Seit ein paar Monaten befinden sich in der ehemaligen Getreidemühle von Roggwil TG moderne Geschäftsräume, die wie ein Fitnesscenter erscheinen. Die Angestellten in den Büros sitzen nicht, sondern stehen auf Laufbändern oder auf weichen Matten an Stehpulten, während sie am Computer, Telefon oder mit Papieren beschäftigt sind.

Die Firma demonstriert selber jenes Bewegungskonzept, das sie weltweit vermarkten möchte. «Obwohl wir erst seit einem halben Jahr auf dem Markt sind, werden wir vom Erfolg bereits überrumpelt», erzählt Firmengründer und Verwaltungsratspräsident Karl Müller. Ihm kann das recht sein, denn bereits 2008 soll die junge Firma schwarze Zahlen schreiben. «Was immer ich starte, muss sofort rentieren, ich fange kein Geschäft an, das rote Zahlen schreibt», sagt der unkonventionell auftretende Geschäftsmann. Bei Ärzten, Physiotherapeuten, Betagtenbetreuern, Fussballtrainern, Managern oder Lehrern stosse Kybun auf grosses Interesse, sagt er.Das Wort «kybun» ist koreanisch und bedeutet «gutes Gefühl» oder «Wohlbefinden». Weniger sitzen, dafür auf einer weich-elastischen Unterlage federnd stehen oder an Ort gehen, heisst die Devise. Vor Jahren machte der ursprüngliche Maschineningenieur Müller die verblüffende Entdeckung, dass das Barfussgehen über Reisfelder seine Rückenbeschwerden lindert. Daraufhin entwickelte er einen Schuh mit einer Sohle, die selbst auf hartem Boden ein federndes Gehen erlaubt – den inzwischen berühmten MBT-Schuh.

Ganzheitliches Training

Der 55-jährige Müller hätte sich längst auf dem Erfolg ausruhen können. Aber ihm, der sich heute primär als Biomechaniker und Erfinder versteht, schwebte bereits länger ein ganzheitlicheres Trainingsprogramm vor. Seine Geschäftspartner bei MBT konnten sich aber nicht für diese Idee begeistern. So verkaufte er im Herbst 2006 seine Anteile und lancierte daraufhin das Bewegungskonzept Kybun. Müller ersetzt dabei den Stuhl durch eine federnde Unterlage, den Kybounder, und den Tisch durch ein Stehpult. Zur Optimierung empfiehlt er den Kytrainer, ein Laufband mit verschiedenen Mikro-Intervall-Programmen. Damit werden die verschiedensten Muskeln wechselseitig aktiviert und entspannt. Das Kydesk oder Gehpult erlaubt, Training und Arbeit zu kombinieren. Es lässt sich mit Laptop und Telefon zum kompletten Büroarbeitsplatz ausstatten, kann jedoch auch mit Hanteln bestückt werden. Fitness wird somit in den Büroalltag integriert. Die St. Galler Kantonalbank und eine deutsche Versicherung testen derzeit das Konzept. Die Firma hat schon grössere Mengen Kybounder-Matten nach Dänemark und Norwegen liefern können. «Wir probieren in der aktuellen Phase aus, was auf dem Markt alles möglich ist», erklärt der Chef, der sich auf seinen Riecher verlässt.Nebst dem Verkauf von Matten und Laufbändern über Drogerien und Sportartikelshops soll ein Netz eigener Center zur Verbreitung des Kybun-Konzeptes beitragen. Center gibt es bereits in Luzern, Innsbruck und Pusan (Südkorea). Weit gediehen sind auch die Pläne für eine Schuhproduktion. Die Kybun-Matte soll ins Schuhbett integriert werden. Produzieren will Karl Müller in der Schweiz, da ihm das Etikett «Swiss made» wichtig ist.Müller lebt vor, was er propagiert. In seinem Büro legt er täglich zwischen 10 und 25 km zurück. «Dank der wechselnden Bewegungsanreize fühle ich mich am Abend nicht müde, sondern fitter», beteuert er. Die Mischung aus Gehen, Joggen und Balancieren hilft, Stresshormone abzubauen und Fett zu verbrennen sowie konzentrierter und produktiver zu arbeiten. Das gilt besonders für Sitzungen, die Müller durch «Entstehungen» ersetzt.

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«Die Leute laufen lassen»

In drei Jahren sollen weltweit 10000 Kybun-Center die grösste Fitnesskette nach Franchising-System bilden, und in wenigen Jahren möchte Müller mit einigen hundert Beschäftigten ein paar 100 Mio Fr. Umsatz tätigen. Das klingt ambitiös, doch Müller hat bisher seinen Worten stets Taten folgen lassen. Von Skepsis jedenfalls lässt er sich nicht beirren. Er erinnert daran, dass auch über die MBT-Schuhtechnik am Anfang viele die Nase gerümpft haben.Man möchte fast wetten, dass der Mann, einfach weil ihm bisher geschäftlich immer alles geglückt ist, mit Kybun bereits auf der nächsten Erfolgswelle surft. «Wir lassen die Leute laufen», sagt der Glückliche und fügt verschmitzt hinzu: «Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass dies die Welt noch entscheidend bewegen wird.»