Firmenchef Josef Maushart wurde es im Oktober 2008 unwohl. Die Investment Bank Lehman Brothers war pleite, das Gespenst einer Kreditklemme ging um. «Wir hatten einen Finanzierungsbedarf von 15 Millionen Franken. Das entsprach sämtlichen verfügbaren Limiten, die wir zu dieser Zeit hatten», erzählt er. Mausharts Werkzeugherstellerin Fraisa am Jurasüdfuss in Bellach SO ging es wie vielen in der Industrie. Reihum begannen Firmen in den Folgejahren der Lehman-Pleite Leute zu entlassen oder zu schliessen.

Die Zellulosefabrik Attisholz/Bore­gaard machte im Herbst 2008 dicht. Die Hallen standen leer und 440 Menschen auf der Strasse. Im März 2011 schloss die Papierfabrik Biberist. 550 Menschen waren plötzlich ohne Arbeit. Zwischen 2014 und 2016 gab die Firma Scintilla ihre Produktion von Werkzeugen für den Holzbereich in Zuchwil SO auf. Kurzum: Viele pfiffen aus dem letzten Loch oder gaben auf. Die Finanz­krise hatte die Realwirtschaft erfasst.

Der Zusammenhang schien eindeutig: Die Banken vertrauten niemandem mehr, wollten kein Geld mehr verleihen. Firmenkredite wurden knapp. Industrieverbände mahnten, es fehle hinten und vorne das Geld. Firmenlenker prügelten auf die Banken ein, eine «Kreditklemme» zu verursachen. 2009 wurde das Wort 1127-mal in der Schweizer Mediendaten-bank SMD erfasst. So oft wie nie. Standen die Banken auf der Bremse, als sie hätten stützen sollen?

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Bundesraetin Simonetta Sommaruga, Vorsteherin des Eidgenoessischen Justiz- und Polizeidepartement EJPD, mit CEO Josef Maushart, auf dem Besichtigungsrundgang, anlaesslich des Tag der Arbeit, in der Firma Fraisa SA, am Donnerstag, 1. Mai 2014, in Bellach. Die Fraisa SA stellt Zerspanungswerkzeuge zur Metallbearbeitung her und beschaeftigt 215 Mitarbeiter. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)....

Fraisa-Chef Josef Maushart bei einer Fabrikbesichtigung mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga (2014)

Quelle: Keystone .

Die Banken widersprechen. Es habe keine Kreditklemme gegeben, sagt ­Andreas Gerber, Leiter KMU Schweiz bei der Grossbank Credit Suisse. «Die Vergabekriterien für Firmenkredite wurden infolge der Finanzkrise nie ­verschärft», sagt er. «Im Gegenteil.» In den Jahren nach 2008 habe man eher versucht, Opportunitäten zu nutzen.

Es bleibt der Blick in die Zahlen. Die «Handelszeitung» hat die Banken­statistik der SNB ausgewertet. Und die zeigt: Einen generellen Einbruch gab es nicht. Die Summe der Firmenkredite wuchs nach 2008 praktisch ungebremst weiter und liegt heute rund 40 Prozent über dem Stand von vor der Krise.

Kunden wechselten die Bank, weil sie wollten

Doch es kam zu Verschiebungen. Die Grossbanken blieben hinter dem Markt zurück und liegen heute immer noch auf dem Stand von 2008. Sie verloren Marktanteile: Hielten sie Ende 2008 noch 33 Prozent aller Firmenkredite, so waren es im Juni 2018 nur noch 24 Prozent. Wie sich die Entwicklung auf die beiden Banken verteilt, ist unklar. UBS und CS wollten sich auf Anfrage nicht dazu äussern. Der Rückgang war wohl nicht gewollt. Der Ruf – besonders jener der UBS – war im Keller. Viele Kunden wechselten die Bank. Nicht weil sie mussten, sondern weil sie wollten.

Und noch etwas fällt auf: Nach 2008 kam es zu grossen Schwankungen bei Krediten, die nicht mit Sicherheiten gedeckt waren (siehe Grafik unten). Vor allem bei den Grossbanken gab das Kredit­volumen stark nach, was auch von den übrigen Banken nicht kompensiert wurde. Hier schrumpfte der Markt ­tatsächlich um bis zu 5 Milliarden ­Franken. Erst jetzt nähert sich das ­Volumen dieser ungedeckten Kredite ­wieder dem Vorkrisenstand an.

Wurden Unternehmen ohne Sicherheiten fallengelassen? Natürlich gebe es immer Situationen, in denen man von Kunden Sicherheiten verlange, sagt CS-Banker Gerber. Einen Zusammenhang mit der Krise hingegen sieht er nicht. «Wir änderten damals unsere Vergabekriterien nicht.»

Im Nachgang zur Krise hätten die Schweizer Unternehmen ihre Investi­tionen reduziert und Liquidität angehäuft, um Flexibilität zu wahren, sagt Gerber. «Dies führte unmittelbar zu ­einer reduzierten Nachfrage nach ungesicherten Krediten.»
 

Den Vorwurf, die Banken hätten ein Industriesterben verursacht, hört man heute nicht mehr oft. Auch nicht in ­Industriekreisen. «Aus dem Markt ausgeschieden sind Unternehmen, die entweder über mehrere Jahre rote ­Zahlen schrieben», sagt Unternehmer Maushart. «Oder bei denen die Konzernmutter eine Bereinigung der Überkapazitäten und gruppenweite Ertragsoptimierungen angestrebt hat.» Der Fraisa-Chef weiss, wovon er spricht. Er erinnert sich bestens an diese Zeit. ­Zudem sitzt er in einem der regionalen Wirtschaftsbeiräte der Nationalbank und kennt auch die Sicht der Banken.

Auch der Direktor des Industrieverbands Swissmechanic, Jürg Marti, sagt: «Die Lehman-Pleite hat nicht zwingend zu einer Kreditklemme geführt.» Allerdings hätten die Banken aufgrund strengerer Regulierungsvorschriften die Risiken für Unternehmen im Einzelfall neu bewertet.

Der Wechselkurs war wichtiger

Gelitten haben die Unternehmer trotzdem. In der ersten Phase nach dem Aus von Lehman – Herbst 2008 bis Herbst 2011 – mussten viele Firmen Umsatzrückgänge hinnehmen, Jobs abbauen oder Kurzarbeit einführen. Doch nicht die Kreditpolitik der Banken war für viele der Auslöser, sondern der Wechselkurs des Euro. Dieser wertete sich von 1,62 Franken im Sommer 2008 in nur drei Jahren auf kurzfristig bis zu 1,03 ab.

Das verteuerte die Exporte und zwang die Unternehmer zu harten Schritten. Die zweite Phase der Krise hielt von September 2011 bis Januar 2015. Die Nationalbank führte für den Euro eine Wechselkurs-Untergrenze von 1,20 Franken ein und verteidigte diese um jeden Preis. Das gab den Unternehmen Luft für eine Verschnaufpause. Das Vertrauen kam zurück.Doch die Konjunktur im EU-Raum schwächelte und mit ihr das Export­geschäft. Für Investitionen wurde kein Kapital gebraucht und so bauten Schweizer Unternehmen mit den liquiden Mitteln Schulden ab.

Christoph Blocher, Nicolas Hayek und Christian Levrat an der Pressekonferenz in Bern.

Alt Bundesrat Chrisoph Blocher (SVP), Nicolas.G.Hayek (Swatch) und SP-Präsident Christian Levrat, fotografiert am 11. September 2009.

Quelle: Keystone .

Gemeinsam gegen die Grossbanken

Es war eine unheilige Allianz aus dem Lehrbuch: Im September 2009 traten SVP-Vordenker Christoph Blocher, Swatch-Chef Nicolas Hayek und SP-Präsident Christian ­Levrat gemeinsam auf, um die Banken zurückzubremsen. Diese seien zu gross geworden, die Banker zu gierig. Die Kritik war der Startschuss für die «Too big to fail»-Diskussion und die schärfere Bankenregulierung.

In der dritten Phase dann der Schock: Im Januar 2015 hob die SNB die Wechselkurs-Untergrenze auf. Der Franken wertete sich weiter auf, die ­Situation auf dem Exportmarkt wurde wieder schwieriger. Viele Unternehmen hatten sich an den 1,20-Kurs gewöhnt und vergassen, ihre Ausland­geschäfte abzusichern.

Die Grenchner Präzisionstechnikfirma Michel AG war eine der Firmen, die aufgeben musste. In einer Mitteilung schrieb Präsident Konrad Beck: «Das Unternehmen konnte dem Druck des internationalen Marktes nach ­Aufhebung des Euro-Mindestwechselkurses nicht mehr standhalten.» Der Konkurrenzdruck wurde zu stark. Von den Banken sprach da niemand mehr.

Trotz Entlassungen und Kurzarbeit: Eine Deindustrialisierung der Schweiz fand nicht statt. Von den grossen Branchen musste infolge der Finanzkrise nur eine Federn lassen: der Banken­sektor, dessen Wertschöpfung bis 2016 um 35 Prozent gefallen ist. War die ­Panik der Industrie künstlich?

Der Einbruch der Industrie war kurz, aber heftig

Wohl kaum. Vor allem 2009 kam es zu heftigen Einbrüchen. Im Maschinenbau sank die Wertschöpfung um 13 Prozent, in der Uhrenindustrie um 14 Prozent. Auch der Grosshandel spürte die schleppende Konjunktur. Andere Branchen wie die Pharmaindustrie, der Bau oder Versicherer zeigten sich krisenresistent. Die Wirtschaft erholte sich: Bereits 2011 bewegte sich die Wertschöpfung in fast allen grossen Branchen wieder über dem Niveau von 2007. Nachhaltig verloren hat nur der Maschinenbau, der seine Verluste nie so ganz wettmachen konnte.

Inzwischen hat der Wind gedreht. Seit 2016 profitiert die Wirtschaft von einer guten Kon-junktur. Bei den Grossbanken ziehen die Kredite wieder an. Und Swissmem vermeldet Auf-tragseingänge für die Industrie, die 24 Prozent über den Vorjahreswerten liegen.

«Wir haben radikal umstrukturiert, um einen sicheren Betriebspunkt bei zwei Drittel des alten Umsatzes wiederzufinden», sagt Maushart. Wer die Korrekturen versäumt hat, hatte es schwer.