Schweizer Franken – Fluchtwährung Nr. 1», «Bundesrat und Nationalbank am Ende des währungspolitischen Lateins», so lauteten die Schlagzeilen der «Handelszeitung» – vor 40 Jahren. «Überleben in Zeiten des starken Frankens» titelte die «Handelszeitung» vor 20 Jahren. 1975, 1995, 2015 – alle 20 Jahre bringt die starke Aufwertung des Frankens weite Teile der Schweizer Wirtschaft an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Heute kämpfen erneut viele Exporteure und Hoteliers ums Überleben. Die plötzliche Frankenaufwertung um rund 20 Prozent nach der Aufgabe des Mindestkurses durch die Nationalbank schlägt voll auf die Gewinne durch.

Der Strukturwandel beschleunigt sich erneut, wie in den früheren Phasen einer starken Überbewertung des Frankens in den 1970er- und 1990er- Jahren (siehe Grafik unten). Die damaligen Krisen rissen einzelne Unternehmen in den Untergang, doch die Industrie als Ganzes machten sie stärker. «Die Situation ist schwieriger als 2011», sagt Yngve Abrahamsen, Ökonom der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Die Aufwertung geschah diesmal auf einen Schlag, und es war nach 2010/11 der zweite Währungsschock innert sehr kurzer Zeit. Mit dem Mindestkurs hatte die Nationalbank den Unternehmen dreieeinhalb Jahre Planungssicherheit verschafft. Damit ist es wohl für lange Zeit vorbei. Nun müssen sie in ihren Investitionsrechnungen wieder einen Risikozuschlag einsetzen für mögliche Frankenaufwertungen.

Parallelen zu früheren Krisen sind frappant

«Das wird zu einer grösseren Zurückhaltung bei Investitionen führen», sagt Abrahamsen. Nachdem die Nationalbank den Schutzwall aufgegeben hat, müssen viele Firmen wieder auf Überlebensmodus schalten. Die Parallelen zu 1975 und 1995 sind dabei frappant.

1975 wurde die Schweiz von der schwersten wirtschaftlichen Rezession der Nachkriegszeit erfasst. Die Erdölkrise und die starke Aufwertung des Frankens nach dem Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods und dem Übergang zu flexiblen Wechselkursen machten dem Export zu schaffen. Produktion und Beschäftigung brachen ein. Der Niedergang der Uhrenindustrie sowie der Schuh- und Textilindustrie begann. Bis 1983 gingen 60000 von 90000 Arbeitsplätzen in der Uhrenindustrie verloren. Mit massiven Umstrukturierungen, der Konzentration auf das Hochpreissegment und der Automatisierung der Produktion mit der Plastikuhr Swatch gelang die Wende.

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Die Rezepte bleiben gleich

In der ersten Hälfte der 1990er-Jahre kam es zur Immobilienkrise. Die lange Zeit extrem restriktive Geldpolitik der Nationalbank liess den Franken in die Höhe schiessen. «Maschinenindustrie: Agieren zwischen Währungs-Frust und Produktivitätssteigerungs-Lust – die alltäglich gewordene Durchhalteübung der Schweizer Maschinenbauer geht weiter», schrieb die «Handelszeitung» am 23. November 1995. Produktivitätssteigerungen der im Inland produzierenden Betriebe würden «durch die Höhenflüge des Frankens mit frustrierender Regelmässigkeit weggefressen».

Auch am Gegenmittel gegen den starken Franken hat sich seither wenig geändert: «Outsourcing von einzelnen Fertigungs- und Montageoperationen ins Ausland, Verringerung der Fertigungstiefe innerhalb der Schweiz, Internationalisierung des Beschaffungswesens sowie Produktionsratio- nalisierung werden unentwegt vorangetrieben», hiess es schon damals. «Die 1990er-Jahre galten als verlorenes Jahrzehnt in der Schweiz», sagt George Sheldon, Wirtschaftsprofessor und Arbeitsmarktexperte an der Universität Basel, «aber im Nachhinein stellt man fest, dass sich die Unternehmen damals fit getrimmt haben.» Dass die Schweizer Wirtschaft die Dotcom-Krise von 2001 und die Finanzkrise von 2008 so gut bewältigte, könnte auf die erfolgreiche Struktur- bereinigung in den 1990er-Jahren zurückzuführen sein. Um 1960 arbeitete etwa die Hälfte der Schweizer Beschäftigten in der Industrie, heute nur noch etwa jeder fünfte Arbeitnehmer. Die Beschäftigung hat um über 400 000 Personen abgenommen, massiv gewachsen ist dagegen der Dienstleistungssektor. Trotzdem zeichnet die Industrie heute für rund zwei Drittel der Exporte verantwortlich.

Keine Deindustrialisierung

Im Gegensatz zu anderen Industrieländern blieb der Anteil an der Wertschöpfung der Industrie seit Ende der 1980er-Jahre einigermassen konstant. Eine Deindustrialisierung fand nicht statt. Gemessen an den Industrieexporten und der Industrieproduktion pro Kopf steht die Schweiz mit Abstand an der Spitze. In der globalen Arbeitsteilung spezialisierte sich die Schweizer Industrie auf hochwertige Tätigkeiten, generierte eine immer höhere Wertschöpfung pro Arbeitsplatz und sorgte so für hohe Löhne. Dank zunehmender Automatisierung, Rationalisierung und Produktivitätssteigerung konnte die Industrie ihren Anteil am BIP mit weniger Beschäftigten behaupten. Der durch den starken Franken provozierte Strukturwandel vertrieb die wettbewerbsschwachen Tätigkeiten ins kostengünstigere Ausland und setzte damit Fachkräfte und Kapital für die wettbewerbsstarken Branchen wie Pharma, Chemie und Medizinaltechnik frei.

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Die verbleibenden Unternehmen sind jedoch zu ständiger Innovation gezwungen. Eine überdurchschnittliche Produktivität ist die Voraussetzung dafür, aus dem Hochlohnland Schweiz heraus exportieren zu können. Dank Innovation und Spezialisierung können sich die Unternehmen dem Kostenwettbewerb weitgehend entziehen. Durch das Offshoring arbeitsintensiver Tätigkeiten lassen sich wertschöpfungsstarke Tätigkeiten wie Management, Beratung, Design, Forschung und Entwicklung, Marketing oder Logistik in der Schweiz halten.

Gibt es schon wieder Polster?

Die Anpassung an Wechselkursschocks braucht jedoch Zeit, damit sich Arbeitnehmer und Unternehmen darauf einstellen können. Überschiesst der Strukturwandel, kommt es zu Firmenzusammenbrüchen und überhöhter Arbeitslosigkeit. In der aktuellen Situation stellt sich Yngve Abrahamsen deshalb die Frage, «ob die Unternehmen den Aufwertungsschock von 2011 bereits verarbeitet haben und wieder etwas Polster ansetzen konnten». Das beschäftigt auch George Sheldon: «Ich weiss nicht, ob man bereits wieder in der Lage ist, diesen neuen Schock durch Produktivitätsgewinne aufzufangen.» Es dürfte dabei beträchtliche Unterschiede zwischen Unternehmen und Branchen geben.

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Auf die Arbeitslosigkeit wirkten sich die Phasen extremer Überbewertung des Frankens in der Vergangenheit sehr unterschiedlich aus. Trotz der schweren Krise stieg die Arbeitslosenquote in den 1970er-Jahren nicht über 1 Prozent – nur etwa ein Fünftel der Arbeitnehmer war damals gegen Arbeitslosigkeit versichert, und fast eine Viertelmillion ausländische Arbeitskräfte kehrten in ihre Heimat zurück. Die vergleichsweise schwächere Rezession in den 1990er-Jahren liess die Arbeitslosenquote 1997 dagegen auf 5,7 Prozent ansteigen. Doch seither schlagen Konjunktureinbrüche immer weniger direkt auf die Arbeitslosigkeit durch, stellt George Sheldon fest. «Die letzten zwei Schocks führten nicht zu einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit», sagt er, «deshalb bin ich auch diesmal verhalten optimistisch.»

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* gegenüber einem Währungskorb der Wichtigsten handelspartner; Quelle: bruegel; bild: fotolia