Je nach Branche werden dem Einkäufer von den internen Verwendern der beschafften Produkte mehr oder weniger exakte Qualitätsanforderungen vorgegeben. Doch erschöpft sich die Aufgabe des Einkäufers nicht darin, die den Vorgaben entsprechenden Produkte termingerecht zu einem möglichst günstigen Preis zu beschaffen. Er muss seinen Beitrag dazu leisten, dass die gelieferten Produkte, Materialien und Teile dem Unternehmen keinen Schadenersatzprozess einbrocken.

Sind die beschafften Produkte für den Einsatz oder Verbrauch im Unternehmen selbst bestimmt, dürfen sie die Mitarbeiter oder Besucher des Unternehmens nicht gefährden. Werden die Materialien und Teile für die Fabrikation von Erzeugnissen des Unternehmens eingesetzt, muss der Fokus auf die Sicherheit der späteren Verwender und Dritter gerichtet werden.

Ein Leiternhersteller musste beispielsweise seine Leitern wegen vorzeitigen Verschleisses der Spanngurten auf seine Kosten weltweit mit neuen Gurten nachrüsten. Platzende Reifen, undichte Bremsflüssigkeitsschläuche und Softwarefehler in Sicherheitssystemen haben schon zu zahllosen Autounfällen mit entsprechenden Schadenersatzleistungen der Hersteller geführt.

Anzeige

Der kostenbedingte Wechsel eines Lieferanten, womöglich unter Zeitdruck, ist manchmal die Ursache von Schadenfällen. Eine englische Blutbank, die bis anhin die Blutbeutel im Inland bezogen hatte, wechselte auf einen ausländischen Billiglieferanten. Weil die Beutel undicht waren, wurden die Blutkonserven mit einem gefährlichen Krankheitserreger kontaminiert. Dies führte zu zahlreichen Todesfällen.

Fehlendes Vorstellungsvermögen

Bisweilen fehlt es dem Einkäufer am Vorstellungsvermögen für den künftigen Gebrauch und den vorhersehbaren Fehlgebrauch des Produktes, für den der Hersteller ebenfalls haftet. Eine gläserne Kaffeekanne, die als Zubehör einer elektrischen Filterkaffeemaschine verkauft wurde, ist etwa bei der vorgesehenen Verwendung ge-borsten und hat eine Hand der Benützerin ruiniert. Das trug dem Vermarkter der Kaffeemaschinen eine teure Schadenersatzklage ein.

Wenn in einer Betriebskantine mit Listerien verseuchte zugelieferte Lebensmittel der Anlass dafür sind, dass die Belegschaft mitsamt den Firmenbesuchern im Spital landet, stellt sich die Frage, wie weit die Beschaffungsstelle eine Mitverantwortung trifft. Möglicherweise hat sie durch Preisdruck bewirkt, dass der Zulieferer aus Kostengründen bei der Hygiene sparte.

Ein regelmässiger Blick in die Rückruflisten von «Rapex», dem EU-Meldesystem für gefährliche Nonfood-Produkte mit wöchentlich bis zu 40 und mehr Rückrufen, lohnt sich auch für Einkäufer von Produkten, die im Unternehmen selbst eingesetzt werden. Heute tragen nicht nur lebensgefährliche chinesische Spielsachen unberechtigterweise das alle EU-Zollschlagbäume öffnende CE-Zeichen.

Auch Stromadapter für Computer, Schreibtischleuchten, Ladegeräte für Handys oder Elektrowerkzeuge, die den Benützern einen tödlichen Stromschlag verpassen oder den Betrieb in Brand setzen, Rasenmäher, mit denen sich der Hauswart die Zehen abschneidet, und chemisch-technische Produkte für die Putzequipe mit gesundheitsschädigenden Substanzen tragen das CE-Zeichen zu Unrecht. Bei Produkten aus dem Fernen Osten wird die durch das CE-Zeichen dokumentierte eigenverantwortliche Risikobeurteilung durch den Hersteller immer öfter nur noch vorgespiegelt.

Anzeige

Haftung für eingekaufte Fehler

Will ein Einkäufer seinem Unternehmen und auch sich selbst Unannehmlichkeiten, Schadenersatzansprüche oder sogar ein Strafverfahren ersparen, dann achtet er darauf, dass die für die Fabrikation bestimmten Materialien und Teile die Sicherheit der Endprodukte seines Unternehmens nicht «sabotieren». So macht beispielsweise fehlerhafte Software in einem sicherheitsrelevanten Teil eines Fahrzeugs, einer Maschine oder eines anderen Produkts das Endprodukt fehlerhaft im Sinne der Produkthaftpflicht.

Für den durch diesen «eingekauften» Fehler angerichteten Schaden haftet das Unternehmen gleich, wie wenn es das zugekaufte Material oder die beschafften Teile selbst hergestellt hätte. Dem Geschädigten gegenüber kann der Hersteller nicht einwenden, sein Produkt sei wegen des Versagens des Zulieferers fehlerhaft geworden. In einem Schadenfall ist es wichtig, dass man sich den Rückgriff auf den Lieferanten des fehlerhaften Material oder Teils nicht durch ungeschickt abgefasste Beschaffungsverträge verbarrikadiert hat.

Anzeige