über den Preis geholt?

Neuhaus: Es ist immer die Kombination zwischen Preis und Leistung.

Hat die Krise den Preiskampf verschärft?

Neuhaus: Ja.

Die Revisionsaufsicht sorgt seit zwei Jahren für mehr Qualität in der Branche. Führt das zu einer stärkeren Konzentration?

Neuhaus: Erstaunlich viele Revisionsfirmen wollen sich der Aufsicht unterstellen, obwohl sie gar keine kotierten Gesellschaften prüfen und deshalb nicht zwingend der Aufsicht unterstellt sind. Da erwarten wir noch einige Rückzüge, weil die Revisionsaufsicht doch mit erheblichen Kosten verbunden ist.

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Schlucken die grossen Wirtschaftsprüfer die kleinen nationalen Revisionsfirmen?

Neuhaus: Früher sind die grossen Revisionsgesellschaften vor allem über Zukäufe gewachsen. Das geschieht heute nur noch in Ausnahmefällen. Das organische Wachstum steht im Vordergrund.

Die «Big 4» stellen sich global neu auf. Bevorzugt werden regionale Clusters. Welche Strategie verfolgt PwC?

Neuhaus: Wir haben drei Clusters gebildet - mit den Americas, Europa, ergänzt um Indien, den Mittleren Osten und Afrika sowie Asien. Das stützt sich auf Effizienzüberlegungen. Wichtig ist für uns, dass wir über eine einheitliche globale Strategie verfügen, die aber mit sehr viel lokaler Marktverantwortung umgesetzt wird. Da unterscheiden wir uns von den Mitbewerbern.

Alle Entscheidungen werden also in den Ländergesellschaften getroffen?

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Neuhaus: Die operativen Entscheide ja, aber immer abgestützt auf die global definierte Strategie. Internationale Mandate werden nicht isoliert nur in der Schweiz betreut, allein gestützt auf Schweizer Entscheide, sondern das geschieht international koordiniert.

Richten sich die Wirtschaftsprüfungsfirmen verstärkt auf das Beratungsgeschäft aus?

Neuhaus: PwC fokussiert sich gleichermassen auf die Wirtschaftsprüfung und das Beratungsgeschäft.

Was wird vor allem nachgefragt?

Neuhaus: Es sind Fragestellungen im Bereich Turnaround, Recovery und finanzielle Analysen. Weniger bedeutsam sind derzeit noch Beratungen bei Projektinvestitionen, da solche aufgrund der Wirtschaftslage bloss auf tiefem Niveau stattfinden. Das M&A-Geschäft bleibt auf einem tiefen Niveau. Die Steuerberatung dürfte sich moderat weiterentwickeln.

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