Forbo ist eine Art Mini-Pulsfühler der Konjunktur: Der Konzern ist Hersteller von Bodenbelägen, Klebstoffen sowie Antriebs- und Leichtfördertechnik und beliefert mit seinen drei Divisionen nahezu alle konjunkturrelevanten Branchen. Zu den Forbo-Kunden gehören unter anderem die Bauwirtschaft, Konsumgüterhersteller und der Maschinenbau. Rund einen Viertel des Konzernumsatzes erzielt Forbo in Nord- und Südamerika, gefolgt von den Benelux-Staaten, Frankreich, Deutschland und Asien. Die Schweiz spielt mit einem Umsatzanteil von 2,3% nur noch eine Nebenrolle.

Am 15. März wird Forbo die Jahreszahlen vorlegen. Wie ist 2009 denn gelaufen?

This E. Schneider: Wie viele andere Unternehmen haben auch wir unter der Krise gelitten. Dennoch werden wir ansprechende Resultate vorweisen. Die Herausforderung im vergangenen Jahr war, mit hoher Flexibilität schnell auf die Marktentwicklungen zu reagieren. Wir haben unsere Strukturen konsequent angepasst. Nun müssen wir uns für einen allfälligen Aufschwung bereithalten, obwohl die Wirtschaftslage weiterhin unsicher ist.

Wie hat die Division Flooring abgeschnitten? Sie stellt Bodenbeläge her und war mit 893 Mio Fr. im vorvergangenen Jahr die umsatzstärkste Division.

Schneider: Hier hatten wir eine der grössten Akquisitionen der jüngeren Zeit zu verdauen, nämlich Bonar. Weil durch den Abschwung die Nachfrage nach Bodenbelägen deutlich zurückgegangen ist, haben wir uns entschieden, die Integration zu beschleunigen.

Hat der Tritt aufs Gaspedal genutzt?

Schneider: Ja, wir haben einiges erreicht, aber wir haben auch Extrakosten auf uns genommen. Das belastet nun Gewinn und Marge im Jahr 2009. Trotzdem sind wir überzeugt, dass der Entscheid richtig war.

Wie wird 2010 für Flooring?

Schneider: Die Integrationskosten, die Bonar verursacht hat, wiederholen sich in diesem Jahr nicht mehr, und die Synergien sollten nun realisiert werden können. Unter ähnlichen wirtschaftlichen Bedingungen wie 2009 gehen wir davon aus, dass sich das entsprechend positiv auf das Betriebsergebnis auswirken wird.

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Was passiert auf Stufe Umsatz?

Schneider: Vieles hängt davon ab, wie sich die Staatsverschuldungen auswirken, wie stark die Arbeitslosenraten steigen und wie sich die Zinssituation entwickelt. Wir gehen in unseren Annahmen nicht von einem Aufschwung aus.

Die Division Flooring bietet mit Linoleum ein Produkt an, das auf Leinsamen basiert und vollständig biologisch abbaubar ist. Profitieren Sie vom globalen Öko-Trend?

Schneider: Linoleum wird aus natürlichen Materialien hergestellt und macht rund 40% des Flooring-Umsatzes aus. Mit diesem ökologischen Produkt hat Forbo einen weltweiten Marktanteil von 65% und ist klarer Marktführer. Im Markt für nachhaltige Produkte sehen wir noch grosses Potenzial, denn immer mehr Personen fordern, dass Gebäude mit ökologisch nachhaltig hergestellten Produkten ausgerüstet werden.

Weist der Produktemix von Flooring noch Lücken auf?

Schneider: Ja, es gibt noch Lücken, und wir sind daran, sie zu schliessen.

Wo?

Schneider: Wir wollen unser bestehendes Produktsortiment mit weiteren Nischenprodukten ergänzen - zum Beispiel mit homogenen Vinylbelägen, die sehr strapazierfähig sind.

Sie wollen alle Böden belegen können?

Schneider: Ja, wir wollen unsere Position als Systemanbieter im Objektmarkt weiter ausbauen. Aber wir bleiben, buchstäblich, auf dem Boden. Weitere Bauprodukte wie etwa Türen, Fenster oder Ähnliches interessieren uns nicht.

Wollen Sie aus eigener Kraft in neue Nischen vorstossen?

Schneider: Grundsätzlich ja, aber wir schliessen Akquisitionen nicht aus. Der Markt für Nischenprodukte ist zwar relativ klein, aber es gibt einige attraktive Kandidaten.

Wie sind Ihre Chancen?

Schneider: Im europäischen Bodenbelagsbereich sind viele Firmen im Besitz von Private-Equity-Gesellschaften - diese werden früher oder später verkaufen.

Wird auch Forbo zugreifen?

Schneider: Wir könnten heute einen Zukauf für einen dreistelligen Millionen-Franken-Betrag tätigen - aus finanzieller Sicht. Derzeit drängt sich aber nichts auf.

Werfen wir einen Blick auf die zweite Division, Bonding, die Klebstoffe herstellt. Wie ist das letzte Jahr gelaufen?

Schneider: Dazu muss ich etwas ausholen: Wir haben 2008 stark unter den gestiegenen Rohmaterialpreisen gelitten, vor allem bei den Erdölderivaten. Bonding musste damals rote Zahlen ausweisen. Im vergangenen Jahr war die Entwicklung gegenläufig: Wegen der Krise sind die Rohmaterialpreise spürbar gefallen. Die Effizienzsteigerungsmassnahmen sowie die weitgehend gehaltenen Verkaufspreise haben zu einem ansprechenden Resultat dieser Division geführt.

Wie schlägt sich Bonding 2010?

Schneider: Die Herausforderung wird sein, wiederum vermehrt höhermargige Produkte zu entwickeln und die Verkaufspreise zu halten.

Die dritte Sparte, Movement, schrieb im 1. Halbjahr 2009 Verlust.

Schneider: Ja, diese Division wurde von der Krise am härtesten gebeutelt. Sie liefert einen grossen Teil an deutsche und japanische Anlagenbauer, deren Auftragsbasis um nahezu die Hälfte geschrumpft ist. Von diesem Rückgang blieben auch wir nicht verschont.

Sie mussten daher Ihre Kosten und Strukturen anpassen. Wo stehen Sie heute?

Schneider: Wir haben grosse Fortschritte gemacht, sind aber noch nicht ganz dort, wo wir gerne wären. Wir mussten, insbesondere in Japan, Rücksicht auf kulturelle Gegebenheiten nehmen und Kompromisse bei der Umsetzung unserer Anpassungen schliessen.

Schreibt Movement 2010 schwarze Zahlen?

Schneider: Die Ergebnisse legen wir später vor. Zu 2010 kann ich nur sagen, dass wir von einem besseren Ergebnis ausgehen, wenn kein weiterer Einbruch der Wirtschaft folgt. Die Strukturen sind dem neuen wirtschaftlichen Umfeld weitgehend angepasst. Wir gehen davon aus, dass die Division die Talsohle erreicht hat.

Forbo vermeldete im Dezember, dass der Konzerngewinn mit «gegen 70 Mio Fr.» höher ausfällt als geplant. Bleibt es dabei?

Schneider: Daran halten wir fest, es gibt keine fundamentalen Abweichungen.

Wie haben sich die Währungseffekte auf Umsatz und Ergebnis ausgewirkt?

Schneider: Es gab einen negativen Währungseinfluss, der starke Schweizer Franken hat uns mehrere Prozente an Umsatz gekostet.

Forbo hält derzeit rund 9% eigene Aktien. Was haben Sie damit vor?

Schneider: Wir betrachten sie als Reservewährung. Diese Aktien könnten wir zum Beispiel für eine Wandel- oder Optionsanleihe einsetzen oder auch als Zahlungsmittel für eine Akquisition.

Forbo besitzt rund 10% der Aktien des Textilmaschinenbauers und Autozulieferers Rieter. Wie hat sich der Wert der Beteiligung entwickelt?

Schneider: Nach einer Wertkorrektur 2008 erzielten wir auf dem Paket seit Anfang 2009 einen Buchgewinn von rund 30 Mio Fr., den wir aber nicht in der Erfolgsrechnung ausweisen, sondern im Eigenkapital verbuchen.

Welche Pläne haben Sie mit dem Paket?

Schneider: Es hat sich nichts verändert - wir halten uns weiterhin alle Optionen offen: Aufstocken, halten oder verkaufen.

Sie sorgten vor knapp fünf Jahren für Aufsehen mit Ihrer ungewöhnlichen Entlöhnung, die weitgehend in Aktien stattfindet. Wie ist Ihre Bilanz so weit?

Schneider: Der Verwaltungsrat wollte seinerzeit eine langfristig orientierte Konzernführung und den Entscheidungsträger wie einen Unternehmer in die Chancen und Risiken einbinden. Ich war und bin davon überzeugt, dass diese Entschädigungsform richtig ist. Zwar hat die Wirtschaftskrise nun einen Teil des Mehrwerts, den wir geschaffen haben, vernichtet. Deswegen das Modell in Frage zu stellen, halte ich für falsch - das gehört zum unternehmerischen Risiko, das ich eingegangen bin. Deshalb haben wir das Modell bis 2013 verlängert. Ich bin überzeugt, dass ein auf Langfristigkeit ausgelegtes und mit Bonus und Malus versehenes Entschädigungsmodell das richtige ist.

Kritische Stimmen sagen, dass der Aktienkurs nicht mehr an die Leistung des Managers geknüpft ist.

Schneider: Kurzfristig mag das stimmen, langfristig aber honoriert die Börse sehr wohl die operative Leistung.

Bei Novartis stimmt Ihre These nicht.

Schneider (lacht): Ja, aber dort sehen auch die Entschädigungsmodelle etwas anders aus.