1. Home
  2. Unternehmen
  3. Folgen der Frankenstärke: «Tabu ist nichts mehr»

Währung
Folgen der Frankenstärke: «Tabu ist nichts mehr»

Das Modeunternehmen Bischoff will abwarten, was der starke Franken bringt. «Tabu ist nichts mehr», sagt Chef Thomas Meyer. Die Handelszeitung hat nach dem SNB-Entscheid mehrere Firmen begleitet.

Von Bernhard Fischer und Marcel Speiser
am 12.05.2015

Die Frankenstärke wirkt sich bei kleineren und mittelgrossen Firmen unterschiedlich aus. Die Handelszeitung hat mehrere von ihnen während der ersten vier Monate nach dem SNB-Entscheid begleitet.

Eines von ihnen ist das Modeunternehmen Bischoff in St. Gallen. Es gehört zu den Big Playern der Oberbekleidungs- und Wäscheindustrie im Premiumbereich. Bischoff beliefert Gucci, Valentino, Oscar de la Renta, Victoria’s Secret, La Perla, Chantelle und Zimmerli. «Aber auch in diesem Luxussegment sind wir gegen Währungsschwankungen nicht immun», sagt Firmenchef Thomas Meyer.

Preise für die Kollektion neu kalkuliert

Ein Drittel vom Gewinn gehe zum aktuellen Wechselkurs des Frankens zum Euro verloren. «Mehr als 90 Prozent unseres Umsatzes machen wir im Ausland», sagt Meyer. Mit der Aufhebung von 1.20 hatte der Unternehmenschef zwar gerechnet. «Das erste Alarmzeichen für uns war im Dezember 2014, als sich eine Zinssenkung abzeichnete.» Dass die Ankündigung der SNB aber so plötzlich im Januar dieses Jahres kam, goutierte Meyer nicht.

«Wir waren davor schon nicht billig und mussten für die Kollektion die Preise neu rechnen.» Sein Finanzchef kalkulierte nach dem SNB Entscheid intern zuerst mit einem Kurs von 1.10. «Das hielten wir für vernünftig.» Jetzt kalkulieren die Firmenleiter mit einem Kurs von 1.05.»

Langfristige Strategie wird überarbeitet

Meyer glaubte im Januar noch nicht, dass der Euro zum Franken so schwach bleiben würde. Jetzt bewegt sich der Kurs bereits seit Monaten rund um die Parität. Und Meyer sowie sein Finanzchef sind am «Optimieren und Überarbeiten der langfristigen Strategie».

In der Schweiz verhandelt Meyer im Kerngeschäft seit der jüngsten Wechselkursentwicklung des Frankens zum Euro mit den Lieferanten von Bischoff Textil tiefere Preise und verlagert zunehmend Arbeiten in die Joint-Venture-Betriebe in Thailand, Sri Lanka und der Türkei. Ziel ist es, «die Kostenbasis weiter zu senken».

Was die jüngsten Währungsentwicklungen aus Schweizer Sicht für den Werkstandort von Bischoff im Inland bedeuten, muss sich allerdings noch weisen. Rund 90 Beschäftigte entwerfen und sticken noch hierzulande für das Textilunternehmen. Im Januar hiess es dazu noch, dass sich daran vorerst nichts ändern sollte. Allerdings mit dem unmissverständlichen Zusatz: «Tabu ist jetzt nichts mehr.»

Scheinbar prophetische Fähigkeiten

Anders geht es Dieter Bachmann. Der Chef und Mehrheitsaktionär der Hüppen-Produzentin Gottlieber Spezialitäten scheint prophetische Fähigkeiten zu haben. Er hat bereits vor fünf Jahren entschieden, die Märkte im Euro-Raum nicht mehr aktiv zu bearbeiten. «Für Deutschland und Frank- reich sind wir zu teuer», analysierte er damals.

Stattdessen setzte Bachmanns KMU auf Asien und den Mittleren Osten. Der Patron eröffnete mit einem lokalen Partner einen Laden in China – und nimmt jetzt Indien und Dubai ins Visier. Und Mitte Januar sagte er: «Unser Dollar-Problem wird sich schneller lösen als die Euro-Krise.»

Firmen halten bestehende Kunden bei Laune

Genau so ist es in den letzten vier Monaten gekommen. «Das Währungsproblem im Dollar- Raum hat sich bereits wieder aufgelöst», sagt Bachmann. Das Geschäft mit den Wachstumsregionen in Fernost und in Arabien laufe gut. Bei Kunden im Euro-Raum hingegen spüre er eine Zurückhaltung bei den Bestellungen. Selbst der Schweizer Detailhandelsmarkt sei leicht rückläufig. Alles aber halte sich im Rahmen. Bachmann hat weder an den Löhnen geschraubt noch Arbeitszeiten erhöht. Auch Jobs hat er keine abgebaut.

Für Gottlieber hat die Frankenstärke im Geschäft mit Firmenkunden bislang gar positive Auswirkungen gehabt. «Die exportierenden Unter- nehmen der Schweiz», beobachtet Bachmann, «müssen sich aktuell besonders anstrengen. Sie investieren deshalb mehr als vorher in die bestehenden Kundenbeziehungen. Sie machen ihnen Geschenke, damit sie nicht abspringen. Für uns hat das die schöne Folge, dass wir aktuell mehr an Firmenkunden verkaufen als vorher.»

Schwer für Exporteure

Für Bachmann ist allerdings klar, dass ein Frankenkurs unter 1.10 Euro die Exporteure noch schwer treffen wird. «Wir werden das spüren, aber wohl erst nächstes Jahr. Jedenfalls haben wir seit Januar unsere Notfallplä- ne fixfertig ausgearbeitet. Wir sind vorbereitet.»

Zudem hat Bachmann antizyklisch investiert. Gottlieber hat soeben im thurgauischen Gottlieben ein schmuckes Boutiquehotel eröffnet.

Mehr Geschichten über Unternehmen unter dem Einfluss des starken Franken finden Sie in der Handelszeitung, am Kiosk oder mit Abo bequem jede Woche im Briefkasten. Welche Auswirkungen nach dem SNB-Entscheid langfristig zu erwarten sind, sehen Sie in der Bildergalerie «Die fünf Phasen des Währungsschocks» (siehe oben).
 

Anzeige