Welche Bedeutung hat die Fusion für die Zementbranche?
Martin Hüsler
: Der Zusammenschluss ist eine grosse Überraschung. Es ist insofern eine grosse Sache, als dass Nummer eins und zwei zusammenkommen. Aus globaler Sicht ergänzen sich die beiden Konzerne. Allerdings überschneiden sie sich auch in gewissen Märkten. Innerhalb der Branche gab es schon lange keine Konsolidierung mehr. Die letzten grösseren Fusionen waren Anfang der 2000er-Jahre. Bisher haben solche Zusammenschlüsse immer dazu geführt, dass die Marktstrukturen besser geworden sind. Davon kann die ganze Industrie profitieren, da Kapazitätsauslastungen besser werden.

Die Fusion ist noch nicht in Stein gemeisselt. Welche Hindernisse gibt es?
Das Wichtigste ist, dass man mit den Behörden spricht. Scheinbar sind es insgesamt 15 Stellen oder Länder, die sich den Zusammenschluss noch genauer anschauen müssen. Letztlich werden die Behörden Auflagen machen. Auf der anderen Seite werden Holcim und Lafarge wahrscheinlich Vorschläge machen. Damit die Kartellkommissionen den Deal durchwinken, werden sie etwas bieten müssen.

Indien ist weltweit der zweitgrösste Zementmarkt. Der Milliardenkonzern UltraTech ist dort Markführer. Ist die aktuelle Fusion als gezielter Angriff auf solch lukrative Märkte zu verstehen?
Das glaube ich nicht. Für solche Absichten ist der Zusammenschluss zu generell. Dieses Argument würde dann zutreffen, wenn man selektiv diese Märkte angegangen wäre oder begonnen hätte, Tauschgeschäfte zu machen, so wie das Holcim mit Cemex, dem drittgrössten Zementkonzern, in Deutschland und Spanien macht. Man wird sicher auch in Indien Marktanteile gewinnen. Aber auch dort dürfte sich die Wettbewerbsbehörde die Sache genau anschauen. Die Fusion zielt nicht nur auf die Wachstumsmärkte ab. Die Assets, die man verkaufen will, sind primär in Europa. Dort ist die Profitabilität ungenügend. Man versucht sicher in diesen schwierigen Märkten durch effizientere Strukturen die Marge zu erhöhen.

Wird es zu Massenentlassungen kommen?
Davon gehe ich nicht aus. Man plant ja auch keine grossen Restrukturierungen. Natürlich wird es in überlappenden Bereichen einen Abbau geben. Aber in der Grössenordnung des neuen Konzerns kann man das wahrscheinlich auch über natürliche Fluktuationen machen. Die Unternehmen erwähnten auch, dass keine Schliessungen geplant sind, was mich verblüfft.

Will man mit solchen Aussagen zur Restrukturierung nicht einfach den Ball tief halten, um die grosse Angst vor Massenentlassungen zu verhindern?
Das ist sicher möglich. Ein taktisches Vorgehen ist nicht auszuschliessen. Dennoch glaube ich aus guten Gründen den Aussagen der Konzernspitze.

Inwiefern kann die Schweiz vom Zusammenschluss profitieren?
Lafarge-Holcim bleibt weiterhin in der Schweiz domiziliert, was positiv ist. Man wird daher auch an der Schweizer Börse kotiert bleiben. Es wird ein interessanterer Wert sein als zuvor. Für den Werkplatz Schweiz dürfte die Fusion aber keine grossen Auswirkungen haben.

Wird die Fusion über die Bühne gehen?
Davon gehe ich aus. Hätten die Konzerne die Risiken einer Fusion als zu gross erachtet, dann hätte man den Deal nicht angekündigt. Zudem soll der Veräusserungsprozess per sofort gestartet werden.