Etienne Jornod hatte in jüngster Zeit nur wenig Gelegenheit, die Spiele seines geliebten Eishockeyclubs SC Bern zu besuchen. Denn der CEO und Verwaltungsratspräsident der Berner Pharmagruppe Galenica mit über 3350 Mitarbeitern und einem Umsatz von 2,1 Mrd Fr. im Jahr 2006 benötigte zuletzt viel Zeit, um zwei wichtige Akquisitionen vorzubereiten. Bereits im April betonte Jornod gegenüber der «Handelszeitung», dass Galenica mittels Zukäufe wachsen soll: «Wir suchen Firmen aus den Bereichen Hämatologie, Gynäkologie oder Dialyse sowie Firmen, die rezeptfreie Medikamente herstellen.» Auf die soeben getätigten Zukäufe der Pharmafirma Aspreva (Kanada) und der Schweizer Versandapotheke Mediservice dürften deshalb in Zukunft weitere solche Transaktionen folgen. «Wir haben die Möglichkeit, finanzielle Mittel bis 500 Mio Fr. zu beschaffen, ohne eine ausserordentliche GV einberufen zu müssen», hielt Jornod fest.

Attraktiver Versandhandel

Die übernommene Mediservice mit Sitz in Zuchwil SO erzielte 1996 einen Umsatz von über 88 Mio Fr. Als Verwaltungsratspräsident von Mediservice amtierte Luzi A. von Bidder, VR-Präsident der Zürcher Pharmaholding Schweizerhall. Galenica will alle 95 Mitarbeiter übernehmen. Über den Kaufpreis ist nichts bekannt.
Mit dem Zukauf kann Galenica seine Position als Nummer eins im hiesigen Pharmagrosshandel stärken: Das Angebot von Mediservice richtet sich vor allem an Patienten mit chronischen Krankheiten wie Multiple Sklerose, die regelmässig auf Medikamente angewiesen sind. Diese Patienten sind oft in ihrer Mobilität eingeschränkt – und genau hier witterte Mediservice anlässlich der Gründung vor zehn Jahren einen attraktiven Markt: Die Medikamente werden per Post nach Hause geliefert, gleichzeitig werden die Betroffenen für die Einnahme derselben geschult.
Hinzu kommt: Der Markt für hochwertige Medikamente gegen komplexe Krankheiten ist stark wachsend und entsprechend attraktiv. Deshalb wollen auch die Pharmagrossisten daran partizipieren. So ist die Nummer zwei im Schweizer Grossistenmarkt, das Unternehmen Amedis (Umsatz 2006: 4 Mio Fr.), erst Mitte Oktober von der deutschen Firma Phoenix übernommen worden. Phoenix ist mit einem Umsatz von 21 Mrd Euro Europas zweitgrösste Pharmagrosshändler.
Für die Akquisition von Mediservice erhält Galenica-Lenker Jornod denn auch Lob der Analysten: Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) stuft die Transaktion als «positiv» ein, und die Bank Vontobel überprüft ihr eben erst von 525 auf 600 Fr. erhöhtes Kursziel.
Diese saftige Erhöhung folgte auf den angekündigten Erwerb der kanadischen Pharmafirma Aspreva von letzter Woche. Galenica will dafür 915 Mio Dollar investieren; die Aspreva-Aktionäre müssen dem Übernahmeangebot an einer ausserordentlichen GV im Dezember zustimmen. Aspreva ist vor allem bekannt für seine Kooperation mit Roche: Die Kanadier sicherten sich 2003 gewisse Vermarktungsrechte am Roche-Medikament Cellcept und erhalten von den Baslern noch bis 2017 entsprechende Lizenzzahlungen.

HBM Bioventures profitiert

Am Zukauf von Aspreva hat einerseits die Beteiligungsgesellschaft HBM Bioventures Freude, die 10% an Aspreva hält. Kurz vor dem angestrebten Börsengang erhöht dies den Wert des HBM-Portfolios. Andererseits profitieren die Galenica-Investoren: Die Aktie pendelte zuletzt mit 545 Fr. auf einem neuen Allzeithoch. Seit 2003 legte der Titel gar über 250% zu.

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