Wie wichtig ist das Bankgeheimnis für die Schweiz?

Claudio Feser: Das grenzüberschreitende Bankgeschäft ist für uns enorm wichtig und stellt einen wesentlichen Teil des Einkommens des hiesigen Bankensektors dar. Das Bankgeheimnis ist sicher ein wichtiger Wettbewerbsvorteil im grenzüberschreitenden Bankgeschäft, allerdings ist es bei weitem nicht der einzige Grund des Erfolgs des Schweizer Bankplatzes. Die politische Stabilität, die Rechtssicherheit, die Qualität der Beratung und der Dienstleistungen sind gewichtige Erfolgsfaktoren im Offshore-Banking.

Haben die Banken das Schlimmste überstanden?

Feser: Obwohl sich der Interbankenmarkt langsam stabilisiert und die Kreditstandards in der Schweiz im internationalen Vergleich immer konservativ waren, gibt es weitere Risiken: Weiter fallende Immobilienpreise in den USA sowie in diversen europäischen Märkten wie Grossbritannien, Irland und Spanien und deren Auswirkungen auf das internationale Bankensystem, eine Verschlechterung der Bonität der Firmenkundenkredite und die Entwicklung der Emerging Markets, wo die Schweizer Banken circa 220 Mrd Dollar Kredite ausstehend haben. Hinzu kommt der wachsende Druck aus dem Ausland auf das Bankgeheimnis. Für eine Entwarnung ist es wohl noch zu früh.

Wie wird sich der Bankensektor durch die Krise verändern?

Feser: Die Krise wird strukturelle Folgen für den ganzen Sektor haben - in der Schweiz und im Ausland. Das Kundenverhalten wird sich verändern. Die Nachfrage nach einfachen, transparenten, leicht verständlichen Produkten wird zunehmen. Hochrentable, aber komplexe strukturierte Produkte werden in den nächsten Jahren an Bedeutung verlieren. Die Erträge werden tiefer ausfallen. Gleichzeitig hat sich die Einschätzung von Risiken geändert. Investoren und Regulatoren werden in Zukunft höhere Eigenkapitalpuffer von Banken verlangen, um Risiken besser absorbieren zu können. Dies wird die Profitabilität von Banken belasten. Die grössten Unsicherheitsfaktoren sind aber im Moment, wie die Regulierung in Zukunft aussehen wird und - speziell für Schweizer Banken - was mit dem Bankgeheimnis geschehen wird.

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Was bedeutet das für den Schweizer Finanzplatz?

Feser: Trotz der Unsicherheiten um das Bankgeheimnis bin ich überzeugt, dass unser Finanzplatz längerfristig gut positioniert ist, denn grenzüberschreitendes Banking und professionelle Vermögensverwaltung entsprechen einem Kundenbedürfnis. Doch kurzfristig müssen wir mit Reputationsverlusten rechnen.

? zumal nicht nur die Banken, sondern auch Schweizer Versicherer wie die Swiss Re tief im Subprime-Sumpf stecken.

Feser: Neben den Rückversicherern leiden auch die grossen Lebensversicherer stark unter der Krise. Es ist für sie schwierig, mit den ihnen anvertrauten Geldern eine vergleichbar hohe Rendite zu erwirtschaften, die sie ihren Kunden vergüten müssen. Die Versicherer erleben eine ähnlich gravierende Krise wie bereits im Jahr 2001. Sie sind aber besser darauf vorbereitet und finanziell stabiler.

Wie können die Schweizer Versicherungen diese Krise meistern?

Feser: Genau wie die Banken nehmen die Versicherer aggressiv Risiken aus ihren Bilanzen. Das ist der richtige Weg. Darüber hinaus müssen sie die Kosten deutlich senken. Sowohl die Schweizer Banken als auch die Versicherer werden in den nächsten Jahren ihre Effizienz steigern.

Die Weltwirtschaft geht durch eine der grössten Krisen in der Geschichte. Wird alles noch schlimmer?

Feser: Im Moment weiss keiner wirklich, wohin die Reise geht. Die Staatsinterventionen der letzten sechs Monate sind einmalig. Ob und wie schnell sie wirken, kann im Moment niemand sagen. Man muss sich deshalb auf mehrere mögliche Situationen einstellen. Das heisst, sich auf eine lange Rezession vorbereiten, aber auch für unerwartete Opportunitäten offen sein.

Also: Wie tut man das?

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Feser: Es ist wichtig, für ein wirkliches Worst-Case-Szenario zu planen, eine ungeschminkte Lagebeurteilung durchzuführen, Liquidität und Kapital sicherzustellen und einschneidende Kostenreduktionen durchzuführen. Gleichzeitig aber sollte man die Augen offen halten, aufmerksam sein für Opportunitäten und für eine frühe Erholung vorbereitet sein. Man sollte also quasi gleichzeitig Pessimist und Optimist sein. Ich nenne das «schizophrenes Management».

Wie bitte: Sind die Unternehmen immer noch zu optimistisch?

Feser: Viele Firmen sind von der Geschwindigkeit des Wirtschaftseinbruchs überrascht worden. Sie realisieren erst jetzt, dass alles viel schlimmer sein und eine Erholung länger dauern könnte, als vor ein paar Monaten angenommen.

Heisst das, dass Sie keine schnelle Erholung der Konjunktur erwarten?

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Feser: Es gibt verschiedene Indikatoren, wie zum Beispiel die Immobilienpreise in den USA, die Risikozuschläge auf Unternehmensanleihen oder die Konsumentenstimmung in wichtigen Märkten, an denen man eine Erholung sehen würde. Im Moment zeigen die meisten Indikatoren noch nicht an, dass wir die Talsohle erreicht haben.

Wo liegen derzeit die grössten Risiken für die Unternehmen?

Feser: In den letzten 18 Monaten wurde weltweit eine enorme Menge an Eigenkapital vernichtet. Seit dem 3. Quartal 2007 sind die globalen Aktienmärkte um 30000 Mrd Dollar geschrumpft. Dazu kommen Verluste auf Immobilien und anderen Anlagen. Der Gesamtbetrag übersteigt die Hälfte des globalen Bruttoinlandproduktes. Das globale Wirtschaftssystem verlangt ein Deleveraging, das heisst, dass Fremdkapital im System reduziert wird, da neues Eigenkapital nicht über Nacht geschaffen werden kann. Das hat wichtige Implikationen für Unternehmen, weil die Fremdkapitalkosten massiv steigen. Im Jahr 2009 werden in Europa Anleihen für mehr als 1200 Mrd Dollar auslaufen, die erneuert werden müssen. Dies wird eine enorme Belastung für Unternehmen darstellen.

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Wird dies dazu führen, dass die Zahl der Konkurse weiter stark steigt?

Feser: Wir erwarten in den nächsten Quartalen auch in der Schweiz eine Verschlechterung der Kreditqualität und eine Zunahme der Konkurse. In vergangenen Rezessionen haben sich die Ausfallraten in einigen Ländern mehr als verdoppelt.

Was sind die Folgen?

Feser: In einer Rezession steigen natürlich die Ausfallrisiken für alle Firmen an. Das hat direkte Auswirkungen, indem die Finanzierung verteuert wird, aber auch indirekte, weil selbst gesunde Firmen in Bedrängnis kommen, wenn ihre Kunden nicht mehr oder nur noch verspätet zahlen können oder wichtige Lieferanten ausfallen.

Kredite sind das eine - doch auch die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen lässt ja nach ?

Feser: Die Konsumenten und die Firmen stehen im Moment auf der Bremse, das ist klar. Die Unsicherheit führt dazu, dass Investitionen und Ausgaben reduziert und auf später verschoben werden. Die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen lässt auch spürbar nach. Seit September sind die Aufragseingänge bei manchen Firmen um mehr als 50% eingebrochen. Die Finanzkrise ist tatsächlich auf den Rest der Wirtschaft übergeschwappt.

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Weltweit leiden alle wichtigen Märkte unter der Rezession. Welches sind die Perspektiven für die Schweizer Exportindustrie?

Feser: Es kommt wirklich auf die einzelne Branche an und nicht auf den Export. Die unterschiedlichen Branchen reagieren auf unterschiedliche Art und Weise. Die Pharmabranche ist weniger abhängig von Fremdkapitalfinanzierung und die Nachfrage nach Medikamenten nimmt in Rezessionsjahren erfahrungsgemäss nur wenig ab. Sie erweist sich als resistent. Die Maschinenindustrie hingegen leidet stark unter höheren Finanzierungskosten und einem massiven Nachfragerückgang oder dem Aufschub von Bestellungen. Wir erwarten hier eine langsamere Erholung.

Der Bundesrat will mit einem zweiten Konjunkturprogramm die Wirtschaft stützen. Was bringt das?

Feser: Die Stabilisierung des Finanzsystems ist sinnvoll, da ohne ein stabiles Bankensystem keine Volkswirtschaft funktioniert. Weitere Konjunkturpakete sind aber für die Schweiz sehr schwierig: Die Schweiz ist eine sehr offene Wirtschaft, mit einer hohen Importquote. Wir müssen vorsichtig sein, dass nicht nur die Wirtschaft im Ausland angekurbelt wird. Weiter sollte ein Konjunkturprogramm eine Investition darstellen, von der wir in Zukunft profitieren werden und mit der wir nicht nur Strukturerhaltung betreiben. Gleichzeitig wollen wir die sozialen Kosten der Krise dämpfen. Es ist eine sehr schwierige Gratwanderung.

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Der Staat hat aber zulasten der Wirtschaft seinen Einfluss deutlich ausgebaut.

Feser: Der Staat wird in den nächsten Jahren einen grösseren Einfluss in der Wirtschaft ausüben. Mir scheint aber wichtig zu bemerken, dass man sich auf die eigentliche Aufgabe besinnen sollte, nämlich Rahmenbedingungen für ein effizientes und faires Wirtschaften festzulegen. Ich gehe davon aus, dass sich der Staat, wenn das System stabilisiert ist, aus der «Betreiber-Rolle» auch wieder zurückziehen wird, letztlich auch um die Staatsverschuldung, die jetzt durch die Umsetzung von Stabilisierungsprogrammen massiv zunimmt, wieder abzubauen.