Der Club de Femmes Entrepreneurs (CFE) hat sich in der Westschweiz seit 2002 Nomination und Wahl der «Unternehmerin des Jahres» auf die Fahne geschrieben. Die Preisträgerinnen müssen als Unternehmerin oder Kader über eine längere Zeit Verantwortung getragen und einen erfolgreichen Beitrag zur jeweiligen Branche geleistet haben. Eine aus namhaften Persönlichkeiten konstituierte Jury nimmt die Wahl gemäss 13 festgelegten Kriterien vor.

Diesmal sind gleich drei Frauen aus der Uhrenbranche zur Unternehmerin des Jahres 2008 ex aequo gekürt worden – allerdings mit ganz unterschiedlichen Begründungen, wie CFE-Präsidentin Philine Read erklärt. Übrigens, Unabhängigkeit war garantiert: Keine der drei Frauen macht aktiv mit im CFE.

 

 

Die unermüdliche 63-Jährige lebt und arbeitet weiterhin in ihrem Geburtsort Les Ponts-de-Martel auf gut 1000 m über Meer. Hier findet sie nicht nur die nötige Ruhe nach anstrengenden Kundenbesuchen im Mittleren und Fernen Osten, sondern auch treue Mitarbeitende und Zulieferer in allernächster Umgebung. Dass sie sich schon als Kind für Uhren interessierte, mag als Urenkelin des renommierten Uhrmachermeisters Meylan (Meylan & LeCoultre) in ihren Genen liegen.

Gute Nase gehabt und Werke gehortet

Allerdings musste die Verwirklichung ihres Mädchentraums vorerst warten, wollte ihr Vater doch, dass sie erst eine kaufmännische Lehre absolvierte, was sie vor Ort in der Martel Manufaktur auch tat. Auf einen Abstecher nach Zürich zur damaligen Bankgesellschaft folgte ein Englandaufenthalt, denn Sprachen schienen der jungen Frau für das Uhrmacherbusiness wichtig zu sein. Danach hielt sie nichts mehr auf – bei Mathey-Tissot in Les Ponts-de-Martel lernte sie die mechanische Haute Horlogerie von der Pike auf.

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Über ein ganzes Jahrzehnt sammelte die Uhrenliebhaberin mechanische Werke, die sie in der Quarzkrise der 1970er Jahre bei Aufgabe zahlreicher Manufakturen günstig erwerben konnte. Mit diesem Fundus machte sie sich 1985 unter Horlogerie Ancienne Cinette Robert selbstständig, liess die Werke nach und nach restaurieren und baute sie in drei unterschiedliche Gehäuseformen ein als Vintage-Uhren für Sammler.

Eine schlaflose Nacht und ihre Konsequenzen

Zehn Jahre später erhielt Cinette Robert vom befreundeten Meisteruhrmacher George Dubey, der mit René Schaldenbrand 1946 die Manufaktur Dubey & Schaldenbrand in La Chaux-de-Fonds gegründet hatte, das Angebot, diese Marke zu kaufen. Unter Druck musste Robert entscheiden: «Du hast 24 Stunden Zeit, um ja zu sagen, danach wird die Marke zum Verkauf ausgeschrieben.» Klar, dass die damals 51-Jährige in jener Nacht kein Auge schloss, jedoch sofort wusste, dass sie zugreifen musste. So ist die Marke von La Chaux-de-Fonds nach Les Ponts-de-Martel zwischen Le Locle und Neuenburg gekommen.

Allen Unkenrufen zum Trotz steht der viel zu lange und komplizierte Namen Dubey & Schaldenbrand noch heute für perfekte Uhrmacherkunst. Mit ihren drei Uhrmachern und sechs Teilzeit-Mitarbeitenden erstellt Robert jährlich 2000 bis 3000 Uhren mit nützlichen Komplikationen in kleinen Serien von 50 bis 200 Stück. Damit füllt Dubey & Schaldenbrand eine kleine Nische für Sammler und Liebhaber mechanischer Uhren.

Dass sie nun zur Unternehmerin des Jahres 2008 gekürt worden ist, freut sie zwar, doch stolz ist Cinette Robert primär auf die Auszeichnung Mérite au développement de la tradition horlogère des International Institute for Promotion and Prestige (IIPP), welche ihr 2004 vom Neuenburger Volkswirtschaftsdepartement überreicht wurde.

Als verheiratete, zweifache Mutter lancierte Giselle Rufer im Team von Ernst Thomke bei der SMH (heute Swatch Group) die Kinderuhr Flik Flak. Der Erfolg ermutigte sie, eine Damenuhr zu entwickeln, die nicht einfach eine Verkleinerung einer Herrenuhr darstellt, sondern von Grund auf für Frauen konzipiert und anders als alle andern ist. Doch damit stiess sie intern auf taube Ohren; aus Enttäuschung machte sich die damals 49-Jährige 1995 an ihrem Wohnort in Magglingen, hoch über der Uhrenstadt Biel, selbstständig.

Während Rufer auf der Suche nach einer eigenwilligen Gehäuseform Skizze um Skizze machte und in der Umgebung nach geeigneten Zulieferern Umschau hielt, nutzte sie den Entwicklungsprozess zum Besuch eines Lehrgangs für Unternehmensführung an der Uni Neuenburg.

Fündig geworden bei der Raute

In der Form einer Raute, dem Symbol der Liebe, wurde sie schliesslich auf ihrer Formensuche fündig und liess vom konvexen Viereck drei verschiedene Grössen anfertigen. Um jede Uhr zu einem Unikat werden zu lassen, kann aus einer Vielfalt von Zifferblättern, Armbändern und Edelsteinen individuell ausgewählt werden. Dahinter steckt Rufers Idee, dass jede Frau ihre wichtigsten Lebensdaten wie Hochzeit, Geburten usw. zeitgleich auf der Lünette durch Setzen von Diamanten und Edelsteinen markieren und so ihre Uhr personifizieren kann.

Die Auszeichnung zur Unternehmerin des Jahres 2008 bewegt Rufer sehr: «Dass gleich drei Chefinnen aus der Uhrenbranche geehrt werden, zeigt mir, dass die Zeit der Frauen gekommen ist. Oft wird vergessen, dass mindestens 50% der Beschäftigten in der Uhrenindustrie Frauen sind. Was wäre die Industrie ohne die scharfen Augen, die sicheren Handgriffe und multiplen Fähigkeiten dieser Arbeiterinnen?» Sie jedenfalls hätte ihren Traum einer individuellen Damenuhr ohne ihre freischaffenden Frauen als Graveur, Sertisseur oder Termineur niemals realisieren können. Und auch im Büro ist Rufer von Frauen umgeben und bildet ausnahmslos weibliche kaufmännische Lernende aus. Für ihre «positive wirtschaftliche Auswirkung auf die umliegende Region» ist Rufer denn auch ausgezeichnet worden.

Die dritte und jüngste Unternehmerin des Jahres 2008, Ewa Lederer (37), ist durch die Liebe zu ihrem Mann zur Schweizer Uhrenbranche und durch ihre polnische Abstammung zum W in ihrem Vornamen gekommen. Ewa war es, die den deutschen Uhrmachermeister Bernhard Lederer, nachdem sie sich in den 90er Jahren auf der Basler Messe kennen und lieben gelernt hatten, für die Schweiz begeisterte. Damals studierte die gebürtige Warschauerin an der Uni Neuenburg Sprachen und Literatur, nachdem sie vorher in ihrer Heimatstadt die Wirtschaftshochschule absolviert hatte.

Ein Start fern der Heimat

Ihre gemeinsame Zukunft planen die beiden von Anfang an in der Selbstständigkeit am Neuenburgersee. Dadurch, dass Bernhard Lederer bereits seit 1985 Mitglied der Académie Horlogère des Créateurs Indépendants (AHCI) ist, kennt er ein Dutzend Ausnahmetalente und Einzelkämpfer in der Schweiz, mit denen er sich austauschen kann (siehe auch Artikel Seite 36). So beginnt die gemeinsame Zukunft für Ewa und Bernhard Lederer am Anfang des 3. Jahrtausends in Colombier, fern ihrer beider Heimat.

In einem alten Fabrikgebäude, das sie nach und nach in ungezählten Freizeitstunden in schmucke Uhrenateliers und helle Büroräume umwandeln, kommt echter Pioniergeist auf. «Doch wir haben uns von Anfang an als Aktiengesellschaft Blu seriöse Strukturen gegeben. Mit einem Treuhänder für die Buchhaltung, Verträgen von Lieferanten, exakten qualitativen wie quantitativen Zielen, deren regelmässiger Überprüfung usw.», erklärt Ewa Lederer.

Der Gewinn wird laufend reinvestiert

Nichts werde dem Zufall überlassen und Gewinne gleich wieder ins heute zwölf Personen umfassende Kleinunternehmen investiert, um stets auf dem erforderlich neuen Stand zu sein. Neben Führungsaufgaben ist der charmanten Managerin jedoch das Schaffen einer besonderen Atmosphäre, die einem Biotop gleich alles Denken und Wirken in diesem Unternehmen in den Dienst des Inspirators und Kreateurs der Marke Blu stellt, ein ganz besonderes Anliegen. Ewa Lederer wurde als Chef d’entreprise für ihre hohe Risikobereitschaft zur Unternehmerin des Jahres 2008 gekürt.