Landauf, landab ist Peter Brabeck unterwegs. Er warnt in Vorträgen vor Wasserknappheit und Biotreibstoffen. Er gibt Interviews, posiert vor Mikrofon und Kamera: Seit Brabeck den CEO-Posten aufgegeben hat und sich auf das Nestlé-Präsidium beschränkt, steht der Österreicher noch häufiger im Rampenlicht. In seinem Schatten ist CEO-Nachfolger Paul Bulcke. Der Belgier macht auf bescheiden, seine öffentlichen Auftritte sind rar. Dabei könnte er mit seinem Charme und Witz so manchen Nestlé-Kritiker auf seine Seite ziehen. Er ist aber kein Showman, sondern arbeitet lieber im Hintergrund. Trotzdem konnte er nicht alle Top-Kader bei der Stange halten.

Gleich zwei Kollegen haben dem neuen Nestlé-CEO im letzten Jahr den Rücken gekehrt. Zwei Kollegen, die auch Ambitionen auf seinen Chefsessel hatten und sich nicht mit einer Nebenrolle begnügen wollten. Der Amerika-Chef Paul Polman ist zum Konkurrenten Unilever abgesprungen, der ehemalige Marketingchef Lars Olofsson zum Detailhandelsgiganten Carrefour. Polmans Stelle wurde umgehend intern mit Louis Cantarell besetzt. Die Marketingstelle hingegen ist noch vakant.

Wer wird Marketingchef(in)?

Hier könnte sich Bulcke endlich profilieren: Wenn er für diese Funktion eine Frau in die Geschäftsleitung holt, wird er nicht nur für eine Auffrischung der notorischen Männerrunde sorgen, sondern sogar eine neue Ära im Nestlé-Managementstil einläuten.Trotzdem spielen Frauen nicht nur als Konsumentinnen bei Nestlé eine wichtige Rolle. Indirekt hat eine Frau bereits heute einen wesentlichen Einfluss auf die Konzernstrategie: Liliane Bettencourt, die Tochter des L’Oréals-Gründers Eugène Schueller, eine der reichsten Frauen der Welt. Solange die 86-jährige Pariserin lebt, darf Nestlé seinen Anteil an L’Oréal nicht erhöhen - so wurde es im komplizierten Vertrag zwischen Nestlé und L’Oréal festgehalten. Nestlé besitzt 30,53% der Aktien des Kosmetikkonzerns, die Familie Bettencourt 31,78%.

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Wann wird L'Oréal gekauft?

Am 29. April dieses Jahres läuft eine andere Klausel des Vertrags ab. Ab diesem Zeitpunkt dürfen Nestlé wie auch die Familie Bettencourt ihre Anteile verkaufen. Aus dem Umfeld der Bettencourts ist zu hören, dass die Tochter der «Grand Old Lady» einem Verkauf der Aktien nicht abgeneigt scheint. Bis 2014 besteht ein gegenseitiges Vorkaufsrecht zwischen beiden Firmen, und bei einer Kaufofferte eines Dritten darf Nestlé eine Gegenofferte einreichen. Dass Nestlé mit einer gänzlichen Übernahme liebäugeln könnte, zeigt das Engagement von Peter Brabeck, der laut «Berliner Zeitung» mit 2 Mio Euro aus seinem Privatvermögen Anteile am französischen Kosmetikgiganten erworben hat. Auch hier stiehlt der charismatische Brabeck seinem VR-Delegierten die Show.Und welche Ziele hat sich Bulcke für 2009 gesetzt? «Das weltweit anerkannte führende Unternehmen für Ernährung, Gesundheit und Wellness zu werden», sagt er. Ein Vorsatz, den Nestlé eigentlich bereits unter seinem strahlenden Vorgänger erreicht hat. Zudem will Bulcke beispielhaft sein für die finanzielle Performance von Nestlé. Er hat für 2009 ein Wachstumsziel von 5 bis 6% vorgeschrieben und will eine Steigerung der Ebitmarge erreichen. Ja, auch dieses Ziel hat Brabeck in den letzten Jahren stets gleich lautend formuliert.