Carl Baudenbacher, Professor für Privat-, Handels- und Wirtschaftsrecht der Universität St. Gallen, räumt ein: «Die Bezeichnung ist etwas lang, aber es geht nicht kürzer.» Er hat den Master of European and International Business Law (MBL) kreiert. Es ist dies das erste und einzige juristische Nachdiplomstudium, das Hochschulabsolventen mit Berufserfahrung die Möglichkeit bietet, wirtschaftsrechtliche Kenntnisse vor Ort in Europa, Asien und Amerika zu erwerben.

«Es gibt praktisch kein wirtschaftliches Problem von Relevanz, das nicht auch eine rechtliche Knacknuss in sich birgt, und kein rechtliches Problem, das nicht auch einen ökonomischen Aspekt hat.» Diesem ehernen Grundsatz von Peter Nobel, einem der wohl bekanntesten Wirtschaftsanwälte der Schweiz, wurde an der HSG früh Rechnung getragen; damals, als das Angebot der Rechtswissenschaftlichen Abteilung noch lic. iur. HSG hiess - heute als Master in Law and Economics (MLE) oder Master in Legal Studies (MLS).

Verrechtlichung der Wirtschaft

Am Institut für Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht der HSG wird das Angebot auf dem Gebiet der transnationalen Generalistenausbildung besonders forciert. «Die zunehmende Verrechtlichung der Wirtschaft hat die Nachfrage von Entscheidungsträgern nach entsprechenden Kenntnissen stark erhöht», stellt auch der stellvertretende Direktor des MBL, Philipp Speitler, fest.

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Diese Ausbildung im europäischen und internationalen Wirtschaftsrecht ist berufsbegleitend und dauert 18 Monate. Sie richtet sich an Juristen und Manager. Das Angebot trägt die originelle Bezeichnung «Fliegendes Klassenzimmer». Dies bedingt natürlich auch eine globale Fakultät, einen Lehrkörper also, der sich aus Spezialisten aus aller Welt zusammensetzt, die in neun Modulen ihr Wissen praxisnah an weltweit führenden Universitäten und weiteren Centers of Excellence vermitteln.

Zu diesen Experten gehören bekannte Vertreter der Wirtschaft wie Jun Ge, Managing Partner von Intel in China, der Anwaltschaft wie Frank Montag, Partner bei Freshfields in Brüssel, oder der Wissenschaft wie H. David Rosenbloom von der New York University, einer der führenden Steueranwälte. Hinzu kommen Richter und Anwälte des Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaften und des EFTA-Gerichtshofs, Mitarbeiter der Europäischen Kommission und des diplomatischen Corps.

Verschiedene Module im Ausland

Studienorte sind - unter anderen - die namhaften Universitäten NYU (New York), Fudan (Schanghai), Harvard (Cambridge) sowie der Sitz des Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaften (EuGH) in Luxemburg - und natürlich die HSG (St. Gallen). Neu kommt nun das Modul Japan hinzu, wo sich die Absolventen des MBL an der Waseda University über die neuesten Tendenzen im japanischen Recht ein Bild machen und ihre Kenntnisse erweitern können.

Carl Baudenbacher, der auch das St. Gallen International Competition Law Forum und die St.Gallen International Dispute Resolution Conference ins Leben gerufen hat, ist überdies Präsident des EFTA-Gerichtshofs. Er hat den MBL aufgrund seiner vielen Kontakte in internationalen rechtswissenschaftlichen Kreisen geschaffen. «Es wird zunehmend beklagt, dass der Unterricht vorwiegend Akademikern überlassen bleibt, die die wirtschaftlichen Gegebenheiten nur bedingt integrieren.»

Die Wirtschaft brauche indes Führungskräfte, die erfolgreich auf den Weltmärkten agieren und mit Vertragspartnern auf allen Kontinenten auf Augenhöhe kommunizieren könnten. Vor diesem Hintergrund stosse selbst die übliche Wahl von Programmen mit Sitz im englischsprachigen Ausland an Grenzen, weil auch das dort Erlernte nur einen Ausschnitt der internationalen Wirtschaftsrealität widerspiegle, so Philipp Speitler.

Interesse aus VAE und Russland

Wird das transnationale Puzzle des MBL in Zukunft auch in den Nahen Osten ausgeweitet? Baudenbacher lacht: Tatsächlich hätten potenzielle Kooperationspartner aus Abu Dhabi (VAE) vorgefühlt. Aber auch in Russland und Brasilien gibt es Interesse. «Wir freuen uns darüber und werden Augen und Ohren offenhalten. Mit Schanghai und Tokio haben wir bereits grosse Schritte gemacht und wollen erst mal weitersehen.»