Von aussen sieht man dem Hotel Kronenhof an einer Hauptstrasse in Zürich-Affoltern nicht an, dass es eine der fünf ersten Gastro-Poststellen des Postkonkurrenten DPD ist. Drinnen wollen ein paar Gäste an der Rezeption auschecken, im Speisesaal nebenan klappert das Geschirr. Ein wenig fremd am Platz fallen eine Waage und ein DPD-Plakat auf. Die Rezeptionistin nimmt das Paket der Journalistin entgegen, als habe sie nie was anderes gemacht. Das Wechselgeld bringt die Kellnerin.

Ziel verfehlt

Viele von diesen Paketannahme- und Abholstellen gibt es noch nicht. Ziel von DPD war es, per Anfang Jahr 200 Standorte einzurichten. Seit 1. Mai gibt es erst fünf. Anscheinend sind die Gastrounternehmer nur schwer für den Mehrumsatz zu gewinnen, welche ihnen DPD mit dem Paketservice bescheren will. «Erste Erfahrungen zeigen, dass der Akquisitionsaufwand grösser ist als erwartet», begründet Brigitte Meier-Schmid die Verzögerung. Sie ist Sprecherin von Gastrosuisse, der Partnerorganisation von DPD. Die Betriebe würden die Vorteile gegenüber dem entstehenden Aufwand sehr sorgfältig abwägen. Gastrosuisse stehe aber unverändert hinter dem Projekt von DPD Parcelshop.

Auch DPD-CEO Georges Champoud will nicht von seinen Plänen abrücken, wagt aber nicht mehr, konkrete Termine zu nennen. Ausschlaggebend für die Partnerschaft waren die langen Öffnungszeiten der Gastrobetriebe sowie deren Servicementalität. Champoud betont: «DPD treibt dieses Projekt jetzt mit voller Kraft voran, um das vorgegebene Ziel von 200 Gaststätten so bald wie möglich zu erreichen.» Als Grund für die Verzögerung gibt er die Inbetriebnahme der neuen Betriebszentrale in Buchs ZH an, die viele Ressourcen absorbiert habe. Die neue Zentrale soll laut Champoud die Effizienz und damit die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens stark steigern. Mittelfristig werde weniger Personal benötigt. DPD hat ihre Rentabilität trotz Umsatzrückgang im einstelligen Bereich letztes Jahr halten können. Im 1. Quartal 2010 zeichnet sich klar eine positive Wende gegenüber 2009 ab.

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Tiefe Marktanteile

Als Konkurrenz zur Poststellen-Infrastruktur der Post betreibt DPD heute die fünf Gastro-Parcelshops plus 47 Annahme- und Abholstellen in Papeterien. Neben DPD mischen etliche weitere Anbieter wie etwa DHL - die beim Abholen und der Aufgabe von Päckli unter anderem mit Apotheken kooperiert - und UPS im Paketgeschäft mit. Die Post hat heute mit Quickmail auch Konkurrenten im Inlandbriefgeschäft. Die Marktanteile der Privaten im Paketgeschäft bleiben aber nach wie vor verschwindend klein. In Umfragen schneidet DPD regelmässig als günstigster Anbieter ab. Über die Qualität sagt dies aber nichts aus. Das eingangs erwähnte Paket, bestimmt für eine Zürcher Seegemeinde, ist 29 statt maximal 24 Stunden später angekommen.


Initiative gefährdet weitere Liberalisierung ernsthaft

Nach nur fünf Monaten ist die Initiative «Für eine starke Post» zustande gekommen. Dies bestätigt Didier Page, Vizepräsident der Gewerkschaft Kommunikation, auf Anfrage der «Handelszeitung». Anfang Mai waren es bereits über 120 000 Unterschriften.

Die Gewerkschafter haben sich stark bemüht, die 100000 Unterschriften für die Initiative, welche die weitere Postmarktliberalisierung stoppen will, noch vor dem 17. Mai zusammenzuhaben. An diesem Tag befindet die zuständige Nationalratskomission (KVF) über die neue Vorlage zum neuen Postgesetz. Im Januar hat diese Kommission die erste Vorlage überraschend zurückgewiesen, weil ihr nicht klar war, wie die Grundversorgung künftig finanziert werden soll. Sie verlangte eine genaue Aufstellung der finanziellen Auswirkungen der Aufhebung des Briefmonopols - des nächsten und umstrittensten Liberalisierungsschritts. In der Sitzung sollen auch neue Varianten zur Marktöffnung präsentiert werden.

Eine der Varianten ist ein Postgesetz ohne vollständige Liberalisierung, wie sie die Initiative verlangt. Bei dieser Variante dürften die Mehrheiten in der Kommission sehr knapp sein, schätzt Didier Page. «Die Chancen stehen gut, dass eine Mehrheit auf die Liberalisierung verzichtet.» Die Initiative verlangt zudem, dass PostFinance im Besitz der Post bleibt. Ausserdem glauben die Initianten, dass das Zustandekommen auch ein starkes Signal für den Service public sei und somit auch Versuche zur weiteren Deregulierung des Telekommarkts im Keim erstickt würden.

Die Initiative scheint nicht chancenlos. Zur Erinnerung: Eine ähnliche Initiative scheiterte im Jahr 2004 nur knapp. Damals sprachen sich 49,8% der Stimmenden für die Volksinitiative «Postdienste für alle» aus. Zehn Kantone nahmen den Vorstoss an, 16 lehnten ihn ab.(clu)