Nach dem plötzlichen Abgang von Pimco-Gründer Bill Gross stellt sich die US-Fondstochter der Allianz auf einen heissen Herbst ein. Kurzfristig dürften wohl noch mehr Kunden Gelder abziehen, räumte der erst seit wenigen Monaten amtierende Pimco-Chef Doug Hodge am Montag in einer eilig anberaumten Telefonkonferenz mit Analysten ein. Das Fondshaus habe aber genug Mittel, um dies zu verkraften. Zudem werde man das Gespräch mit den Kunden suchen.

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Allianz-Chef Michael Diekmann signalisierte, Pimco weiter an der langen Leine zu lassen. Es gebe soviel Kontrolle wie nötig, aber kein Mikro-Management. Auch eine Trennung von der lange erfolgsverwöhnten US-Tochter scheint für Europas grössten Versicherer nach dem Abgang des «Bond-Königs» kein Thema zu sein: «Pimco steht für mich nicht infrage - mit oder ohne Bill Gross», bekräftigte Diekmann.

Überraschender Abgang

Gross, der die Pacific Investment Management Company (Pimco) 1971 aus der Taufe gehoben und zur Jahrtausendwende an die Allianz verkauft hatte, war am Freitag im Streit abgetreten. Der 70-Jährige wechselt mit sofortiger Wirkung zum US-Vermögensverwalter Janus Capital.

Für die Märkte kam der Zeitpunkt der Ankündigung völlig überraschend, obwohl Pimco schon länger mit Personalquerelen die Schlagzeilen beherrschte. Einst galt Gross als Mass der Dinge an den Anleihe-Märkten. Doch in der Niedrigzinsphase verliess den Fondsmanager, der sich zu Jahresbeginn mit seinem langjährigen Kompagnon Mohamed El-Erian überwarf, das Gespür für lukrative Investments.

Mittelabflüsse könnte sich beschleunigen

Der von ihm persönlich gesteuerte Fonds Total Return, das Flaggschiff von Pimco, hinkt den meisten Konkurrenzprodukten schon länger hinterher. Die Anleger haben in den vergangenen Monaten Milliarden abgezogen.

Einige Experten warnten am Wochenende bereits, die Mittelabflüsse bei Pimco könnten sich in den kommenden Monaten noch beschleunigen - erst recht, wenn Gross bei seinem neuen Arbeitgeber offensiv um seine alte Kundschaft wirbt.

Pimco ist das Rückgrat

«Der Markt hat weitere Abflüsse von rund 300 Milliarden Dollar eingepreist», sagte einer der zehn grössten Allianz-Aktionäre nun im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. «Aber selbst dann bleibt Pimco ein Riese.» Die US-Tochter stellt das Rückgrat der Allianz-Vermögensverwaltung dar, die insgesamt rund 1,8 Billionen Euro verwaltet.

Die Allianz selbst ist der grösste Pimco-Kunde - und sieht nach eigenen Angaben keinen Grund, das Engagement zu überdenken: «Pimco hat ein sehr breites Investment-Team mit sehr kompetenten Leuten», betonte der zuständige Vorstand Maximilian Zimmerer im Gespräch mit Reuters. «Als Kunde sind wir mit Pimco sehr zufrieden.»

Vermögensverwalter ohne Personenkult

Die grossen Allianz-Aktionäre wollen in den nächsten Monaten genau beobachten, ob Pimco den Wandel zu einem Vermögensverwalter ohne Personenkult schafft. «Für Pimco beginnt eine neue Ära», sagte einer der grossen Investoren. «Jetzt müssen sie beweisen, dass stimmt, was sie immer gesagt haben: Dass Pimco mehr ist als nur Bill Gross. Am Ende sind die Ergebnisse entscheidend.»

Bereits nach El-Erians Rückzug zu Jahresbeginn hatte die Allianz Gross sechs stellvertretende Anlagechefs zur Seite gestellt, um die «One Man Show» zu beenden. Aus ihrer Mitte kommt nun ein Mann, der Gross als obersten Anlagechef (CIO) beerben soll: Dan Ivascyn. Der für die Vermögensverwaltung zuständige Allianz-Vorstand Jay Ralph sagte im «Handelsblatt» (Montagausgabe), Ivascyn sei ein exzellenter Fondsmanager und Teamplayer und stehe für Kontinuität.

Kursverfall gestoppt

Vieles spricht dafür, dass Diekmann den Wandel noch selbst überwachen wird, obwohl sein Vertrag als Konzernlenker eigentlich zum Jahresende ausläuft, wenn er 60 wird. Finanzkreisen zufolge steht eine Verlängerung um ein bis zwei Jahre im Raum, wenn der Aufsichtsrat an diesem Donnerstag zusammenkommt. Die Allianz hat sich dazu bislang nicht geäussert. Den Kursverfall vom Freitag konnte die Allianz-Aktie am Montag stoppen: Das Papier notierte unverändert bei rund 128 Euro.

Die Münchner hatten mit der Pimco-Übernahme ihre Vermögensverwaltung auf einen Schlag deutlich ausgebaut und konnte damit zu Branchengrössen wie Blackrock aufschliessen. Über die Person Gross, die seit jeher als eigenwillig galt, habe sich die Allianz damals kaum Gedanken gemacht, räumt das frühere Aufsichtsratsmitglied Rudolf Hickel ein.

«Thema Persönlichkeit völlig unterschätzt»

«Man hat das Thema Persönlichkeit völlig unterschätzt», sagte er Reuters. «Es hiess, in den US-Markt müssen wir rein. Da galt Pimco als der grosse Leckerbissen. Das ist auch viele Jahre gut gegangen. Rückblickend kann man sagen: auch wir auf der Arbeitnehmerseite waren etwas naiv.» Einem Insider zufolge war das Verhältnis zwischen Gross und der Allianz am Ende so schlecht, dass er mit seinem Wechsel zur Konkurrenz einem Rauswurf gerade noch zuvorgekommen war.

(Reuters/ise)