Vor ihrem traditionellen Feiertag am 1. Mai herrschen bei vielen Gewerkschaften Frühlingsgefühle: Zwar ist der grösste Gewerkschaftsdachverband, der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB), weit entfernt von seinem Höhepunkt des Jahres 1976, als er 475000 Mitglieder hatte. Doch letztes Jahr hat er erstmals seit Längerem wieder zugelegt, und zwar von 368426 auf 377327 Mitglieder.

Ebenfalls Zuwachs verzeichnet der zweitgrösste Dachverband, Travail.Suisse. Dieser zählt neu 164406 Mitglieder; im Vorjahr waren es noch 162268. Insgesamt sind in der Schweiz über 750000 Menschen Mitglied einer Gewerkschaft oder einer anderen Arbeitnehmerorganisation.

Jene Gewerkschaften, die Wachstum verzeichneten, waren vor allem im Dienstleistungssektor, beim Thema Mindestlöhne sowie bei der Gleichstellung sehr aktiv. SGB-Zentralsekretär Pietro Cavadini führt aus: «Immer mehr Frauen entdecken die Gewerkschaften als wirksame Interessenvertreter. Der lange Einsatz der Gewerkschaften für Gleichstellung bei Lohn und Arbeitsbedingungen zahlt sich jetzt aus.» Laut Cavadini ist es ein Mythos, dass die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in Krisenzeiten zunimmt: Zum einen nimmt in der Krise die Zahl der Arbeitsplätze und damit oft auch jene der Gewerkschaftsmitglieder ab. Zum anderen sparen viele beim Mitgliederbeitrag. Dennoch ist Andreas Rieger, Co-Präsident der Unia, überzeugt: «In der Krise wird vielen Arbeitnehmenden die Bedeutung der Gewerkschaft bewusst» (siehe «Nachgefragt»).

Auffällig ist, dass die Mitgliedergewinne auch nicht im Zusammenhang mit Streikaktionen stehen. Letztes Jahr war kein Streikjahr, im Gegensatz zu 2008, als die Gewerkschaften die Öffentlichkeit mit ihren Streiks in Bellinzona bei SBB Cargo in Atem hielten.

Konsolidierung geht weiter

Fest steht: Ein direkter Zusammenhang zwischen Mitgliederzulauf und Krise lässt sich nicht herstellen. Die in den grössten Krisenbranchen aktiven Gewerkschaften gewannen im schlechten Umfeld nicht mehr Mitglieder. Gar Mitglieder verloren haben der in der Finanzbranche angesiedelte Bankpersonalverband SBPV sowie der KV Schweiz. Ebenfalls auf der Verliererseite befand sich der Verband Angestellte. Dessen Mitglieder stammen vor allem aus der MEM-Industrie, welche am meisten Arbeitsplätze verlor.

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Einen grösseren Mitgliederverlust von 350 Personen musste die Gewerkschaft Comedia hinnehmen, die in der gebeutelten Medienbranche, der grafischen Industrie und der Verpackungsbranche verankert ist. Es ist darum wenig überraschend, dass Comedia zusammen mit der Gewerkschaft Kommunikation (ehemalige PTT-Angestellte) dieses Jahr die Fusionswelle unter den Gewerkschaften fortsetzen wird. Die beiden Gewerkschaften sind ihrerseits 1999 durch die Fusion von neun kleineren Organisationen entstanden. Der grosse Fusionscoup der letzten Jahre erfolgte 2005 mit dem Zusammenschluss der Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) mit Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen (SMUV) und anderen zur Unia. Da der Strukturwandel weitergeht, dürfte auch die Konsolidierung voranschreiten.

Wie aber steht es um den Einfluss der Gewerkschaften? Ein Indikator dafür sind die Resultate der Lohnverhandlungen. Auch diesbezüglich war das letzte Jahr ein Rekordjahr. Die mittlere Erhöhung der Effektivlöhne (Reallöhne) und der Gesamtarbeitsverträge betrug 2,6%. Die Mindestlöhne wurden gar um 3,2% angehoben (siehe Grafik). Die Löhne von 1,1 Mio Beschäftigten wurden in Kollektivverhandlungen festgelegt, das ist die höchste Zahl seit 1993. Zu sagen ist allerdings, dass der überdurchschnittliche Lohnanstieg auch auf die tiefe Inflationsrate zurückzuführen ist.

Zwar machen die Gewerkschaften weniger mit Streiks auf sich aufmerksam, doch die Mobilisierungsfähigkeit scheint intakt. Der Präsident von Travail.Suisse, Martin Flügel, sagt: «Die Gewerkschaften gehören zu den einzigen Organisationen, die regelmässig 30000 oder mehr Menschen auf den Bundesplatz in Bern bringen.»

Stresstest bestanden, aber ...

Die Bedeutung der Gewerkschaften hängt auch von ihrer Referendums- und Initiativfähigkeit ab. Martin Flügel zählt auf: «Die Gewerkschaften haben Einfluss genommen mit den Referenden gegen die Strommarktliberalisierung, die AHV-Revision, die Senkung des Umwandlungssatzes und auch bei der ersten Auflage der 4. IV-Revision oder der Revision der Arbeitslosenversicherung.» Hier laufe zurzeit bereits wieder ein Referendum. Zudem habe Travail.Suisse gesamtschweizerisch einheitlichen Kinderzulagen zum Durchbruch verholfen oder der SGB die Flexibilisierung des Rentenalters auf die politische Agenda gesetzt.

Dem pflichtet SGB-Zentralsekretär Pietro Cavadini bei: «Die Bedeutung der Gewerkschaften hat in den letzten Jahren laufend zugenommen. Ohne ihren Einsatz für flankierende Massnahmen gegen Lohndumping etwa hätten die bilateralen Verträge vor dem Volk keine Chance gehabt.» Und Cavadini ist überzeugt: Ohne die Gewerkschaften als pragmatische und starke Sozialpartner würde der gute Ruf des Wirtschaftstandorts Schweiz leiden.

Sein Gegenspieler, Arbeitgeberdirektor Thomas Daum, sieht den letzten Punkt ähnlich: «Wir stellen fest, dass die Sozialpartnerschaft den Stresstest der Rezession einmal mehr gut bestanden hat.» Im politischen Bereich stellt er aber Verhärtungserscheinungen fest, insbesondere bei sozialpolitischen Themen. «Die Gewerkschaften sind zurzeit in keiner Weise kompromissbereit, was die Diskussionen erschwert.» Laut Daum benutzten sie die gewonnene Abstimmung zum BVG-Umwandlungssatz, um ihr Verharren auf alten Positionen zu legitimieren.

 

 

NACHGEFRAGT Andreas Rieger, Co-Präsident Unia


«Unia ist die stärkste soziale Kraft»

Wie erklären Sie die Zunahme bei den Unia-Mitgliedern letztes Jahr?

Andreas Rieger: In der Krise wird vielen Arbeitnehmenden die Bedeutung der Gewerkschaft bewusst. Wir hatten im vergangenen Jahr etwas mehr Beitritte als in den Vorjahren und weniger Austritte.

Was sagen Sie zur Behauptung, die Gewerkschaften könnten nicht mehr mobilisieren?

Rieger: Gerade im letzen Jahr konnten wir gut mobilisieren. 30000 Personen sind im letzten Herbst an die Gewerkschaftsdemonstration «Arbeit, Lohn und Rente statt Profit und Gier» gekommen. Über 200000 Personen haben das Referendum gegen Rentenklau unterschrieben, und die Ablehnung der Senkung des Umwandlungssatzes war in erster Linie ein Mobilisierungserfolg.

Wie stark hat Unia überhaupt noch eine politische Mission?

Rieger: Das Kerngeschäft der Unia sind die gut 400 Gesamtarbeitsverträge und die Arbeitsbedingungen unserer Mitglieder. Wir wehren uns aber auch dagegen, dass die Politiker die kleinen Leute für die Krise bezahlen lassen wollen, während die Manager und Aktionäre geschont werden.

Die Gewerkschaften haben langsam die Verluste im 2. Sektor im 3. Sektor wettgemacht. Können Sie vermehrt Themen setzen?

Rieger: In den letzten Jahren haben wir in den Dienstleistungsberufen und bei Frauen Jahr für Jahr zugelegt. In Industrie und Gewerbe ist die Unia nach wie vor sehr gut verankert, aber langfristig geht hier die Zahl der Beschäftigten und darum auch die der Mitglieder zurück. Die Unia ist die stärkste soziale Kraft in der Schweiz und wird sich auch weiterhin gegen Sozialabbau und für gute Arbeitsbedingungen einsetzen.

Welches sind die wichtigen Themen der Unia dieses Jahr?

Rieger: Wir wehren uns dagegen, dass die Arbeitnehmenden für die Folgen der Krise zur Kasse gebeten werden und die Verantwortlichen geschont werden. Wir werden uns gegen die von Bundesrat und Parlament beschlossenen Abbauvorlagen wehren: Gegen Rentenklau bei den Pensionskassen und bei der AHV sowie gegen den Abbau bei der Arbeitslosenversicherung. Wir werden uns zudem dafür einsetzen, dass die Kaufkraft für die Arbeitnehmenden steigt. Schliesslich werden wir dieses Jahr eine Initiative für faire Mindestlöhne lancieren.