Die Idee kam Yves Bozzio, als er in einem Airbus-Flugsimulator sass. Mit einem Joystick müsste doch eigentlich auch ein normales Auto steuer- und bedienbar sein. Als Muskelschwund-Patient hatte der Romand bislang vergeblich nach einem befriedigenden System gesucht, das ihm das Autofahren ermöglicht hätte. Mit seiner Vision gelangte Yves Bozzio 2001 an Bernhard Gerster, den Leiter des Fachbereichs Automobiltechnik an der Berner Fachhochschule in Biel, der schweizweit einzigen Weiterbildungsstätte, die einen Lehrgang Automobiltechnik anbietet.

Auf kleinem Feuer - etwa in Form von Bachelor-Arbeiten - wurde das Projekt zunächst verfolgt. Es sollte aber noch bis 2006 dauern, ehe sich ein Team von vier Ingenieuren mit der vor allem aus sicherheitstechnischen Gründen komplexen Thematik intensiv zu befassen begann. Eine GmbH wurde gegründet, und dank der Förderagentur für Innovation KTI sowie privater Stiftungen - vorab der ASRIM, der Westschweizer Organisation für Muskelkranke, deren Präsident Yves Bozzio war - konnte die Arbeit finanziert werden.

Besser als Konkurrenzprodukte

Die Ingenieure kamen zügig voran. Seit kurzem ist Joysteer, wie das System getauft wurde, auf dem Schweizer Markt erhältlich. Es ermöglicht Para- und Tetraplegikern, Muskelkranken, Polio- und MS-Patienten das Lenken, Bremsen, Gas geben und die Bedienung aller Sekundärfunktionen mittels eines Joysticks. Vor allem Muskelkranke verfügen erstmals über eine Technik, die ihnen vollständige Mobilität mit dem Auto ermöglicht. Bozzio - mittlerweile eine AG - hat nicht das allererste solche System entwickelt, jedoch eines mit zahlreichen Vorteilen gegen-über Konkurrenzprodukten aus Deutschland und den USA. «Einer der wesentlichen Unterschiede ist das sogenannte Force Feedback, die Rückmeldung der Räderposi-tion und deren Seitenkräfte auf den Fahrer, analog eines Lenkrads im normalen Auto. Das führt zu einem deutlich sichereren Fahr-gefühl», erklärt Matthias Hell, seit zwei Jahren CEO von Bozzio.

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Ein weiterer Vorzug ist die TÜV-Homologation, das heisst, Joysteer wird demnächst europäisch angeboten. Die Zulassung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem deutschen TÜV, was wiederum bedeutet, dass der Freigabe in Europa nichts mehr im Wege steht. In der Schweiz wurde das System Anfang April vom Strassenverkehrsamt Luzern zugelassen. Joysteer ist softwaremässig parametrisierbar, womit die Systemparameter vom Umbauer dem Kundenbedarf und falls notwendig dem Krankheitsbild laufend angepasst werden können. Das kommt Muskelkranken, deren Kraft schleichend abnimmt, entgegen. Diverse Besonderheiten zeichnen das Produkt zusätzlich aus, beispielsweise auf Wunsch Zweihandlenkung oder geschwindigkeitsabhängige Lenkübersetzung. Grundsätzlich kann das System in jedes Fahrzeug eingebaut werden. Weil aber die Fahrer mit dem Rollstuhl am Steuer sitzen, sind grössere und höhere Fahrzeuge am besten geeignet.

Eine der grössten Knacknüsse bei der Entwicklung war laut Hell das Erfüllen der Normen gemäss TÜV. Zahlreichen spezifischen Regeln und Sicherheitsvorgaben der Automobilindustrie musste entsprochen werden. Paramobil heisst der Hauptvertriebspartner in der Schweiz. In Holland und Deutschland sind Partner aktiv, welche die Markteinführung aufgleisen.

Weitere Anwendungsbereiche

Rund 200 Stück hofft Matthias Hell jährlich im Behindertenmarkt absetzen zu können. In zwei, spätestens drei Jahren soll es so weit sein. Für ein weiteres Jahr ist die Finanzierung gesichert. Als wichtigster aktueller Partner eingestiegen ist die Schweizer Paraplegiker-Stiftung. Hinzu kommen Gelder von der Stiftung für technische Innovation (STI), hinter der die Berner Kantonalbank steht, sowie weiterhin von ASRIM und der Berner Fachhochschule.

Die Drive-by-Wire-Technologie ist auch in anderen Segmenten von Interesse. Mögliche Anwendungsbereiche sind Kommunalfahrzeuge, Landwirtschaftsgeräte, Bau- und Forstmaschinen oder Friedensfahrzeuge. «Überall dort, wo es Sinn macht, eine Maschine oder ein Fahrzeug nicht vom Führerstand aus zu bedienen», erläutert Hell. Entsprechend gross ist das Potenzial, und zurzeit werden verschiedene Gespräche mit Anbietern aus den erwähnten Anwendungsbereichen geführt.

Doch wo steht Bozzio in fünf Jahren? Die enge Anbindung an die Berner Fachhochschule soll gelockert werden. Zwar ist Abteilungsleiter Bernhard Gerster VR-Präsident der Firma und soll dies auch bleiben. «Doch das KMU muss jetzt unabhängiger und weniger technologielastig werden», so Matthias Hell. Der Verkauf werde ausgebaut und die Belegschaft bald verdoppelt. Der Geschäftsführer ist Feuer und Flamme für Joysteer und überzeugt davon, dass das Produkt erfolgreich sein wird: «Unser System ist besser als diejenigen unserer Mitbewerber.»