Ein Freihandelsabkommen mit China ist für die Schweizer Wirtschaft von grösster Bedeutung.» Das sagt Kurt Haerri, der Präsident der Wirtschaftskammer Schweiz-China. Er ist auch Mitglied der Arbeitsgruppe Freihandelsabkommen (FTA). Die Weichen wurden im August beim Treffen von Bundespräsidentin Doris Leuthard mit dem Präsidenten der Volksrepublik China Hu Jintao gestellt. Kürzlich hat der Bundesrat das Verhandlungsmandat verabschiedet. «Wir rechnen damit, dass sich die Unterhändler beider Länder Anfang 2011 erstmals treffen werden», sagt Christian Etter, Botschafter und Delegierter des Bundesrates für Handelsverträge. Er schätzt, dass es rund zwei Jahre dauern dürfte, bis das FTA unterzeichnet werden kann.

Industriezölle fallen weg

Das Freihandelsabkommen soll auf den WTO-Regeln aufbauen und beiden Ländern einen diskriminierungsfreien Marktzugang sichern. Im Klartext: Die Industriezölle von 8 bis 12% und die draufgeschlagene Mehrwertsteuer von 17% sollen gestrichen werden. Kein Thema ist der Agrarfreihandel. «Die möglichen Einsparungen für die Schweizer Unternehmen belaufen sich auf über 700 Mio Fr.», sagt Haerri.

Die Exporte aus der Schweiz erreichten 2009 einen Betrag von rund 5,5 Mrd Fr., die Importe aus China beliefen sich auf 5,1 Mrd Fr. (siehe Tabelle). China ist heute der wichtigste Handelspartner für die Schweiz in Asien, der drittwichtigste Zulieferer (nach EU und USA) sowie der viertwichtigste Absatzmarkt für Schweizer Produkte (nach EU, USA und Japan). Und noch viel wichtiger: Die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und China entwickeln sich dynamischer als der grosse Rest des Schweizer Aussenhandels. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von nur 3678 Dollar wird dem bevölkerungsreichsten Land der Erde für die nächsten Jahrzehnte weiterhin ein riesiges Wachstumspotenzial bescheinigt.

Anzeige

Schwer vorhersagen lässt sich, welchen zusätzlichen Schub das Freihandelsabkommen dem Austausch mit China verleihen wird. «Zweifellos können die Unternehmen mit einem FTA ihre Margen erheblich verbessern und die preisliche Wettbewerbsfähigkeit erhöhen», sagt Haerri. Heute sind rund 300 Schweizer Firmen mit über 700 Niederlassungen in China präsent, von ABB über Clariant, Nestlé, Novartis bis hin zu Schindler, Sika oder Swatch. Zusammen beschäftigen sie 120000 Personen.

Für ABB zum Beispiel ist China mit 15000 Mitarbeitern und gut 4 Mrd Dollar Umsatz bereits die grösste Landesgesellschaft. «Auf unserer Wunschliste steht ein FTA ganz oben», sagt Konzernsprecher Lukas Inderfurth. Novartis beschäftigt in China über 4300 Mitarbeiter und investiert gegenwärtig über 1 Mrd Dollar, unter anderem in den Ausbau des strategischen Forschungsstandorts Schanghai. Clariant ist heute in über 13 Städten in China vertreten und unterhält Produktionsanlagen an neun Standorten. Die zehnte Fabrik wird nächstes Jahr in Dayabay eröffnet.

Delikates Thema Patentschutz

Schweizer Unternehmen investierten 2008 rund 1,4 Mrd Fr. in China. Der Bestand der Schweizer Investitionen belief sich per Ende 2008 auf insgesamt 6,8 Mrd Fr. Wichtige Punkte im FTA sind denn auch Regeln für Direktinvestitionen sowie Zusatzvereinbarungen zum Schutz des geistigen Eigentums. Vor allem die Uhren- und die Pharmaindustrie sind daran interessiert, dass Rechtssicherheit geschaffen und ihre Produkte besser geschützt werden. Die Uhrenin-dustrie beziffert den Schaden, der ihr durch den Marken- und Designdiebstahl jährlich entsteht, auf 800 Mio Fr. Die Pharmaindustrie nennt zwar keine Zahlen zum Verlust, den sie durch das Kopieren von patentgeschützten Medikamenten erleidet. Sie möchte aber im Freihandelsabkommen striktere Patentschutzbestimmungen verankern. «Der Einbezug der geistigen Eigentumsrechte kann die Situation für Schweizer Unternehmen nachhaltig verbessern», glaubt Rudolf Minsch, Chefökonom von Economiesuisse.

Anzeige

Chinesen kommen in die Schweiz

Nicht zu unterschätzen ist die Tatsache, dass die Schweiz - nebst Norwegen - das erste europäische Land ist, mit dem die Chinesen den Freihandel anvisieren. Laut Etter könnte die Schweiz so zum europäischen «Hub» werden, zu einem Vorposten also, von dem aus die Chinesen Schritt für Schritt auf dem europäischen Markt Fuss fassen.

Tatsächlich setzen in jüngster Zeit chinesische Firmen wie Lenovo, China Tobacco, Suntech, Neusoft oder Sinopec immer häufiger auf den Standort Schweiz. Laut Schätzungen der Osec dürften momentan schon mehr als 50 Firmen aus China einen Sitz in der Schweiz unterhalten. Beeindruckend dabei ist vor allem das Tempo. Vor rund sechs Jahren waren es nämlich erst ein halbes Dutzend Firmen.