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Frühpensionierung: Der schrittweise Rückzug

Die Aufgabe der Erwerbstätigkeit will geplant sein. Fliessende Übergänge in der Arbeitswelt stärken die finanzielle Sicherheit. Persönliche Flexibilität ist wichtig.

Von Jürg Müller
am 12.10.2005

Die Quote der Frühpensionierungen hat in den 90er Jahren deutlich zugenommen. In den letzten Jahren ist zusätzlich vermehrt ein schrittweiser Rückzug aus dem Erwerbsleben feststellbar: Die Teilzeitarbeit als Mittel zur Verlängerung des Erwerbslebens gewinnt an Akzeptanz! Beiden Entwicklungen ist gemein, dass im Alter mehr Zeit zur Verfügung steht. Und Freizeit ist neben der Gesundheit und damit indirekt auch der Lebenserwartung einer der entscheidenden Faktoren der Beeinflussung der Lebenshaltungskosten nach Aufgabe der Erwerbstätigkeit.

Eine derart veränderte Ausgangslage erhöht die Anforderungen an die Planung der Aufgabe der Erwerbstätigkeit, wobei dies ebenso für die laufenden und noch anstehenden Umwälzungen bei den Sozialwerken sowie die ­ wenn auch abgeschwächt ­ anhaltenden Unsicherheiten auf den Finanz- und Kapitalmärkten gilt. Entsprechend häufig ist in der Beratungspraxis denn auch ein verstärktes Bedürfnis nach Unterstützung feststellbar, wobei insbesondere ein bewussterer Umgang mit dem angesparten (Vorsorge-) Kapital für das Alter im Zentrum steht.

Absicherung der Lebenshaltungskosten

Um einerseits ausreichend Alterskapital und andererseits dessen möglichst optimale Verwendung sicherzustellen, sollte die Planung der Pensionierung frühzeitig einsetzen. Dabei liegt ein Schwerpunkt namentlich auch in der Quantifizierung der erwarteten Einnahmen und Ausgaben, insbesondere der Lebenshaltungskosten. Die Bestimmung Letzterer ist eine notwendige Voraussetzung, um allfällige Probleme bei deren Absicherung überhaupt abschätzen zu können.

Bei der Beantwortung der Frage zur Wahl der «richtigen» Strategie zur Erreichung dieses Ziels sind u.a. folgende Punkte zu beachten:

1. Das Gesamtvermögen sollte auf mehrere Standbeine verteilt werden: Wertschriftenanlagen, Immobilien und Vorsorgekapital der 2. und 3. Säule sind Möglichkeiten dafür.

2. Beim Bezug des Vorsorgekapitals der 2. Säule steht die Frage nach den Vor- und Nachteilen von Renten- oder Kapitalbezug wieder verstärkt im Zentrum.

3. Die Lebenshaltungskosten sind nach fixen und variablen Komponenten zu unterscheiden. Letztere können zudem nach Präferenzen gewichtet werden.

Ein diversifiziertes Privatvermögen reduziert das Risiko bei sich verändernden Rahmenbedingungen. So führt etwa ein wenig belastetes Eigenheim über eine tiefere Hypothekarzinsbelastung zu kleineren Lebenshaltungskosten. Zudem wirkt sich ein sich änderndes Zinsumfeld weniger stark auf die finanziellen Verpflichtungen aus. Vergleichbares gilt auch bei einem Renditeobjekt.

Stärker gehortet

Vorsorgekapital als weiteres Standbein neben Immobilien eignet sich ohnehin gut zum Ansparen von Alterskapital. Dies aus mehreren Gründen: Erstens lässt sich das Vorsorgekapital in Bezug auf die Erträge steuerfrei ansammeln. Zweitens sind die Einzahlungen in die Vorsorge ­ zumindest der 2. Säule und der Säule 3a ­ vom steuerbaren Einkommen absetzbar, wodurch Einkommenssteuern gespart bzw. Steuern zeitlich von der Erwerbsphase in die Pensionierungsphase transferiert werden können.

Dies hat unmittelbare Vorteile: Der Steueraufschub und die zumeist tiefere zur Anwendung gelangende Progression senken die absolute Steuerbelastung. Drittens wird erfahrungsgemäss das Vorsorgekapital, der 2. Säule und der Säule 3a selbstredend, stärker gehortet als frei verfügbares Vermögen, das in der Praxis oft für Konsum oder Investitionen verwendet wird. Viertens eignet sich das Vorsorgekapital über die Steuerbefreiung seiner Erträge zusätzlich als anlagestrategische Ergänzung bzw. Diversifikation zu Wertschriftenanlagen des Privatvermögens, dem dritten Standbein. Während in der steuerprivilegierten Vorsorge die steuerbaren Erträgen anfallen sollten, können sich die Wertschriftenanlagen auf Anlageklassen konzentrieren, die für Privatpersonen weitgehend steuerfreie Erträge generieren.

Aus diesen Überlegungen kann es auch sinnvoll sein, Vorsorgekapital über das Pensionierungsalter hinaus geäufnet zu halten und über einen längeren Zeitraum hin sukzessive abzubauen.

Sicheres Ersatzeinkommen

Bei der Verwendung von Alterskapital zeigt sich in der Praxis zudem deutlich, dass in vielen Fällen ein regelmässiges Einkommen im Alter einen wichtigen Bestandteil für das Sicherheitsgefühl und damit auch das Wohlbefinden darstellen. Aus diesem Grund empfiehlt es sich in den wenigsten Fällen, Vorsorgekapital aus insbesondere der 2. Säule vollumfänglich als solches zu beziehen. In der Regel ist ein ­ zumindest teilweiser ­ Rentenbezug sinnvoller. Dies umso mehr, als sich ohne regelmässiges Erwerbseinkommen oft auch steuerlich wenig Argumente für einen ausschliesslichen Kapitalbezug finden lassen. Zugegebenermassen gewinnen heute bei der Frage des Kapital- oder Rentenbezugs die anstehenden Anpassungen des Umwandlungssatzes an Bedeutung. Fällt der Umwandlungssatz tief aus, kann ein teilweiser Kapitalbezug sinnvoll sein.

Aus Sicherheitsüberlegungen empfiehlt sich nach Aufgabe der Erwerbstätigkeit oft auch eine Reduktion der Verschuldung. Dadurch wird faktisch Eigenkapital, das zwar häufig nicht renditeoptimal bewirtschaftet ist, bei dem jedoch Sicherheitsaspekte überwiegen, investiert. Gleichzeitig reduzieren sich durch die tiefere Verschuldung die laufenden Verpflichtungen, was den finanziellen Spielraum erhöht. Dies gilt namentlich auch bei selbstgenutzten Immobilien. Mit Blick auf den finanziellen Spielraum lässt sich abschliessend noch festhalten, dass eine der effektivsten Massnahmen in der Altersvorsorge das Bewahren persönlicher Flexibilität bezüglich Lebensart und Lebensstil respektive -standard ist. Die Fähigkeit, sich veränderten Rahmenbedingungen ­ insbesondere schlechteren ­ anpassen zu können, erlaubt eine gleichbleibende Lebensqualität bei tieferem Lebensstil oder Lebensstandard. Aus diesem Grund kann eine Aufteilung der Lebenshaltungskosten in fixe bzw. unabdingbare und variable Komponenten, gewichtet gar nach Präferenzen, hilfreich sein, um die Lebenshaltungskosten und damit den Lebensstandard flexibler zu steuern.

Jürg Müller, lic.oec. HSG, Partner, weibel, müller + partner ag, Luzern.

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