Diese Woche starb die US-Managementlegende Jack Welch. Ex-ABB-Chef Fred Kindle hat den langjährigen General-Electric-Chef gut gekannt. Die beiden arbeiteten lange bei der US-Beteiligungsgesellschaft Clayton, Dubilier & Rice (CD&R) zusammen. Kindle erinnert sich im Interview an ihr erstes Zusammentreffen – und verteidigt die Leistung des einstigen Stars der US-Konzernwelt.

Sie kannten Jack Welch aus ihrer gemeinsamen Zeit als Partner von CD&R. Wie haben Sie ihn erlebt?
Fred Kindle: Jack Welch fiel auf, weil er unglaublich viele Fragen stellte. Das unterschied ihn von anderen Leuten, die grosse Erfahrung haben. Er hat nicht gesagt: «Das habe ich schon einmal gesehen, das müssen wir soundso machen.» Sondern er stellte immer zuerst Fragen.

Und diese Fragen gingen tief in die Mechanik einer Firma: «Was ist passiert? Warum sind die Ergebnisse so, wie sie sind? Bei vielen seiner Fragen stand der Mensch im Zentrum, das Management.

FredKindle
Quelle: ZVG

Fred Kindle leitete von 2005 bis 2008 den Industriekonzern ABB. Zuvor war Kindle - ursprünglich Maschinenbauingenieur - Chef von Sulzer.

Nach seinem Rücktritt bei ABB wurde Kindle 2008 Partner der US-Beteiligungsgesellschaft Clayton, Dubilier & Rice (CD&R) und arbeitete dort eng mit Jack Welch zusammen.

Heute ist der 60-jährige Liechtensteiner Verwaltungsratspräsident des VZ Vermögenszentrums, Vizepräsident des Industriekonzerns Schneider sowie Verwaltungsrat bei Schindler. Bei CD&R ist Kindle weiterhin beratend tätig.

Das machte ihn einzigartig? Dass er viele Fragen stellte?
Er hatte natürlich einen unglaublichen Erfahrungsschatz. Daraus zog er einen Vorteil. Andererseits hat er sich immer wieder in neue Situationen hineingedacht. Mit seiner Neugier ging er immer ein, zwei Stufen tiefer, als nur oberflächlich zu fragen.

Er besass eine ausgeprägte fachliche Neugier. Dann war er sehr geradlinig, er machte keine Politik. Er versteckte nichts. Auf eine Art und Weise, die direkt war, aber nicht beleidigend. Alle haben respektiert, was er gesagt hat, und sind darauf eingegangen.

Zum Schluss hat er alles mit einer Prise Humor gewürzt. Bei gewissen Diskussionen war es lustig, obwohl es hart zu und her ging.

Können Sie sich noch an eine Szene erinnern?
Jene, als er mich persönlich begrüsste, nachdem ich frisch angefangen hatte. Ich «stolperte» im Büro in London herum, war es am Einrichten. Auf einmal kam Jack Welch durch die Türe herein und gratulierte mir zum Erfolg bei ABB.

Wie Sie alle wissen, hatte ich ABB unter besonderen Umständen verlassen (Anm. d. Redaktion: Kindle verliess ABB 2008 überraschend wegen «unüberbrückbarer Differenzen» mit dem Verwaltungsrat). Da gratulierte er mir also zum Erfolg bei ABB. Und ich entgegnete süffisant, er solle dies den Verwaltungsräten von ABB sagen. Welch begann schallend zu lachen.

Er hatte einen guten Humor. Es war immer ein Vergnügen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Manchmal war er scharf ihm Gespräch, doch man durfte das nicht falsch verstehen.

Er war vor allem scharf in der Sache. Er zählte damals über 70 Jahre, und man spürte, dass er mit der Zeit etwas nachliess. Weniger im intellektuellen Bereich, mehr im physischen. Geistig war er immer sehr frisch. Es war ein Vergnügen, ihm zuzuhören, auch, wie er die Welt im Allgemeinen beurteilte. Man wusste nie, was Jack Welch sagen wird. Er war kompromisslos geradlinig.

Wie sollte man sein Wirken als Manager aus heutiger Sicht beurteilen?
Für mich ist die Bilanz weiterhin extrem eindrücklich im positiven Sinn. Als ich noch ein junger Manager war, damals bei Sulzer und später bei ABB, fragte ich mich immer: «Wie schafft es GE, so erfolgreich zu sein?»

Man muss ganz klar sagen: Er war der Katalysator. Jack Welch hat GE gross und stark gemacht. Sie kennen die entsprechenden Kennzahlen zum Umsatz und Wachstum. Wie der Umsatz auf 130 Milliarden Dollar gestiegen ist – und die Marktkapitalisierung auf 400 Milliarden Dollar. Das war eine unglaubliche Leistung von Jack Welch, der die Firma 20 Jahre lang geführt hat.

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GE ist tief gefallen – der Konzern gilt als Sanierungsfall
Jetzt, nachdem GE quasi abgestürzt ist, hinterfragen viele die Leistung: «Sind die Ursachen für den Absturz nicht schon in der Ära Jack Welch passiert?»

Ich finde das unfair. Seit er als Chairman bei GE abgetreten ist im 2001, sind fast 20 Jahre vergangen.

Die schwierige Situation der heutigen GE zurückzuführen auf die Weise, wie Jack Welch in den 1990er-Jahren GE geführt hat, ist nicht angemessen. Er ist zu Recht vom Magazin «Fortune» als Manager des Jahrhunderts bezeichnet worden.

Jack Welch und General Electric (GE)

  • Jack Welch führte GE von 1981 bis 2001 als CEO.
  • Unter seiner Führung wurde GE der wertvollste Konzern der Welt, der Umsatz stieg um nahezu das Fünffache.
  • Welch galt als harter Manager, der rigoros Kosten senkte und Stellen strich. Das trug ihm den Übernahmen «Neutron Jack» ein. Er war ein Verfechter des Shareholder-Value und legte Wert auf einen steigenden Aktienkurs und steigende Gewinne.
  • Mit Welch an der Spitze wandelte sich GE vom klassischen Maschinen- und Konsumgüterhersteller hin zu einem weitverzweigten globalen Industriekonglomerat. Zu einer zentralen Ertragsquelle wurde das Finanzgeschäft - GE Capital.
  • Welch verliess 2001 GE als gefeierter Konzernlenker. Das Unternehmen zahlte ihm nach dem Abgang einen Bonus von mutmasslich 410 Millionen Dollar aus. Auch nach dem Rücktritt durfte er auf Firmenkosten eine Luxuswohnung in New York und einen Privatjet benutzen.
  • Mit Beginn der Finanzkrise 2008 geriet GE in die Bredouille. Vom einstigen Glanz der Ära Welch ist heute wenig übriggeblieben. Der Börsenwert ist nach einem Höchststand im Jahr 2000 um 80 Prozent geschrumpft.
  • Nach seinem Rücktritt bei GE stieg Welch als Partner bei der US-Beteiligungsellschaft CD&R ein. Er trat oft als Wirtschaftsexperte in den Medien auf und gehörte zuletzt auch zum erweiterten Beraterteam von US-Präsident Donald Trump.

 

Grundlegende Entscheide, die er gefällt hat – die Konglomerats-Strategie, der Ausbau des Finanzarms – haben seine Nachfolger korrigiert.
Zum Konglomerat ist GE erst später geworden. Er hat zuerst einmal viel verkauft, den Konzern gestrafft und fokussiert. In den 1980er-Jahren erhielt er deswegen den Übernahmen «Neutron Jack», in Anspielung auf die Neutronenbombe. Die Leute verschwinden, aber die Gebäude stehen noch.

Er hat massiv aufgeräumt. Sein Motto war: Entweder ist das betreffende Geschäft führend, oder es kann repariert werden. Ist beides nicht der Fall, wird es verkauft. Das zog er durch. Erst als GE florierte, begann er, Zukäufe zu tätigen.

Zur damaligen Zeit war das richtig. Der Konzern wuchs und erzeugte gewaltige Profite. Dass 2008 die ganze Finanzindustrie wegen der üblen Subprime-Blase abgestürzt ist, dafür konnte Jack Welch nichts. Das war nicht mehr sein Thema.

«Er hatte jedoch eine klare Meinung, was bei GE anders laufen sollte. Zu später Stunde, nach ein oder zwei Gläsern Wein, kam dies zum Vorschein.»

Unter seiner Führung zahlte GE hohe Boni – er pflegte die Bonikultur. Das käme heute nicht mehr gut an.
Das war nicht eine Eigenheit von GE, es waren die Gepflogenheiten in Amerika. Amerikanische Firmen sind bei der Entlöhnung heute noch viel aggressiver und zahlen viel höhere Boni als europäische. Es gibt kulturelle Unterschiede. Es waren die Unternehmen aus der Finanzbranche, die die Bonikultur forcierten: vor allem die Investmentbanken.

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Und weil sich GE damals immer stärker als Bank betätigt hatte – GE Capital war einer der grössten US-Banken – hielt automatisch die Boni-Kultur Einzug. Mit Boni, wie sie im klassischen Industriebereich gezahlt wurden, hätten die Leute nicht angestellt und motiviert werden können. Das eine führte zum anderen. Das soll keine Entschuldigung sein, aber damals war dies zweckmässig.

Jack Welche war also kein Fürsprecher von hohen Boni
Er spielte als überragende Wirtschaftsfigur natürlich eine spezielle Rolle. Die Polemik um hohe Boni ihm anzuhängen, wäre unfair. Das war ein übergreifendes Thema.

Ich sehe dies als eher kleineres Übel im Vergleich zum Mehrwert, den er geschaffen hat. Ich weiss, dass ihm, die «Perks», die er nach seiner Amtszeit bekommen hatte, angelastet werden. Dass er die bekommen hat, war sicher nicht richtig, und er hat sie ja auch zurückbezahlt. Damals war dies aber nicht unüblich. Wir sollten nicht im Jahr 2020 etwas beurteilen, was 2001 stattgefunden hat.

2008 haben Sie bereits mit ihm zusammengearbeitet. Haben Sie erlebt, dass er GE damals angesprochen hat? Die damaligen Probleme des Konzerns haben ihn wohl nicht kalt gelassen.
GE hat ihn massiv beschäftigt. Er hielt sich aber bewusst zurück, öffentlich zu kommentieren, wie es dem Unternehmen geht. Das finde ich korrekt, schliesslich hat er ja seinen eigenen Nachfolger ausgewählt.

Er hatte jedoch eine klare Meinung, was bei GE anders laufen sollte. Zu später Stunde, nach ein oder zwei Gläsern Wein, kam dies zum Vorschein. Aber in der Öffentlichkeit äusserte er sich nicht.

Was haben die Manager Jack Welch und Fred Kindle gemeinsam?
Das ist eine wagemutige Frage, ich getraue mich fast nicht, zu antworten. Es wäre vermessen, mich mit Jack Welch vergleichen zu wollen.

Eine Eigenschaft, die wir vermutlich teilen, ist meine Angewohnheit, gerne Fragen zu stellen. Ich will ein Problem verstehen und erkennen, welche Hebel bewegt werden können, bevor ich eine Meinung äussere. Diese intellektuelle Neugier kommt einem im Leben zugute. Und er lebte sie vor.