Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko bringt vieles in Bewegung. Wie wird die Energieversorgung der Zukunft aussehen?

Peter Pauli: Die Solarenergie alleine kann die Energieprobleme der Welt nicht lösen. Es braucht verschiedenste Energieträger, die zusammenspielen. Von den verfügbaren Quellen hat die Sonne nun aber einmal die höchste Energiedichte. Vor allem haben wir aber dank der Photovoltaik, also der Umwandlung von Sonnenlicht in Strom, eine riesige Chance: Die Erreichung der Energieunabhängigkeit der Schweiz. Und diese Unabhängigkeit müsste sich eigentlich jeder Staat als oberstes Gebot setzen - das hat uns die Libyen-Affäre soeben wieder gelehrt.

Gemäss vielen Experten kann die Schweiz ihre Energie-Unabhängigkeit aber nur bewahren, wenn sie zwei AKW baut.

Pauli: Das wäre sicher die billigste Lösung - billig in dem Sinne, dass wir seit 40 Jahren die Probleme der Atomkraft nicht gelöst haben, insbesondere die Entsorgungsfrage. Zudem machen uns AKW abhängig, denn das Uran und die nötige Technologie müssen wir aus dem Ausland beziehen.

Dann sind Sie gegen neue AKW?

Pauli: Ich bin nicht per se gegen neue Atomkraftwerke. Wenn sie für den künftigen Energiemix nötig sind, dann ist es so. Ich bin allerdings der Meinung, dass der Bau von neuen Kernkraftwerken in der Schweiz nicht nötig ist. Denn diese Energiemenge haben wir schneller mit Photovoltaik und anderen erneuerbaren Energien installiert.

Sie wollen so die sogenannte Stromlücke decken, die gemäss dem Bund und der Strombranche bereits in den nächsten Jahren droht?

Pauli: Für mich ist die Stromlücke eine altbekannte Hysterie. Ich bin in Rheinfelden aufgewachsen. Dort wollte man uns das AKW Kaiseraugst vor die Haustüre setzen. Damals hiess es, in fünf oder zehn Jahren werde die Schweiz kollabieren, weil wir eine Energielücke haben werden. Kaiseraugst wurde nicht gebaut - und die Schweiz gibt es noch.

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Kaiseraugst wurde durchaus gebaut - nicht in der Schweiz, sondern in Frankreich, woher wir Atomstrom beziehen.

Pauli: Das kann ein Argument sein. Wir exportieren aber auch unseren Atomstrom ins Ausland. Ist das längerfristig die richtige Strategie? Die Frage ist darum, wie wir den richtigen Mix erreichen.

Die meisten Stromstudien sagen, dass Photovoltaik in den nächsten Jahrzehnten nur eine marginale Rolle bei der Stromerzeugung spielen wird.

Pauli: Ja, wenn man nichts für sie tut. Machen wir einen Vergleich: Wenn wir die Maschinen, die Meyer Burger innerhalb eines Jahres herstellt, ein Jahr lang Solarmodule produzieren liessen, würden wir rund 10% des Energiebedarfs decken, den die Schweiz im Jahre 2030 haben wird. Das ist ungefähr die gleiche Menge, die zwei AKW produzieren.

Und dann viel Spass beim Aufstellen der Solarmodule in der Schweiz und beim Anschliessen ans überlastete Netz.

Pauli: Wir werden ohnehin nicht darum herumkommen, ein intelligentes Stromnetz zu schaffen, ein Smart Grid. Daran hat die Strombranche aber kein Interesse, denn sie will die zentralisierte Produktion und Verteilung erhalten, um ihre Gewinne zu maximieren. Doch jetzt ist ein Technologiewandel nötig, hin zu einem Netz, das fähig ist, die vermehrt dezentrale Energieversorgung zu steuern. Aber das braucht eben Dinge, die in der Schweiz oft fehlen: Intelligentes, zukunftsgerichtetes Handeln, Kreativität und Mut zur Veränderung.

Was muss konkret passieren?

Pauli: Es braucht mehr Fördergelder, allerdings in einem vernünftigen Mass. Man muss aus heutiger Sicht einräumen, dass die Einspeisevergütung manchen Betreibern von Solaranlagen wohl zu gute Renditen bescherte. Die Preise für Solaranlagen sanken einfach schneller, als alle gedacht hatten. Wenn wir aber bedenken, dass die Schweiz Jahr für Jahr 60 Mio Fr. aufwendet, um Endlagerstätten für Atommüll zu suchen, dann muss ich schon sagen: Hätte man dieses Geld frühzeitig in eine gute Förderung der Solarenergie gesteckt, wären wir heute viel weiter.

Sie müssen für die Solarenergie sprechen, denn Sie profitieren davon.

Pauli: Klar profitiert Meyer Burger. Nur: Die Schweiz ist für uns kein grosser Markt. Für uns ist die Schweiz aber extrem wichtig, weil sie ein Technologiestandort ist. Um ihn zu bewahren, müssen wir uns richtig aufstellen. Wir brauchen Forschung, Entwicklung, ein gutes politisches Umfeld, Bildung, Ressourcen, fähige Mitarbeiter. Und unsere Volkswirtschaft braucht die richtige Mischung, weil uns die Banken alleine nicht in die Zukunft führen. Atomkraftwerke und Uran können wir nicht exportieren, Energie- und Effizienztechnologien aber schon.

Spanien und Deutschland senken nun aber die Einspeisevergütungen.

Pauli: Spanien ist in Sachen Installationen eine riesige Erfolgsgeschichte, die irgendwann ausuferte. Was man vergisst: Die Solarindustrie hatte proaktiv in Deutschland eine Reduktion beantragt, weil sie merkte, dass die Situation ausser Kontrolle gerät.

Mit Subventionen fördern wir aber Solartechnologien von heute - und nicht von morgen.

Pauli: Dieses Argument zieht nicht. Die Frage ist: Wie können wir die Solartechnologie industrialisieren, damit wir im Jahr 2015 oder 2020 keine Einspeisevergütung mehr brauchen? Wir von Meyer Burger brauchen ein gewisses Umsatzvolumen, damit wir Geld für neue Investitionen haben. Wir zahlen ja keine Dividende aus, damit wir in neue Technologien investieren können. Zudem senken wir permanent die Kosten. Wir nehmen für uns ja nicht in Anspruch, dass die Solarenergie bis 2100 subventioniert werden muss.

Es liegt also noch Kostensenkungen drin?

Pauli: Auf jeden Fall. Der Preis der Solarmodule ist innert zweieinhalb Jahren um weit über die Hälfte gefallen. Ich sehe in den nächsten drei oder vier Jahren noch einmal mindestens eine weitere Halbierung des Preises.

Was würde das bedeuten?

Pauli: Bei einer pragmatischen Berechnung - also etwa ohne den Netzanschluss - komme ich auf Energiekosten von 0,05 Dollar pro Kilowattstunde. Die Atomkraftindustrie nimmt für sich in Anspruch, dass die Kosten zwischen 0,04 und 0,06 Dollar pro Kilowattstunde liegen.

Solarenergie würde konkurrenzfähig.

Pauli: Ja, aber natürlich braucht es in der Technologie noch andere Weiterentwicklungen. Wir müssen die Wasserkraft intensiv nutzen, es braucht bessere Energiespeicher. Es ist also noch einiges nötig, aber es bewegt sich auch viel - etwa in China, Indien, Korea oder Japan.

Merken Sie den Sinneswandel in diesen Ländern auch in Ihren Auftragsbüchern?

Pauli: Im Moment sind wir voll ausgelastet und haben die Kapazitäten noch einmal erhöht, damit wir liefern können.

Wie?

Pauli: Wir haben während der Krise unsere Hausaufgaben gemacht, die Effizienz gesteigert und die Logistik im Unternehmen gestrafft. 2008, also vor der Krise, bauten wir 12 Maschinen pro Woche. Anfang April 2010 kamen wir wieder auf einen Ausstoss von 12 Maschinen - mit einem um ein Drittel tieferen Personalbestand.

Wie hoch ist der Ausstoss pro Woche jetzt?

Pauli: Er liegt bei 20 Maschinen.

Ende April sagten Sie, Meyer Burger erwarte ein solides Resultat. Ist das angesichts dieser Zahlen nicht untertrieben?

Pauli: Nicht unbedingt. Wenn uns im zweiten Halbjahr drei Grosskunden eine Verzögerung ihrer Projekte melden, kann unser Umsatz problemlos 50 Mio Fr. tiefer liegen. Darum ist es enorm schwierig, eine Guidance abzugeben. Sicherlich wird das Jahr 2010 solide, ja gut.

Wie sieht es beim Auftragsbestand aus? Er lag zeitweise bei über 900 Mio Fr.

Pauli: Im Moment weiss ich ihn gar nicht auswendig. Und zwar darum, weil er mir nicht die geringsten Sorgen macht.

Wie nachhaltig ist der hohe Bedarf an Maschinen für die Solarindustrie?

Pauli: Wir gehen davon aus, dass das Geschäft im ersten bis dritten Quartal des Jahres 2011 stagniert - wenn auch auf einem guten Niveau.

Warum?

Pauli: Weil der Auftragseingang jetzt enorm hoch ist. Irgendwann gibt es keine Kunden mehr, die Maschinen bestellen können. Man darf die guten Zahlen nicht aufs ganze Jahr hochrechnen. Wir sind in einem langfristigen Geschäft. Unsere Strategieperiode läuft über drei bis fünf Jahre.

Mit der Übernahme der Firma Diamond Wire Technology investierten Sie 2009 verstärkt in die Diamantdraht-Technologie. Von deren Einführung versprechen sich Beobachter einiges. Wie weit sind Sie da?

Pauli: Die Prototypen stehen bereits bei den Kunden, die Tests laufen recht gut. Seit vier Jahren sind unsere Maschinen so gebaut, dass man sie relativ problemlos auf Diamantdraht umrüsten kann. Allerdings macht es die Einführung dieser Technik auch nötig, die gesamte Produktionskette auszurichten. Das bringt deutliche Vereinfachungen im Prozessablauf und damit Einsparungen, braucht aber mehr Zeit. Ich gehe davon aus, dass wir im nächsten Jahr die ersten Maschinen umrüsten können und damit die Technologie auch in unserem Ergebnis spüren.