Das Gerät ähnelt einer Nespresso-Maschine. Doch was Carlos Ruiz, Chef der Firma Flatev, kürzlich an der Fancy Food Show in New York zeigte, braut keinen Kaffee. Zwar schluckt das Gerät ebenfalls Kapseln. Sie sind aber nicht mit Kaffeepulver, sondern mit 40 Gramm Teig aus Weizen- oder Maismehl gefüllt. Per Knopfdruck entsteht daraus in der Flatev-Maschine eine Tortilla, die mexikanische Variante des Fladenbrots. Frisch gebacken kommt sie nach gut 30 Sekunden aus einem Schlitz der Maschine. Flatev hat den ersten Fladenbrot-Vollautomaten für den Hausgebrauch entwickelt.

An der New Yorker Fachmesse zeigte Flatev erstmals den in den letzten Monaten entwickelten Prototyp. Noch ist er nicht ganz fertig. Doch sollen in den nächsten Monaten die ersten zehn Geräte in Serie gebaut und im amerikanischen Markt getestet werden. Das ist kein Zufall: Die Dachorganisation der 10 Milliarden Dollar schweren US-Tortilla-Industrie schätzt, dass die Amerikaner jedes Jahr mehr als 85 Milliarden Tortillas essen.

Viel Arbeit oder schlechter Geschmack

Mit seinem Tortilla-Vollautomaten will das Startup nicht die Fladenbrot-Hersteller verdrängen, sondern die Art, wie Tortillas zubereitet werden, verändern. Begonnen hat die Geschichte vor drei Jahren in einem Studentenheim in Zürich. Tortillas gehören in Ruiz’ Heimat Mexiko zu den Grundnahrungsmitteln. Die Fladenbrote standen deshalb auch während seiner Zeit an der Universität Zürich auf seinem Speiseplan. Doch von den Fertigtortillas aus dem Plastikbeutel war der Politologiestudent wenig begeistert. «Die Qualität bei den vorgefertigten Tortillas ist nicht annähernd so gut wie bei den hausgemachten.» Das Rezept seiner Mutter war lecker, die Herstellung aber mühsam. Eigenhändig den Teig mischen, pressen und backen war aufwendig. So fragte sich Ruiz, ob man die Zubereitung frischer Tortillas nicht automatisieren könnte – wie das Aufbrühen von Kaffee. Die Idee des Kapselautomaten für Tortillas war geboren.

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Bis der erste funktionierende Prototyp ein Fladenbrot ausspuckte, dauerte es noch zwei Jahre. Ruiz verbrachte zahlreiche Stunden im Keller seines Studentenheims. Mit Louis Franchon holte er sich schon bald einen erfahrenen Wirtschaftsingenieur und langjährigen Kollegen an Bord. An zahlreichen Samstagen trafen sie sich, um Konzepte und Pläne für die Tortilla-Maschine zu besprechen, zu verwerfen und gutzuheissen. Das Projekt bedeutete zunächst viel Arbeit, wenig Freizeit und Lohn. Finanzieren konnte sich Ruiz durch Studentenjobs. Als hart mag er das Startup-Leben dennoch nicht bezeichnen: «Im Studentenheim konnte ich günstig leben. Alles, was ich brauchte, hatte ich. Ich habe trotzdem gut gelebt und gegessen und ich traf mich immer noch regelmässig mit Freunden.»

Ex-Nespresso-Mann an Bord

Seine Begeisterung für die Tortilla-Maschine war ansteckend. Bis zu acht Leute tüftelten ehrenamtlich am Fladenbrot-Gerät mit. Zum Team stiess auch ein Mitbewohner von Ruiz aus dem Studentenheim. Der Maschinenbauingenieur Jonas Müller war ein begeisterter Roboterbauer. So jemand musste doch einen Fladenbrot-Vollautomaten bauen können, war Ruiz überzeugt. Doch vorerst existierte der Tortilla-Automat nur als virtuelle 3D-Grafik. Die Jury von Venture Kick, einem Wettbewerb für Schweizer Startup-Unternehmen, zeichnete das Projekt mit einem Preis von 10 000 Franken aus. Das half, die Idee weiter voranzutreiben und eine Firma zu gründen. Einige Leute stiegen aus, Ruiz, Franchon und Müller blieben. Sie sind die drei Gründer von Flatev. Auch in der nächsten Runde des Wettbewerbs war das Startup erfolgreich. Ruiz und sein Team qualifizierten sich für den Venture-Kick-Final und erhielten weitere 20 000 Franken. Nun wurde der erste Prototyp zum Anfassen entwickelt. Im vergangenen Oktober war der erste voll funktionsfähige Automat zur letzten Runde von Venture Kick fertig. Die Anstrengungen lohnten sich: Flatev bekam 100 000 Franken. Seither arbeiteten neun Leute am Projekt. Neben den drei Gründern stiess auch Sébastien Kulling dazu. Er hatte viele Jahre als Marketingexperte für Nespresso gearbeitet.

Ruiz will als Nächstes mit der ersten Flatev-Kleinserie von zehn Stück in den USA auf Tour gehen. Dann soll das Entwicklungsteam den Tortilla-Automaten verbessern, bevor die erste 100er-Serie in Produktion geht. Zudem soll bald eine eigene Firma in den USA gegründet werden. Für diese nächsten grossen und wichtigen Schritte rechnet Ruiz mit einem Kapitalbedarf von 1,2 Millionen Franken. 700 000 Franken haben Investoren bereits zugesichert, aber noch fehlen 500 000 Franken. Ruiz ist zuversichtlich, das noch fehlende Kapital zu finden. Er glaubt an seine Entwicklung: «Mit unserem Gerät lassen sich Fladenbrote in bester Qualität, aber ohne grossen Aufwand zubereiten.»