Licht betrachtete man als Grundelement der Innenarchitektur. Warum ist der Schein einer Leuchte derart zentral für die Atmosphäre eines Raumes?

Jürg Winterberg: Weil auch der Mensch durch das Tageslicht und dessen natürlichen Rhythmus geprägt ist, kann mit künstlichem Licht nicht nur das Klima eines Raumes, sondern auch die Stimmung seiner Bewohner grundlegend beeinflusst werden. Deshalb sind bei der Auswahl neuer Leuchten Sorgfalt und genügend Zeit angesagt. Welche Tätigkeiten will ich in diesem Raum ausüben? Welche Art von Licht brauche ich dafür? Wie sehr muss man das Licht verschiedenen Gegebenheiten anpassen können? All diese Fragen sollten beim Leuchtenkauf bedacht werden.

Nehmen wir als konkretes Beispiel den Essbereich: Welche Funktionen muss Licht am Esstisch erfüllen? Inwiefern beeinflussen diese die Gestaltung einer Leuchte?

Winterberg: Auch hier stellt sich die Kernfrage nach der Tätigkeit. Stehen grosse Einladungen und tolle Dinner im Vordergrund oder sollen die Kinder am Esstisch auch Hausaufgaben machen und der Papa Zeitung lesen können? Im ersten Fall macht repräsentatives, brillantes Halogenlicht das Rennen, im zweiten kommt flächiges, blendfreies und anpassbares Fluoreszenzlicht zum Zug. Wichtig ist, welche anderen Lichtquellen im Raum vorhanden sind und wie sich die Architektur gestaltet. Beeinflusst wird die Entwicklung einer neuen Leuchte durch all diese Umstände insofern, als für uns der Mensch mit seiner individuellen Sehaufgabe dabei eine zentrale Rolle spielt.

Welche Stimmungen können mit den verschiedenen Pendelleuchten im Essbereich geschaffen werden?

Winterberg: Da sich das Unternehmen nicht auf einen einzelnen Bereich fixiert hat, lässt sich mit unseren Leuchten eine Vielzahl an Stimmungen generieren. Generell ist die Flexibilität einer Leuchte hinsichtlich der verschiedenen Sehanforderungen von grosser Bedeutung. Aus diesem Grunde empfehlen wir für den Essbereich den Einsatz einer dimmbaren Ausführung. So kann das Licht stets rasch und ohne grossen Aufwand den jeweiligen Stimmungen und Gegebenheiten angepasst werden. Als konkrete Beispiele für gelungene Esszimmerbeleuchtungen können folgende genannt werden: «RGB» mit Farblicht und wahlweise direktem Halogen- oder Fluoreszenzlicht, «One by One», «Cloud2» und «Disk» für flächiges Licht, «Updown» für flächiges Licht mit Lenkmöglichkeiten, «Blossom» für direktes, warmes Glühlampenlicht und «Fokus» für entblendetes, spannendes Halogenlicht.

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Um innovativ und dynamisch zu bleiben, wird für Neuentwicklungen immer wieder mit renommierten externen Designern zusammengearbeitet. Hannes Wettstein, Frank Gehry, Herzog & de Meuron und Hella Jongerius sind nur einige der klingenden Namen, die im Firmenportfolio zu finden sind. Nach welchen Kriterien werden diese Kooperationen ausgewählt?

Winterberg: Idealfall ist, dass wir ein Marktbedürfnis erkennen, das technische Konzept einer entsprechenden Leuchte entwickeln und dann überlegen, welcher Autor dieses am besten umsetzen könnte. Ich sage bewusst Autor, denn Designer gibt es viele. Autoren hingegen, die nicht primär auf trendige Entwürfe, sondern vielmehr auf zeitloses, auf das Umfeld ausgerichtetes Design aus sind, gibt es nur wenige. Ein typisches Beispiel für Autorendesign sind die vier Leuchten, die wir gemeinsam mit Naoto Fukasawa entwickelt haben. Daneben erhalten wir fast wöchentlich Anfragen freischaffender Designer, die einen ihrer Entwürfe in Zusammenarbeit mit uns realisieren möchten. Da unsere Anforderungen an technische, optische und materielle Beschaffenheit der Leuchten sehr hoch sind, vermögen diese Ideen jedoch selten zu überzeugen. Aber auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel.

Wie läuft eine solche Zusammenarbeit ab? Inwieweit ist Ihr Unternehmen an den jeweiligen Konzeptplanungen beteiligt?

Winterberg: Ist der jeweilige Gestalter ernannt, entspinnt sich zwischen ihm und den Entwicklern ein kreativer Designprozess. Der Hersteller gibt dabei die technischen Eckdaten vor, welche die neue Leuchte erfüllen muss. Vorschriften oder Dimensionen hinsichtlich Leuchtmitteln und Betriebsgeräten werden so nahe wie möglich an die Vorgaben des Autors gebracht. Nicht selten gestaltet sich der Weg zum Ziel äusserst steinig oder muss aufgrund technischer Hürden gar abgebrochen werden. So dauerte «Time to market» früher oft zwei Jahre. Heute streben wir eine maximale Dauer von einem Jahr an.

Worauf legen Sie bei neuen Leuchtenentwürfen am meisten Wert?

Winterberg: Der Mensch steht stets im Zentrum, deshalb liegt uns die visuelle Ergonomie sehr am Herzen. Unsere Leuchten sollen das Wohlbefinden fördern und die Gesundheit erhalten. Weiter stellen wir hohe Anforderungen an Funktion, Material, Design ? langlebig, hochwertig und zeitlos ?, Energieeffizienz und Lichtqualität.

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Eine Erfindung, die grosses Aufsehen erregte, war «Metro»: Das weltweit erste Niedervolt-Seilsystem wurde 1982 gemeinsam mit Hannes Wettstein entwickelt und fand seither zahlreiche Nachahmer. Weitere Meilensteine folgten in regelmässigen Abständen: Wann darf sich der Leuchten-Liebhaber auf die nächste «technische» Revolution Ihres Hauses freuen?

Winterberg: Wir haben uns immer wieder mit Technik- und Materialinnovationen in Szene gesetzt und werden dies auch weiterhin tun. Aktuellstes Beispiel ist der Silikonbaldachin, den wir für «Blossom» entwickelt haben und bereits patentieren liessen. Zudem ist eine neuartige Bürobeleuchtung im Entstehen. Für Spannung ist also auch weiterhin gesorgt.