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Franken-Schock nur Ausrede für Schweizer Jobabbau?

Aufgrund der Frankenstärke bauen Schweizer Firmen rund 1000 Jobs ab, und es werden täglich mehr. Gewerkschafter fragen, ob nicht einige Unternehmen schlicht die günstige Gelegenheit nutzen.

Veröffentlicht am 05.03.2015

Seit die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Euro-Mindestkurs Mitte Januar aufgegeben hat, häufen sich Restrukturierungen bei Unternehmen. Der Verdacht, dass die «günstige Gelegenheit» genutzt und bereits fertige Abbaupläne aus der Schublade gezogen werden, liegt in der Luft.

Offiziellen Ankündigungen zufolge werden aufgrund der Frankenstärke in den nächsten Monaten in der Schweiz rund 1000 Stellen abgebaut – meistens in der Produktion von Industriefirmen. Der Grossteil der Stellen, die abgebaut werden, soll ins Ausland verlagert werden.

Druck auf exportorientierte Unternehmen steigt

Wie gross der Druck vor allem auf exportorientierte Unternehmen war und ist, verdeutlicht die Währungsentwicklung: Der Euro-Franken-Kurs hat sich bereits innerhalb der letzten fünf Jahre von 1,50 auf 1,20 verändert. Mit der aktuellen Reduktion auf 1,05 hat sich die Situation nochmals verschärft.

Für die Gewerkschaft Syna erhärtet sich dennoch der Verdacht, dass jetzt die «in normalen Zeiten unpopulären Restrukturierungsmassnahmen unter dem Deckmantel der Euro-Franken-Krise durchgezogen» werden. Viele Unternehmen handelten aktuell nach dem Grundsatz: «Lasse nie eine Krise ungenutzt», kritisiert Mathias Regotz, Vizepräsident der Gewerkschaft Syna.

Notwendigkeit oder Krise genutzt?

Doch auch der Gewerkschafter weiss, dass es Unternehmen gibt, «denen durch die Aufgabe des Mindestkurses mittelfristig das Wasser bis zum Hals steht». Wenn Unternehmen den Gewerkschaften aber, wie aktuell feststellbar, die Einsicht in Zahlen zur wirtschaftlichen Lage der Firma verweigerten und Arbeitnehmervertreter bei Verhandlungen über Massnahmen ausschliessen würden, dann seien das Alarmzeichen.

Abbaumassnahmen in der Schweiz dürfen nach Ansicht von Regotz nicht nur der Sicherung der Gewinnmarge dienen. Sie müssen zwingend kurz- und mittelfristig Arbeitsplätze erhalten.

Dass Firmen aus der aktuellen Situation Kapital schlagen, hält hingegen Unternehmensberater Peter Schmid von KPMG für sehr unwahrscheinlich. «Niemand geht ohne Zwang ins Ausland, vor allem weil viele Betriebe auch schon negative Erfahrungen damit gemacht haben», stellt Schmid fest.

Attraktive Marktsituation

Exzellentes Know-how, willige und flexible Arbeitnehmende, eine attraktive Marktsituation, politische Stabilität und tiefe Zinsen seien Argumente gegen die Verlegung von Arbeitsplätzen ins Ausland.

Schmid weiss zudem aus Erfahrung, dass der Prozess einer Jobverlagerung sehr langwierig ist und nur nach reiflicher Überlegung ins Auge gefasst wird. Mit der neuerlichen Wertsteigerung des Frankens seien einige Firmen nun aber an eine Grenze gekommen. Das könnte seiner Meinung nach den Prozess der Auslagerung beschleunigen.

Langfristiger Umbau

Verlagerungspläne sind laut Schmid aber immer langfristig angesetzt. Es brauche eine sehr sorgfältige Evaluation von möglichen Standorten und eine intensive Planung. Wenn ein Entscheid gefallen ist, dauert es gemäss dem Unternehmensberater nochmals neun bis 18 Monate oder sogar noch länger bis die Infrastruktur (z.B. Produktionsgebäude) aufgebaut ist.

Wirtschaftsprofessor Bruno Waser von der Hochschule Luzern pflichtet dem bei. Die Suche nach geeigneten Standorten im Ausland, der Transfer und die Etablierung der Prozesse könne mehrere Monate, wenn nicht Jahre beanspruchen, meint auch er.

Stellen nach Rumänien und Belgrad verlagert

Bestätigt werden die Fachleute durch aktuelle Beispiele: Bereits bestehende Pläne schneller umsetzen will etwa der Thurgauer Bauausrüster Arbonia-Forster (AFG). Das Unternehmen wird 150 bis 200 Arbeitsplätze von Altstätten SG in die Slowakei verlagern.

Ähnlich viel Zeit gibt sich auch die Industriegruppe Alu Menziken. Bis 2017 soll ein neues Werk am Tiefkostenstandort Rumänien fertiggestellt sein und 40 Stellen in der Schweiz werden verschwinden. Innert zwölf Monate baut auch das Wartungsunternehmen SR Technics in der Schweiz 250 Stellen ab und schafft gleichzeitig neue Stellen in Belgrad.

Aufwand oft unterschätzt

Für die Unternehmen sind diese Verlagerungen kein Spaziergang. «Der Aufwand für den Transfer von Stellen ins Ausland wird erfahrungsgemäss oft unterschätzt», stellt Waser fest. Vor allem bei rein kostenmotivierten Verlagerungen würden die Ziele oft nur teilweise respektive erst nach einer längeren Zeit erreicht.

Waser glaubt, dass eine Verlegung von Stellen relativ schnell vollzogen werden kann, wenn bereits Standorte im Ausland bestehen. Die Feststellung korrespondiert mit der Beobachtung des Gewerkschafters, dass aktuell besonders Firmen , die schon Produktionsstandorte im Ausland betreiben, sehr schnell Auslagerungen ankündigen.

Unternehmensberater Schmid bleibt dennoch skeptisch. Auch durch eine bestehende Infrastruktur im Ausland könne die für eine Verlagerung notwendige Zeit nur wenig abgekürzt werden.

Zwei Drittel der Firmen verlagern Stellen

Für Waser und Schmid ist die Verlagerung von Jobs ins Ausland nur eine mögliche Option zur Steigerung von Effizienz und Effektivität. Primär gehe es aber bei Restrukturierungsmassnahmen darum, bestehende Prozesse und Strukturen organisatorisch und technisch zu optimieren, und so die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Studien der Hochschule Luzern über die letzten zwölf Jahre zeigen, dass rund zwei Drittel der Schweizer Unternehmen Arbeitsprozesse in EU-Länder und ein Drittel nach Asien auslagern.

Für die europäischen Nachbarländer spricht laut Waser, dass es sich um die wichtigsten Exportmärkte handelt. Kulturelle und geografische Nähe seien zudem kurz- und mittelfristig erfolgversprechender. Verlagerungen nach Asien seien aufwändiger, hätten aber grössere Marktpotenziale.

Automatisierung verhindert Verlagerungen

Dass die «Suppe nicht ganz so heiss gegessen, wie gekocht wird», glaubt man beim Beratungsunternehmen KPMG. Die Lage in der Schweiz werde sich wieder beruhigen und die Wirtschaft werde auch die aktuelle Herausforderung meistern. Die betrieblichen und politischen Rahmenbedingungen für die Schweizer Industrie seien nämlich gesamthaft beneidenswert gut.

Die Digitalisierung und das Internet könnten in Zukunft dem Schweizer Arbeitsplatz in die Hände spielen, weil nur Prozesse verlagert würden, die sehr arbeitsintensiv seien. Eine hohe Produktivität und Automatisierung könnte Verlagerungen verhindern.

(sda/me)

 

 

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