China hat in diesem Winter eine Fussball-Offensive gestartet. 324 Millionen Euro haben die Klubs der Chinese Super League im Wintertransferfenster bisher ausgegeben. Das sind 70 Millionen Euro mehr als die Klubs der englischen Premier League, die nur noch auf den zweiten Platz kommt.

Gleichzeitig sorgte ein weiterer Grosseinkauf der Chinesen für weltweites Aufsehen. Die geplante Übernahme des Basler Agrochemiekonzerns Syngenta durch ChemChina für 43 Milliarden Dollar wäre der bisher grösste Zukauf einer chinesischen Firma im Ausland. «Chinesen kaufen die Schweiz», titelte darauf der Blick.

Mehr als nur alternde Stars

Im Fussball steht nicht die zweitklassige Schweizer Super League im Fokus Chinas. Das Land habe die finanziellen Mittel eine ganze Topliga aus Europa nach China zu verpflanzen, sagte unlängst Arsenal-Trainer Arsène Wenger der BBC. Ob die chinesische Liga deshalb bald sportlich mit der Premier League oder anderen europäischen Topligen mithalten kann, bleibt abzuwarten. Doch dass ein neuer starker Mitspieler im Weltfussball aufgebaut werden soll, ist offensichtlich.

Zwar wird schon seit einigen Jahren viel Geld in den chinesischen Fussball gesteckt. Präsident Xi Jinping gilt als grosser Fan und hat langfristig nichts weniger als den Sieg bei der Weltmeisterschaft im Visier. So viel wie in diesem Winter wurde allerdings noch nie investiert. Und so stellt sich die Frage, warum es gerade jetzt zur grossen Einkaufstour im Fussball kommt.

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Während früher vor allem Stars im Herbst ihrer Karriere nach China kamen, um noch einmal Kasse zu machen, sind diesmal auch Spieler im besten Alter darunter. Alex Teixeira, der für über 50 Millionen Franken von Schachtjor Donezk zu Jiangsu Suning wechselte, ist erst 26. Und auch die weiteren Toptransfers Jackson Martínez und Ramires sind noch keine Dreissig und befinden sich im besten Fussballeralter.

Grösste Fussballakademie

Noch steht China in der Fifa-Weltrangliste nur auf Platz 93. Doch Guangzhou Evergrande gewann 2015 zum zweiten Mal die asiatische Champions League. Trainer des Clubs ist Luiz Felipe Scolari, der brasilianische Weltmeistercoach von 2002. Und Guangzhou unterhält die grösste Fussballakademie der Welt. Und dies ist erst der Anfang.

Selbst die zweithöchste chinesische Liga, die China League One, hat in diesem Winter mehr Geld ausgegeben, als die deutsche Bundesliga oder die spanische Primera División. Dabei sollte indes nicht vergessen gehen, dass zum Teil massiv überhöhte Preise bezahlt werden. Gute chinesische Spieler, die aber in Europa nur schwer bei einem Spitzenclub unterkommen würden, werden mit bis zu 10 Millionen Franken Ablöse vergoldet.

«Reich der Mitte soll wieder Reich der Mitte werden»

Fussball sei ein attraktives Geschäftsfeld und verspreche viel Prestige, sagt Ruedi Nützi, Chinaexperte und Direktor der Fachhochschule Nordwestschweiz. China wolle sich allgemein international stärker positionieren – und dazu gehört eben auch der Breitensport. Genau wie beim Kauf von Firmen wie Syngenta folge auch die Offensive im Fussball einer politischen Logik: «Das Reich der Mitte soll wieder das Reich der Mitte werden», so Nützi.

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China denkt in grosse Dimensionen. Nützi: «China war bis 1500 eine Weltmacht und will diese Position im 21. Jahrhundert wieder einnehmen.» Staat, Wirtschaft und Partei seien eng verzahnt und folgten einer klaren Strategie. Gegenwärtig gehe es um die stärkere internationale Vernetzung Chinas. «Und deshalb sind alle Aktivitäten weltweit als Teil dieser globalen Strategie zu sehen.»

Nationalismus und Sport

Während beim Saatgut- und Pflanzenschutzkonzern Syngenta die Ernährung der eigenen Bevölkerung im Vordergrund steht, gehe es im Fussball um den inneren Zusammenhalt des Landes, erklärt Nützi. «China braucht für die Bewältigung der gewaltigen internen Aufgaben eine sogenannte harmonische Gesellschaft.»

Die Regierung pflege deshalb den Nationalismus – beispielsweise durch die Förderung populärer Volkssportarten. Als neue Grossmacht des 21. Jahrhunderts will China auch im populärsten Sport der Welt vorne mit dabei sein. Seit dem Rücktritt der Tennisspielerin Li Na im Jahr 2014 gibt es keinen globalen Sportstar mehr im grössten Land der Welt.

«Neue Ära chinesischen Kapitals»

Dass China bei seinen Auslandsinvestitionen politische Ziele verfolgt, zeigt auch eine Studie des China-Thinktanks Merics und des Analysehauses Rhodium. Eine «neue Ära chinesischen Kapitals» sei angebrochen, so die Experten. Statt in ressourcenreiche Entwicklungsländer investierten die Chinesen nun in Technologie, Marken, Immobilien und andere Vermögenswerte in Industrieländern.

Im Fokus stehen auch Schweizer Firmen. Syngenta und Swissport sind nur die bekanntesten Beispiele. Interessant für China sind auch kleinere Firmen im Bereich der Konsumgüter. Die Uhrenmarken Corum und Eterna sind schon heute in chinesischer Hand, der Kauf von Trinkflaschenhersteller Sigg in Frauenfeld soll noch in diesem Monat abgeschlossen werden.

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Rolle für Philippe Blatter

Bezahlt wird die chinesische Einkaufstour vor allem von reichen Mäzenen. Doch die Leitlinie ist Präsident Xis Aktionsplan «Reform und Entwicklung des chinesischen Fussballs». Ein wichtiges Puzzleteil bei dessen Umsetzung dürfte Philippe Blatter, der Neffe des abtretenden Fifa-Präsidenten spielen. Sein Sportvermarkter Infront ging 2015 für gut 1 Milliarde Franken an die Wanda Group des chinesischen Milliardärs Wang Jianlin.

Als Chef von Wanda Sports soll der junge Blatter das Unternehmen zu einem Branchenriesen machen. China meine es offenbar sehr ernst mit seinem Vorstoss in den internationalen Fussball, sagte Guus Hiddink vom FC Chelsea der BBC. Und Jürgen Klopp, Trainer von Liverpool ergänzte mit Blick auf den kolportierten Jahreslohn von 10 Millionen Euro für Alex Teixeira: «Jeder 26-Jährige würde sich ein solches Angebot genau überlegen.»