Der Landeanflug auf den Flughafen der kasachischen Hauptstadt Astana ist spektakulär. Bei klarem Wetter blickt der Passagier erst lange auf eine unendlich scheinende Steppe. Kurz vor Landung aber erhebt sich das prachtvolle Regierungsviertel der neu errichteten Kapitale des rohstoffreichen Staates funkelnd aus dem grünen Grasmeer. Aus dem Flugzeugfenster wirkt es wie die Klötzchenstadt eines Kindes.

Willkommen in Astana, willkommen im neuen Einflussbereich des Flughafens Zürich. Der grösste Schweizer Airport – zu Zeiten der Swissair als «Tor zur Welt» Stolz des Landes – will selbst in die Welt hinaus. Ihm ist der Markt Zürich zu eng geworden. Seit der Teilprivatisierung und dem Börsengang im Jahr 2000 versucht sich das Unternehmen interna­tional zu etablieren. Das internationale Geschäft der Zürcher wurde 2007 mit einem Joint Venture in der indischen IT-Metropole Bangalore etabliert und seither um Engagements auf zehn weiteren Airports – alle in Lateinamerika – ausgeweitet.

Expansion nach Zentralasien

Letzte Woche erfolgte die Expan­sion nach Zentralasien, nach Kasachstan. Es ist der bisher heikelste Schritt in der Wachstumsstrategie von Flughafen-Chef Thomas Kern. In einem kürzlich in der Lokalzeitung «Zürcher Unterländer» veröffentlichten Interview hat er «die noch bessere Verankerung des internationalen Geschäfts» zu seinem «persönlichen Ziel» erklärt.

Die ehemalige Sowjetrepublik Kasachstan ist das Reich von Nursultan Nasarbajew. Der seit 1991 herrschende Präsident hatte die Hauptstadt seines Landes sechs Jahre nach der Unabhängigkeit von dem südlichen Almaty 1000 Kilometer in den Norden verlegt. Astana wurde förmlich aus dem Boden der Steppe gestampft. Die Millionenstadt Almaty behielt aber ihre Rolle als Wirtschaftsmetropole.

Deshalb hat sich zwischen den Flughäfen der beiden wichtigsten Städte des Landes ein Pendelverkehr per Flugzeug entwickelt. Drei Airlines fliegen die Strecke im Stundentakt. Überhaupt ist das Flugzeug in dem weltweit neuntgrössten Land zwischen Kaspischem Meer und China ein wichtiges Verkehrsmittel. Neben der Hauptroute Astana–Almaty werden vor allem die Airports in Aktau – ganz im rohstoffreichen Westen des Landes – und beim gewaltigen Ölfeld Kaschagan nahe der Stadt Atyrau im Nordwesten häufig angeflogen. Kasachstan ist ein noch kleiner, aber wachsender Flugmarkt.

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Doppelte Schweizer Hilfe

Deshalb will Kasachstan Ordnung in den Flugbetrieb bringen. Die elf staatlichen Flughäfen sollen in die Airport Management Group (AMG) eingebracht werden. Sie wurde im vergangenen November gegründet und wird vom ehemaligen Swissair-Informatiker und Swissport-Manager Claude Badan geführt. Der Romand sagt: «Die elf Flughäfen sollen eine einheitliche Politik und ebensolche Standards erhalten.»

Und genau hier kommt der Flughafen Zürich ins Spiel. Er wurde als Berater der AMG engagiert. Zu diesem Zweck haben die Zürcher mit den Kasachen in Astana das Gemeinschaftsunternehmen Airport Management Services (AMS) gegründet. «Der Flughafen Zürich hält die Mehrheit am Joint Venture», sagt Firmensprecherin Sonja Zöchling. «Die Funktion ist ausschliesslich auf Know-how-Transfer ausgerichtet, um die kasachische Betreibergesellschaft zu unterstützen.» Weiter betont die Sprecherin, dass sich der Flughafen Zürich weder an den Flughäfen beteilige noch in deren Infrastruktur investiere. Beim Kapitaleinsatz für das Joint Venture handle es sich um einen «sehr tiefen Betrag». Geld verdienen die Schweizer mit ihren Beratungshonoraren.

AMG-Chef Badan verspricht sich viel von der Zusammenarbeit: «Mit Kompetenztransfer vom Zürcher Flughafen können Sicherheit und Qualität verbessert werden.» Das sei auch nötig. Die Abfertigung eines Flugzeuges müsse beschleunigt werden; sie daure in Kasachstan oft länger als in Europa. Zudem hätten zwei Unglücke die Sicherheitsdiskussion befeuert. Bei einem Landeanflug auf Almaty zerschellte vor rund einem Jahr eine Bombardier der Fluggesellschaft SCAT im Nebel und riss 21 Menschen in den Tod. Einen Monat zuvor starben bei einem Absturz einer Antonov 27 Menschen im südlichen Schimkent.

Im Dunstkreis des Autokraten

Als Berater der AMG begibt sich der Flughafen Zürich in den Dunstkreis des Staates mit dem Autokraten Nasarbajew an der Spitze. Die Flughafengesellschaft gehört zu 100 Prozent der kasachischen Eisenbahn, die wiederum dem Staatsfonds Samruk Kazyna gehört. Der Fonds ist der wohl wichtigste Player in Kasachstans Wirtschaft. Der Stiftung unterstehen unter anderem die Rohstoffgesellschaft Kazmunaigas, die Fluggesellschaft Air Astana, aber auch einige Flughäfen wie jener von Atyrau.

Bis 2011 wurde der Staatsfonds von Nasarbajews Schwiegersohn Timur Kulibajew geleitet. Der Milliardär machte in England und in der Schweiz Schlagzeilen. In Grossbritannien, weil er dem englischen Prinzen Andrew eine Privatvilla für 15 Millionen Pfund abgekauft hat. Und in der Schweiz wegen Geldwäscherei. Er soll 600 Millionen Dollar gewaschen haben. Erst 2013 stellte die Bundesanwaltschaft ein dreijähriges Verfahren ergebnislos ein. Kulibajew wurde rehabilitiert. Doch Kasachstan mit seiner gelenkten Wirtschaft gilt nach wie vor als extrem korrupt. In den Ranglisten von Transparency International landet der Staat regelmässig im unteren Drittel. 2013 klassierte er sich auf Rang 140 von 177 Ländern.

Korruptionsproblem beschäftigt kaum

Doch das Korruptionsproblem beschäftigt den Flughafen Zürich kaum. Man stelle die Mehrheit im AMS-Verwaltungsrat und könne so «Einfluss auf alle Entscheide nehmen», sagt Sprecherin Zöchling. «Wir gehen davon aus, dass sich mit der Modernisierung auch die politischen Verhältnisse verbessern werden.» Genau das bezweifelt der kasachische Analyst Dossym Satpajew: «Der Staatsfonds Samruk soll die Wirtschaft kontrollieren. Aber wer kontrolliert Samruk?» Der Fonds sei ein kaum durchschaubares Gebilde. Gerade habe mit Premierminister Karim Massimow Nasarbajews «politische Allzweckwaffe» das Präsidium des Staatsfonds übernommen.

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Immerhin hat der Flughafen Zürich politische Rückendeckung in der Schweiz. Mit dem Zürcher SVP-Regierungsrat Ernst Stocker und der Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) sitzen zwei Staatsvertreter im Verwaltungsrat. Stocker vertritt den Kanton Zürich und 33 Prozent der Aktien. Mauch ist die Repräsentantin der Stadt Zürich und vereint so gut 5 Prozent des Kapitals auf sich. Beide Hauptaktionäre, so Flughafen-Sprecherin Zöchling, «stehen hinter unserem Auslandgeschäft». Willkommen in Astana.