Der frühere Kuoni-Chef Hans Lerch fühlte sich gebauchpinselt, als ihn die arabischen Käufer der Flugzeugwartungsfirma SR Technics anno 2006 fragten, ob er Präsident des Unternehmens werden wolle. Er wollte – und machte den Fehler seines Lebens, wie er freimütig erzählt.

Lerch dachte, er könne das Amt kompetent ausüben. Als Urgestein der Reisebranche habe er eine Ahnung von Flugzeugen. Er täuschte sich. Bei jeder strategischen Entscheidung habe er sich abhängig machen müssen von den Managern, die er eigentlich hätte beaufsichtigen sollen. Seither ist für Lerch fundiertes Branchenwissen matchentscheidend.

Hunderte mit gleichwertiger Qualifikation

Lerchs Einsicht aber will und will sich in den Aufsichtsorganen nicht etablieren. Regelmässig werden Personen in Verwaltungsräte berufen, die von der jeweiligen Branche keine Ahnung haben. Jüngstes Beispiel ist die Nominierung von Reto Francioni für den Swiss-Verwaltungsrat, den er ab Juni als Nachfolger von Bruno Gehrig gar präsidieren soll.

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Der gebürtige Zürcher Francioni gilt bei der Lufthansa-Gruppe als Idealkandidat, weil er als langjähriger Chef der Börse in Frankfurt auch in Deutschland bestens vernetzt ist. Das ist zwar ein Plus. Aber es ist eine Qualifikation, über die Hunderte von Schweizern verfügen. Zudem mangelt es weder der Swiss noch ihrem Mutterkonzern an Beziehungen zu den wichtigen Entscheidungsträgern in Deutschland – weder in der Wirtschaft noch in der Politk.

Ungleiches Kräfteverhältnis

Personen mit Branchenkenntnissen hingegen sind im Swiss-Verwaltungsrat aktuell und künftig zu wenig vertreten. Ex-Swiss-Chef Christoph Franz und dem früheren Boss von Air Canada, Montie Brewer, stehen zwei Finanzprofis – Ex-Swiss-Re-Chef Jacques Aigrain und Ex-Swiss-Life-Präsident Bruno Gehrig – gegenüber. Diese Zusammensetzung ist nur auf den ersten Blick ausgeglichen: Der Hauptjob von Franz ist heute das Präsidium von Roche. Und von Brewer, der immerhin seit bald zwei Jahren im Amt ist, hat die Schweizer Öffentlichkeit noch kein Wort vernommen. Sogar seine Ernennung hat in der Schweiz einzig die NZZ notiert.

Und nun soll nach der bevorstehenden Auflösung der Schweizer Luftfahrtstiftung der 60-jährige Francioni das Schweizer Gewissen der deutschen Airline mit dem Schweizerkreuz auf der Heckflosse sein? Ausgerechnet UBS-Verwaltungsrat Francioni, der seine Karriere im Ausland gemacht hat, den Lebensmittelpunkt über 20 Jahre in Deutschland hatte und dem eine helvetische Wandersocken-Erdung, wie sie Gehrig fast perfekt verkörpert, fast komplett abgeht?

Strategische Grossprojekte scheiterten fast allesamt

Und ausgerechnet Francioni soll das Swiss-Strategiegremium führen, obwohl seine strategischen Grossprojekte bei der Deutschen Börse fast allesamt scheiterten? Ihm gelang weder die Fusion mit der New York Stock Exchange noch mit der Londoner Börse.

Francioni ist als Swiss-Präsident eine zwar naheliegende Wahl, vor allem aber eine Verlegenheitslösung. Oder dann Ausdruck davon, dass die Lufthansa vom Verwaltungsrat ihrer einträglichen Schweizer Filiale eben keine eigenständigen Würfe erwartet.

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