Die Investmentbanker bei den grössten Wertpapierhäusern Europas müssen derzeit mitansehen, wie ihre Boni wegschmelzen. Ein Einbruch bei Finanzaktien in diesem Jahr hat über 2,5 Milliarden Dollar an Wert bei verzögert zugewiesenen Aktien ausgelöscht, die in den vergangenen Jahren Bestandteil von Boni-Paketen bei Barclays, Credit Suisse Group, Deutsche Bank und UBS waren. Das geht aus Daten hervor, die Bloomberg zusammengetragen hat.

Boni für die Mitarbeiter der Credit Suisse beispielsweise sind um mehr als 1,2 Milliarden Schweizer Franken geschrumpft, wegen eines 42-prozentigen Einbruchs bei den Aktien in diesem Jahr. Das Brexit-Votum verstärkte den Druck auf europäischen Aktien, auf denen bereits teure Restrukturierungsbemühungen lasteten.

Einzelpersonen leiden mit ihren Banken

Unter dem Strich sind die Boni bei den grössten Unternehmen der Finanzbranche vor allem deshalb gesunken, weil die Erlöse aus ehemals lukrativen Aktivitäten abgenommen haben und ein grosser Teil der Jahresend-Boni für die besten Mitarbeiter in Form von eingeschränkten Aktien ausgezahlt wurde.

Am schlimmsten getroffen hat es die Angestellten europäischer Banken. Deren deutlicher Kurseinbruch ist ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Herausforderungen in der Region. In einigen Fällen ist es den Konzernen auch nicht gelungen, profitablen Geschäftsbereichen wieder auf die Beine zu helfen.

«Das System so angelegt, dass Einzelpersonen im Einklang mit den langfristigen Interessen der Bank ausgerichtet sind - wenn also eine Bank leidet, dann leiden sie mit», sagt Jon Terry, Partner und Vergütungsspezialist bei PricewaterhouseCoopers. «Das ist eine absolut beabsichtigte Konsequenz der neuen aufsichtsrechtlichen Bestimmungen.»

Festgehalt auf Kosten der Boni erhöht

Die Banken hatten bereits vor der Brexit-Entscheidung die Boni beschnitten, aufgrund von Milliarden von Dollar an Strafen wegen Fehlverhalten. Die Entscheidung der Briten im Juni, die Europäischen Union (EU) zu verlassen, hat die Belastungen verstärkt und zu einem Minus von 23 Prozent beim Bloomberg Europe Banks & Financial Services Index im bisherigen Verlauf des Jahres beigetragen.

Der Einbruch bei den Boni hätten noch schlimmer ausfallen können, wären da nicht die Bonus-Obergrenzen in Europe gewesen. Seit dem vergangenen Jahr sind die Boni auf das Doppelte des Festgehaltes begrenzt. Das veranlasste viele Banken, das Festgehalt auf Kosten der Boni zu erhöhen.

«Auf ein sehr schlechtes Bonus-Jahr eingestellt»

Für das laufende Jahr werden Investmentbanken in London die Bonus-Töpfe um mindestens ein Viertel reduzieren, wobei einige Mitarbeiter womöglich gar nichts erhalten - während Deals nachlassen und Investoren und Unternehmen erst einmal die Brexit-Verhandlungen abwarten wollen und ihr Geld nicht einsetzen. Das erklärten Manager und Personalberater im Juli bei einer Umfrage von Bloomberg.

«Banker hatten sich bereits so oder so auf ein sehr schlechtes Bonus-Jahr eingestellt. Und nun stellen sie fest, dass sie sich nicht einmal mehr auf den Aktien-Anteil ihrer Bezahlung verlassen können. Er ist sehr fragil mit Blick auf den Wert, wie sich in diesem Jahr gezeigt hat», sagt Stephane Rambosson, Managing Partner beim Personalberater DHR International in London.

Branche verlor halbe Million Arbeitsplätze

Banker können sich zumindest damit trösten, dass sie sich überhaupt noch um Boni Sorgen machen können. Immerhin wurden seit der Finanzkrise von 2008 rund eine halbe Million Arbeitsplätze in der Finanzbranche gestrichen, wie aus Daten von Bloomberg hervorgeht.

«Branchenweit ist die Vergütung nicht mehr so gut, wie sie es einst war», sagt Rambosson. «Aber die Leute müssen realisieren, dass sie sich noch immer in einer Blase befinden. Und die meisten erkennen nicht den Unterschied zwischen ihren Erwartungen und der realen Welt.»

(bloomberg/gku)

 

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