«Ein Pakt für den Werkplatz» – unter diesem Motto haben sich am Freitag Gewerkschafter und Wirtschaftsgrössen in Bern auf eine Bühne gestellt. Hayek, Spuhler, Rechsteiner, Pardini und andere setzten damit ein Zeichen gegen die Deindustrialisierung der Schweiz.

Der Saal im Hotel Bern war proppenvoll. Zuhörer, die keinen Sitzplatz fanden, standen den Wänden entlang. Corrado Pardini, Sektorleiter Industrie bei der Unia, zeigte sich überwältigt vom grossen Interesse. «Das beweist, dass die Deindustrialisierung viele Leute bewegt», sagte er.

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«Forschung ohne Produktion geht nicht»

Swatch-Chef Nick Hayek vermochte den abstrakten Begriff der Deindustrialisierung in ein Bild zu fassen: «Früher gab es praktisch in jeder grösseren Ortschaft einen Wegweiser, darauf stand Industrie.» Heute stehe dort ein Do-It-Yourself-Markt, ein Fast-Food-Restaurant oder eine Autowaschstrasse.

Viele wollten nur noch Forschung und Entwicklung in der Schweiz behalten, sagte Hayek. Das sei «clean». Die Forschung müsse aber mit der Produktion in einem Dialog stehen. «Forschung ohne Produktion geht nicht», sagte auch Pardini. Zudem würden auch viele Tertiärjobs an der Industrie hängen.

1.10 Franken

Der starke Franken, der die Deindustrialisierung zusätzlich begünstigt, war das Hauptthema. Dies umso mehr als dass der Euro-Franken-Wechselkurs kurz vor 11.20 Uhr erstmals seit dem Mindestkurs-Ende im Januar die Marke von 1.10 Franken überschritt.

Das genüge aber nicht, sagte Pardini. Solange man nicht im Bereich von 1.20 Franken sei würden Tausende von Industrie-Arbeitsplätzen zerstört. Der Frankenschock werde verharmlost. Auch wegen der Konjunkturforscher, die ein Wachstum prognostizierten. Diese Durchschnittsprognosen seien nutzlos. Denn der überbewertete Franken wirke selektiv. In der Industrie und im Tourismus fänden teilweise Massaker statt.

«Testosteron-Franken»

Dass der «Testosteron-Franken» – so Pardini – den Werkplatz Schweiz bedrohe, darin waren sich Gewerkschafter und Unternehmer einig. Nicht aber darin, was zu tun sei. Während Pardini und Gewerkschaftsbund-Präsident Paul Rechsteiner einen neuen Mindestkurs fordern, vertraut Stadler-Rail-Chef Peter Spuhler auf die Marktkräfte.

Weitere Interventionen der Nationalbank am Devisenmarkt hält Spuhler zwar für wichtig. Er setzt aber darauf, dass der Wechselkurs durch die Marktkräfte irgendwann wieder der Kaufkraftparität entspricht. Ist dies der Fall, spricht man vom sogenannt «fairen Wechselkurs».

«Jeder Rappen zählt»

Nach dem der SRF-Spendenaktion entliehenen Motto «Jeder Rappen zählt» freute sich Spuhler über die weitere leichte Abschwächung des Frankens am Freitag. Der Eisenbahnunternehmer hatte wegen des starken Frankens die Arbeitszeit in seinem Betrieb auf 45 Stunden erhöhen müssen.

Hayek schalt die Nationalbank eine «schwache Institution» und kritisierte die Mindestkurs-Aufhebung erneut, propagierte aber in erster Linie den Unternehmergeist als Schlüssel zum Erfolg.

Pardini setzte auch auf die Sozialpartnerschaft. Diese müsse erneuert werden. In der letzten Zeit sei sie etwas aus der Usanz gekommen. Er beschwor eine Sozialpartnerschaft «mit etwas weniger Ideologie, vor allem auch auf Seiten der Arbeitgeberverbände.» Analog klang der Appell der Unternehmer: «Liebe Gewerkschaften, versucht die Ideologie wegzulassen. Das hilft der Schweiz auch sehr», sagte Spuhler.

(sda/ise/gku)