Der Konkurs von Lehman Brothers hat an den Finanzmärkten hohe Wellen geworfen. Wie sind die Reaktionen Ihrer Kunden ausgefallen?

Zeno Staub: Die Kunden reagierten besonnen. Die meisten erinnern sich noch an die Phase 2001?2002 und wissen mit grossen Marktveränderungen umzugehen. Da wir zudem in den Fonds und institutionellen Mandaten keinerlei Exposure zu Lehman Brothers hatten und auch zu den anderen besonders betroffenen Instituten nur minimalste Exposures, konnten wir unsere Kunden auch entsprechend informieren.

Die Aktienmärkte kennen seit Monaten nur eine Richtung: Steil abwärts. Was bedeutet das für die Pensionskassen?

Staub: Der Deckungsgrad der Pensionskassen sinkt. Somit werden die bei vielen Kassen vorhandenen Schwankungsreserven benötigt werden, um die langfristig orientierte Aktienquote aufrechterhalten zu können.

Welche Prognose stellen Sie den Aktienmärkten?

Staub: Die Krise wird uns in verschiedenen Formen noch lange beschäftigen. Die Volatilitäten an den Aktienmärkten dürften noch bis Ende Jahr andauern, wenn auch wohl nicht in der einmaligen Intensität dieser Tage. Das Verdauen der Abschreiber und der Wertberichtigungen wird aber rund zwölf Monate dauern. Die Folgen bezüglich Regulation und Marktstruktur sind heute noch kaum absehbar, werden aber die kommenden Jahre prägen.

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Sie haben Anfang Jahr das Amt angetreten. Welches waren die wichtigsten Veränderungen, die Sie im Asset Management vorgenommen haben?

Staub: Ein wichtiger Punkt ist unsere Positionierung im aktiven Asset Management. Diese Positionierung war schon immer da, wurde jetzt aber noch akzentuiert. Ein weiterer wichtiger Schritt: Wir stellen uns jetzt im Asset Management als Multi-Boutique-Organisation auf.

Was bedeutet das?

Staub: Einerseits können und wollen wir kein Asset Management in einer zu breit gefächerten Ausprägung betreiben. Andererseits haben wir eine Breite an Kunden, welche die Beschränkung auf eine einzige Spezialität nicht erlaubt. Daraus ergibt sich diese Multi-Boutique-Aufstellung mit drei Standbeinen. Erstens verfolgen wir seit Jahren einen Value-Ansatz, den wir von New York aus umsetzen: Das ist ein reiner Bottom-up-Selektionsansatz für Aktien. Zweitens setzen wir in Zürich stark auf Sustainability und Themen-Produkte. Und die dritte Boutique ist Harcourt, also alternative Investments, wo wir vor drei Jahren Hauptaktionär geworden sind. Zudem bieten wir für die Schweiz und die umliegenden regionalen Märkte fokussierte Produkte an.

Sie planen die Eröffnung eines zusätzlichen Standorts in Hongkong. Auch der Mittlere Osten ist ein wichtiger Markt. Steht der Aufbau eines Standorts in Dubai ebenfalls zur Debatte?

Staub: Asien ist sehr viel heterogener und dezentraler als der Mittlere Osten. Der Mittlere Osten hat vielleicht 20 institutionelle Adressen, und damit sind 90% des Marktes abgedeckt. Das ist von Zürich aus machbar. Ausserdem verfügt die Vontobel-Gruppe in Dubai über einen Investment-Banking-Standort. Aber wir werden den Markt sicher im Auge behalten.

Man sagt, dass im institutionellen Geschäft Performance den Ausschlag gibt, weniger Vertrauen. Werfen die Fonds der Grossbanken eine weniger hohe Performance ab, weil sie ihren Fondsmanagern kein Boutique-Umfeld bieten?

Staub: Wir sind überzeugt, dass nur sehr wenige Spezialisten in der Lage sind, eine aktive Mehrrendite zu erwirtschaften. Und diese wollen sich tendenziell auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Portfoliomanager agieren am erfolgreichsten in einem konstanten Umfeld. Wenn der Portfoliomanager mal für eine gewisse Zeit eine relative Underperformance erwirtschaftet, muss er spüren, dass das Umfeld das durchstehen kann. Ich glaube, es gibt ab einer gewissen Unternehmensgrösse extrem grosse Herausforderungen, dieses konstruktive Umfeld zu schaffen.

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Sie fokussieren ausschliesslich auf aktives Management. Sind passive Anlagen längerfristig eine Option?

Staub: Nein, absolut nicht. Wir könnten in diesem Bereich als Anbieter nicht glaubwürdig agieren. Bei der Suche nach einem Partner für passives Management geht es letztlich um die Minimierung des Tracking Error und der Kosten. Den Markt werden in Zukunft drei bis fünf Anbieter in der Top-Liga unter sich ausmachen. Wir haben uns deshalb schon früh dafür entschieden, nicht einzusteigen.

Sie konzentrieren sich auf die beschriebenen drei Standbeine. Kommt auch eine offene Architektur in Frage?

Staub: Im Bereich strategische und taktische Asset Allocation erbringen wir zugunsten unserer Privatbank aus dem Asset Management heraus zentrale Dienstleistungen. Wenn es aber nachher darum geht, mit welchen Produkten in der Privatbank die Strategien umgesetzt werden, wenden wir eine offene Architektur an. Die Privatbank setzt ganz selbstverständlich Drittprodukte ein. Ende Jahr haben wir im Asset Management Vermögen von 44 Mrd Fr. verwaltet, davon lagen nur 3 Mrd Fr. im Private Banking.

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Sie haben die Zusammenarbeit zwischen Asset Management und Private Banking angesprochen. Gibt es die Möglichkeit, dass das Asset Management selbstständig wird?

Staub: Die Vontobel-Gruppe weist ein integriertes Geschäftsmodell auf. Wir nutzen Synergien. Gleichzeitig führen wir die drei Einheiten so, dass sie in sich lebensfähig sind. Wichtig ist, dass der externe Kundenanteil sowohl im Investment Banking wie auch im Asset Management der dominante Teil ist. Integrierte Geschäftsmodelle bergen nämlich gewisse Gefahren, beispielsweise wenn die Erträge aus den Synergien die Markterlöse übertreffen. Bei uns besteht diese Gefahr jedoch nicht: Lediglich 5 bis 6% der Erträge aus Assets liegen intern.

Ausgeschlossen ist demnach nicht, dass sich das Asset Management mal abspaltet oder sogar an die Börse geht?

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Staub: Aus heutiger Sicht ist das ganz klar ausgeschlossen. Unsere Strategie zielt darauf ab, dass wir als integriertes Ganzes wachsen und unabhängig bleiben.

Die UBS will derzeit Neugelder gewinnen und geht mit tiefen Preisen in den Markt. Haben Sie das auch beobachtet?

Staub: Ja, dieser Preiskampf findet statt. Wir sind in dieser Hinsicht aber konsequent und stellen uns auf den Standpunkt, dass unser aktives Management und das damit verbundene Leistungsversprechen ihren Preis haben. Damit nehmen wir in Kauf, auch einmal eine Ausschreibung zu verlieren.

Sie verzichten also in diesem Fall lieber. Muss gemäss Ihren Zielen jedes Mandat rentieren?

Staub: Ja, das sind wir unseren bestehenden Kunden schuldig. Das oberste Ziel ist letztlich eine hohe Performancequalität. Das ist das wertvollste Gut im Asset Management. Gelder, die aufgrund von tiefen Preisen akquiriert werden, verlieren Sie oftmals auch schneller wieder. Denn es findet sich immer ein Anbieter, der Sie noch um einen Basispunkt unterbietet. Fluktuationen in den Assets gefährden aber die Performancequalität und damit den bestehenden Kundenstamm. Zudem belasten sie die Motivation der Schlüsselleute im Portfoliomanagement, denn deren Marktwert basiert auf der Performancequalität. Natürlich sprechen auch wir über Preisstrukturen in Abhängigkeit der Depotgrösse, das machen alle. Aber Sie müssen sich gewisse Limiten setzen, sonst schaden Sie sich im Kern.

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Kommen wir auf das Derivategeschäft zu sprechen. Der Marktanteil von Vontobel hat sich von 25% im 1. Halbjahr 2007 auf 19% im 1. Halbjahr 2008 reduziert. Was ist der Grund, dass Sie sich nicht so gut positionieren konnten wie die Konkurrenz?

Staub: In den letzten 12 bis 18 Monaten sind sehr viele neue aggressive Konkurrenten in den Markt eingetreten, die gezielt versuchen, Marktanteile aufzubauen. Wir werden über die nächsten sechs biszwölf Monate mit Interesse beobachten, ob die neuen Mitbewerber die gleiche Konstanz an den Tag legen, die wir in den letzten zehn Jahren aufgebracht haben. Aber Konkurrenz belebt das Geschäft.

Vier Fünftel der Vontobel-Derivate sind Hebelprodukte. Ist das auch ein Grund, dass Sie relativ viel verloren haben?

Staub: Möglicherweise. Bei den Hebelprodukten sind die Volumen tatsächlich zurückgegangen. Ein weiterer Punkt ist, dass wir einen klaren Fokus auf die Privatkundenklientel legen, welche Warrants und strukturierte Produkte in mittelgrossen Volumen kaufen.

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War das auch erschwerend?

Staub: Ja, im Privatkundengeschäft spürt man das eher. Wir nehmen den Marktanteilsrückgang ernst, aber wir verteidigen weder Volumen noch Marktanteil um jeden Preis. Wir wollen ein grosser Spieler sein in diesem Markt. Es ist auch wichtig für unsere Kunden, dass wir eine gewisse Marktposition haben. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir einen vorderen Platz in dieser Liga halten werden.