Willy Kissling ist sich, seit seinen Zuger Zeiten als Sanierer bei Landis &Gyr, steifen Gegenwind gewöhnt. Zumal er Angriffsfläche bietet. Als Multi-VR mit Präsidentenfunktionen bei Unaxis und Forbo sowie mitunter prestigeträchtigen Mandaten bei Holcim, Kühne &Nagel, Grand Hotels Bad Ragaz und der französischen Schneider Electric schultert Kissling einen reich bepackten Rucksack. Nicht wenige meinen, das Fuder sei längst überladen. Der VR-Profi muss deshalb forcierte Kritik einstecken und sich die Frage gefallen lassen, wie ein solches Pensum als «One-man-show» bewältigt werden kann.

Und nun also Forbo, dessen VR unter der Leitung Kisslings sich entschied, auf die vor zwei Monaten angekündigte Neuausrichtung mit dem Verkauf des traditionellen Standbeins Bodenbeläge als Hauptziel zu verzichten. Stattdessen soll die bisherige Struktur beibehalten, wenn auch an gewissen Teilen (Produktionsstätten für Linoleum) amputiert werden.

Fairerweise muss «Chrampfer» Kissling im aktuellen Fall zugestanden werden, dass er es war, der wenn auch reichlich spät im Frühling 2004 in der hausgemachten Krise die Notbremse zog und sowohl an der operativen Konzernspitze (Trennung von CEO Werner Kummer) wie auch im VR (Ablösung von Präsident Karl Janjöri) für die dringend notwendige Ablösung besorgt war.

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Für industrielle Lösung und nicht Zerschlagung

Schneller ging es dann gegen Ende August, als Forbo-Langzeit-VR Kissling (seit zehn Jahren im Aufsichtsgremium) die Neuausrichtung des bisher auf Bodenbeläge, Klebstoffe und Kunststoff-Transportbänder ausgerichteten Konzerns kommunizierte. Respektive kommunizieren liess! Nicht der VR-Präsident höchst persönlich überbrachte der Öffentlichkeit aus Eglisau die schlechte Nachricht, sondern CEO This E. Schneider. Ein taktischer Fehler war dies, der einem erfahrenen VR-Profi nicht hätte passieren dürfen.

Heute, nach dem Rücktritt Kisslings aus dem Forbo-VR, erscheint seine damalige Nicht-Präsenz allerdings in einem anderen Licht, das ihn weit weniger in den Scheinwerfer stellt als bisher. Offenbar war es ausgerechnet der in den letzten zwei Monaten stark kritisierte VR-Präsident, der der Zerschlagung des Konzerns und dem Verkauf der Bodenbelagssparte nicht erste Priorität beimass. Von Kissling weiss man, dass er wo immer er bisher als Notlöser auftrat industrielle Lösungen anstrebt und bevorzugt. Der Verscherbelung der traditionellen Forbo-Basis als Bodenbelagsspezialist konnte er deshalb kaum mit ganzem Herzen zustimmen. Wobei sich zudem die Frage stellt, ob überhaupt zu einem für den Veräusserer vertretbaren Preis ein Käufer hätte gefunden werden können. Zweifel sind berechtigt die Antwort ist nach dem Entscheid der Gruppe, die bisherige Struktur zu belassen, obsolet.

Rolf Watter ab Ende April 2005 Kisslings Nachfolger

Abgelöst wird Kissling an der GV vom 29. April 2005 durch das bisherige VR-Mitglied Rolf Watter (46), hauptberuflich Partner der Zürcher Rechtsanwaltskanzlei Bär & Karrer, Mitglied der Zulassungsstelle der Schweizer Börse SWX und nebenamtlich Professor an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich. Zudem sitzt Watter neben Forbo in weiteren Verwaltungsräten, wie Syngenta oder Zurich Financial Services.

Watter also wird Forbo zurück in ruhigere Gewässer zu steuern haben. Im Alleingang und auf drei Beinen. Die Kapitalerhöhung in der Grössenordnung von 200 Mio Fr. zur dringenden Stärkung der Eigenmittelbasis ist aufgegleist, die Details sollen in der zweiten Monatshälfte bekannt gegeben werden. Das bestehende US-Private-Placement, das im August Hinderungsgrund schien für die Weiterentwicklung Forbos, wird weitergeführt. Kaum ohne Blessuren wird die Umstrukturierung des Konzerns über die Bühne gehen. Die Neuausrichtung wird Sonderkosten von vermutlich bis gegen 230 Mio Fr. erforderlich machen.

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(in Mio Fr.) Jan.Sept Jan.Sept. %

2004 2003

Umsatz 1238.8 1204.6 2.8

Bodenbeläge 564.3 561.8 0.5

Klebstoffe 443.1 420.1 5.5

Transportbänder 231.4 222.7 3.9

Fazit: Der strategische Schwenker fördert das Vertrauen in Forbo nicht. Zudem belasten die Restrukturierungsaufwendungen das Ergebnis auch des nächsten Jahres. Weil zu viel noch unklar ist über die Zukunft Forbos, drängt sich ein Engagement nicht auf.