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Frauenquote: Frau ist einsam an der Spitze

In Norwegen ist sie umgesetzt, in der Schweiz wird sie jetzt im Parlament diskutiert. Das Ziel: Mehr Frauen in Verwaltungsräten. Firmen finden eine Quote keine gute Idee.

Von gabriela weiss
am 22.09.2004

Marisabel Spitz-Kaspar ist einsam. Eine einsame Frau unter lauter Männern an der Spitze von Unternehmen. Sie ist Präsidentin des Verwaltungsrats von Hapimag, der Verkäuferin von Ferienwohnrechten. Neben ihr gibt es gemäss der «HandelsZeitung»-Umfrage nur noch zwei Verwaltungsratspräsidentinnen in Schweizer Firmen: Helen Leumann-Würsch (CKW) und die ehemalige Börsenchefin Antoinette Hunziker (creInvest). Verwaltungsrätinnen sind zahlreicher, aber auch da sind Frauen frappant untervertreten. Bei den 25 grossen an der Schweizer Börse kotierten Unternehmen (Blue Chip) sitzen gerade mal 14 Frauen in einem Verwaltungsrat.

«Das ist ernüchternd», sagt Franziska Teuscher, Grüne Nationalrätin aus Bern. Sie will das ändern und hat deshalb im Frühling eine parlamentarische Initiative eingereicht. Das Ziel: Börsenkotierte Unternehmen zu verpflichten, mindestens 40% ihrer Geschäftsleitungsposten und ihrer Verwaltungsratsmandate mit Frauen zu besetzen. Auch die Zürcher SP-Nationalrätin Barbara Haering findet den Status quo alles andere als in Ordnung. Auch sie hat eine parlamentarische Initiative eingereicht. Diese geht allerdings weniger weit als jene ihrer Ratskollegin Teuscher ­ und hat deswegen bessere Chancen, in der laufenden Herbstsession im Parlament durchzukommen. Haerings Anliegen: In Verwaltungsräten mit Bundesbeteiligung müssen mindestens 30% Frauen vertreten sein.

Dass solche Frauenquoten mehrheitsfähig sind, beweist Norwegen ­ Anfang Jahr hat das Land eine Frauenquote für Verwaltungsräte beschlossen. Bis in einem Jahr müssen die rund 600 an der Börse kotierten Firmen mindestens 40% der Sitze ihrer Aufsichtsgremien mit Frauen besetzt haben. Andernfalls entzieht ihnen die Börsenaufsicht die Zertifizierung.

Mit Quoten können Unternehmen in der Schweiz nichts anfangen, wie eine Umfrage der «HandelsZeitung» bei den 25 Blue-Chip-Unternehmen zeigt. Die Qualifikation sei ausschlaggebend, schreiben die Unternehmen. Bestenfalls bekennt man sich dazu, dass bei gleicher Qualifikation die Frau Vorrang hat. Im europäischen Vergleich stehen die Schweizer Unternehmen nur im Mittelfeld, Norwegen ist an der Spitze.

Zuerst ins Management

Dass das Bild der Aufsichtsgremien in Schweizer Unternehmen nach wie vor männlich gefärbt ist, erstaunt Peter Hasler, Direktor des Arbeitgeberverbands, nicht: «Zuerst müssen Frauen in den obersten Management-Positionen besser vertreten sein.» Erfahrungungsgemäss sind Spitzenpositionen in Unternehmen das Sprungbrett in Verwaltungsräte.

Der Blick in die oberste Führungsetage der grossen Schweizer Unternehmen zeigt: Auch da liegt noch vieles im Argen. Gerade mal fünf Frauen haben es in die Konzernleitung der 25 Blue-Chip-Unternehmen gebracht, 17 Firmen haben gar keine Frau in der Geschäftsleitung, darunter auch die Swisscom. Und in den anderen drei Unternehmen (Post, SBB und Ruag), an denen der Bund die Mehrheit hat, ist die Konzernleitung Männersache.

Quoten einzuführen sei aber der falsche Weg, um den Frauenanteil zu erhöhen, sagt Hasler. Viel wichtiger sei gezielte Frauenförderung in den Unternehmen, auch auf unteren Stufen. «Frauen müssen Erfahrung haben im Management», sagt Christian Muggli, Geschäftsführer vom Headhunter-Unternehmen Egon Zehnder. Verwaltungsräte würden oft aus diesen Positionen rekrutiert. Er stellt fest: «Es gibt sehr wenig Frauen, die qualifiziert sind für ein Verwaltungsratsmandat und die auch Interesse haben.» Der Grund: Frauen sind weniger karriereorientiert, wollen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf und Freizeit.

Dabei könnte die männerdominierte Wirtschaft viel von den Frauen profitieren. Das ist die Überzeugung von Gertrud Höhler, Professorin, Wirtschaftsberaterin und Verwaltungsrätin beim Industriekonzern Georg Fischer, beim Chemieunternehmen Ciba und beim Versicherer Bâloise. «Frauen öffnen bei Themen wie Fusionen oder Restrukturierungen neue Fenster», sagt sie. Sie würden an die Reaktion der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter denken und daran, wie die Kunden reagieren könnten und was zu tun sei. Während der Mann zuerst das System sieht, und erst danach den Menschen, ist es bei der Frau umgekehrt. Höhler: «Ein Unternehmen hat nur Erfolg, weil Menschen arbeiten.»

Vergebliche Suche

Die Unternehmen hätten gerne vermehrt auch die weibliche Denkweise in ihren Verwaltungsräten. Headhunter Pascal Forster sagt: «In rund der Hälfte der Aufträge haben die Unternehmen das konkrete Anliegen, eine Frau zu finden.» Oft sucht er vergebens.

Deswegen ist er aber nicht für Quoten. Sie würden zwar das Bewusstsein stärken, aber: «Der Verwaltungsrat ist zu wichtig, als dass Qualifikationen der Quote zuliebe untergeordnet werden dürften.» Das grösste Problem bleibt. Verwaltungsrätin Höhler sagt es selber: «Wo wollen Sie die Frauen denn hernehmen?»


Rarität «Frau» in Schweizer Verwaltungsräten

Blue-Chip- Mitglieder Anzahl Unternehmen Frauen

ABB 7 0

Adecco 9 0

Bâloise Holding 10 2 Gertrud Höhler, Eveline Saupper

Ciba 7 1 Gertrud Höhler

Clariant 8 0

CS Group 11 1 Noreen Doyle

Givaudan 7 0

Holcim 12 0

Julius Bär 11 2 Monika Ribar Baumann, Béatrice Speiser

Kudelski 7 0

Lonza 5 0

Nestlé 12 1 Carolina Müller-Möhl

Novartis 12 1 Birgit Breuel

Richemont 13 0

Roche 12 1 DeAnne Julius

Serono 8 0

SGS 7 0

Swiss Life 9 1 Franziska Tschudi

Swiss Re 11 1 Rajna Gibson

Swisscom 9 1 Jacqueline Francoise Demierre

Syngenta 11 1 Peggy Bruzelius

Swatch 7 2 Nayla Hayek, Esther Grether

UBS 10 0

Unaxis 6 0

Zurich Financial Service 9 1 Rosalind Gilmore


Nicht börsenkotierte Unternehmen mit Bundesbeteiligung

SBB 9 1 Yvette Jaggi

Post 10 1 Lucrezia Meier-Schatz

Ruag 7 0

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