Die Studie «European Payment Index 2010» zur Zahlungsmoral in Europa hat ergeben, dass sehr viele Unternehmen nach wie vor besorgt sind über die Folgen des Abschwungs in Bezug auf die Schuldensituation. Im Rahmen dieser Umfrage von Intrum Justitia wurden in über 20 europäischen Ländern Firmen zu Zahlungsrisiken, deren Hintergründen und Entwicklungen befragt.

Laut den Ergebnissen der Studie könnten europäische Firmen 425 Mrd Fr. mehr einnehmen, wenn alle Rechnungen bezahlt würden. Eine Verbesserung der Zahlungsmoral würde der lokalen, nationalen und regionalen Wirtschaft deutlich Auftrieb geben und Arbeitsplätze schaffen. Nur 10% der befragten Unternehmen in Europa glauben jedoch, dass sich die Situation in den nächsten 12 Monaten merklich verbessern wird.

Ausstehende Forderungen können hier schnell zu einer Gefährdung der Existenz werden. 52% der befragten Unternehmen sind zudem unsicher, ob sie die benötigte Unterstützung durch ihre Banken bei der Überwindung von Engpässen oder dem Ausbau ihres Geschäfts erhalten.Die Schweizerinnen und Schweizer bezahlen im Durchschnitt mit einer Verspätung von 13 Tagen und befinden sich damit gemeinsam mit Polen noch knapp im oberen europäischen Mittelfeld. Die allgemeine Zahlungssituation hierzulande ist stabil. Im Vorjahresvergleich zahlen die Konsumenten ihre Rechnungen einen Tag später, wogegen die öffentliche Hand einen Tag schneller bezahlt. Ausserdem werden wie im Vorjahr 2,3% der Rechnungen nicht innert nützlicher Frist bezahlt und von den befragten Firmen abgeschrieben. Dies verursacht der Schweizer Wirtschaft geschätzte Kosten von 12,5 Mrd Fr. Im Zuge der schwierigen Marktbedingungen erkennen viele Unternehmen die zunehmende Bedeutung eines umfassenden Kreditmanagements. Europäische Unternehmen könnten mindestens 25 Mrd Euro sparen, wenn sie auf zeit- und geldaufwendige Prozesse zur Verfolgung säumiger Zahler verzichten könnten. Deshalb empfehlen sich folgende Massnahmen auf sämtlichen Handelsebenen:

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Kreditpolitik: Der Kern der Kreditpolitik umfasst die Festlegung der Voraussetzungen für die Lieferung auf Rechnung, die Bonitätsprüfung vor dem Entscheid, ob die Lieferung gegen Rechnung erfolgen kann, das Zahlungsziel, die Massnahmen und Folgen bei Zahlungsverzögerungen, vereinbarte Kreditlinien und ein internes Kompetenzreglement.

Kreditlinien: Die Entwicklung der Aussenstände der einzelnen Stammkunden ist mittels Kreditlinien im Auge zu behalten. In der Praxis hat sich die Einrichtung zweier Kreditlinien pro Kunde als besonders wirkungsvoll erwiesen. Das Überschreiten der unteren Linie dient als Frühwarnung. Das Erreichen der oberen Linie führt automatisch zur Einstellung weiterer Lieferungen gegen Rechnung.

Prüfung der Rechungsadresse: Die Erfahrung zeigt, dass die Verhinderung ungültiger oder veralteter Rechnungsadressen ein wichtiger Faktor bei der Optimierung des Forderungsmanagementprozesses ist. Die Aktualisierung der Adressen ist laufend durchzuführen sowie routinemässig zu überprüfen.

Wirtschaftsauskünfte: Die Bonität vor Lieferentscheid gegen Rechnung ist konsequent zu überprüfen. Bei ungenügender Bonität ist die Lieferung gegen alternative Zahlungsformen auszuführen.

Routinemässige Überprüfung der Bonität von Stammkunden: Erfahrungsgemäss entsteht der Hauptanteil der Forderungsverluste aus Lieferungen an Stammkunden. Besonders weitgehende Folgen hat die Zahlungsunfähigkeit von Schlüsselkunden. Die konsequente, im operativen Ablauf implementierte, wiederkehrende Bonitätsprüfung ist daher ein wichtiges Element des gesamten Risk-Management-Prozesses.

Flexible Zahlungsfrist: Die Zahlungsfristen sollten flexibel gewährt werden. Neukunden wird dabei eine kürzere Zahlungsfrist gewährt als termingerecht bezahlenden Stammkunden. Gleichzeitig sollte den Neukunden in Aussicht gestellt werden, beim Wiederholungskauf von der längeren Zahlungsfrist profitieren zu können, sofern die Zahlung zeitgerecht erfolgte.

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Rasche Mahnung: Auch das Mahnwesen verlangt ein rasches und konsequentes Handeln. Das erste Mahnschreiben sollte spätestens zwei Wochen nach Fälligkeit versandt werden, wobei lediglich zwei Mahnschreiben vor der Einleitung rechtlicher Schritte versandt werden. Anstatt selbst rechtliche Schritte einzuleiten, sollte die Forderung 90 Tage nach Fälligkeit an eine professionelle Forderungsmanagement-Firma übergeben werden.

Verzugszinsen und Belastung von Betreibungskosten: Für die säumigen Zahler gilt, dass die Verzugszinsen und die durch den Zahlungsverzug verursachten Betreibungskosten in Rechnung gestellt werden.