Durch den Einbezug einer Gaststadt hat sich die Kunst Zürich in den letzten Jahren als attraktive Ergänzung zu den europäischen Grossmessen entwickelt und stösst beim Fachpublikum auf reges Interesse. Mit New York im diesjährigen Gastsektor festigt die Kunst Zürich damit ihren Ruf als eigenständige Entdeckungsmesse.

Entschlossen hat sich die Messeleitung für die Aufnahme von neun ganz jungen, qualitativ hoch stehenden Galerien (keine hat vor 2001 eröffnet), deren Programme sich auf experimentelle und avantgardistische Gegenwartskunst konzentrieren. Die ausgewählten Galerien aus Übersee bieten interessante Dialogmöglichkeiten mit dem jungen europäischen Kunstschaffen des Fördersektors. Sie alle zeigen, neben Arbeiten mit neuen Medien, Malerei und Zeichnungen aufstrebender Künstler und Künstlerinnen.

«This is not a Gallery» steht am Eingang einer Garage an der West 26th Street. Symptomatisch für New York, insbesondere für Chelsea. In New York soll es an die 600 Galerien geben. Sie befinden sich hauptsächlich in SoHo, TriBeCa, im West Village, in Williamsburg, einem Stadtteil von Brooklyn, und, weiter boomend, in Chelsea. Neuentdeckungen gibt es v.a. in Williamsburg, jenem nördlichen Teil Brooklyns, der schon seit Jahren Arbeitsraum für immer mehr Künstler geworden ist. Ausser Capsule und Rivington Arms sind alle ausgewählten Galerien in Chelsea oder Williamsburg beheimatet.

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Auch wenn allen neun ausstellenden Galerien das Experimentelle, Avantgardistische gemeinsam ist, lassen sich Tendenzen feststellen und ungefähre Kategorisierungen vornehmen.

Der öffentliche Raum als Spiegel der eigenen Identität

Mit Gerald Petit und Katie Holten sind es gleich zwei (europäische) Kunstschaffende, deren Werke sich aus einer grossen Vielfalt neuer Medien zusammensetzen und sich Kategorisierungen entziehen. Sowohl Petit wie Holten (Letztere repräsentierte den Irischen Pavillon an der Biennale Venedig 2003), setzen sich mit dem öffentlichen Raum in Beziehung zur menschlichen Identität auseinander. Holten integriert dabei Zeichnung, Installation, Projekte im öffentlichen Raum, Klang und lebende Pflanzen in ihre Arbeit. Beiden gemeinsam ist das Bedürfnis, Schein und Wirklichkeit zu erforschen. Das Enigma der Identität innerhalb der Umgebung fungiert dabei als Angelpunkt im künstlerischen Schaffen.

«Ich liebe Dich die Limonade. Just practicing.» schreibt Melissa McCaig-Welles im Anmeldeformular zur Messe Kunst Zürich. Symptomatisch für ihre Galerie, deren Programm tendenziell auch in die Kategorie der Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum als Spiegel der Seele fällt. Selber Künstlerin, betreibt sie den etwas anderen Kunstsalon. Neben etablierten Künstlern bietet sie in Zusammenarbeit mit dem Pratt Institute, dem grössten unabhängigen Kunst- und Design-College in den USA, herausragenden jungen Künstlern die Möglichkeit, sich in One-Person-Shows zu «outen».

Einer davon ist Sam Friedman (1985). Letzten Juni hatte er seine erste One-Person-Show bei McCaig-Welles. Friedmans Arbeit reflektiert, sinniert und spiegelt uns tradierte amerikanische Werte wie Familie und Arbeitsethik. Während sein Werk explizit narrativ ist, ist sein Stil schlicht. Komplexe Geschichten kommen leichtfüssig daher. Popularisierte Ikonen und Symbole des American Way of Life werden in seinen Arbeiten zu bezwingenden, oftmals beunruhigenden Elementen und Bildern. Man begegnet Sankt Nikolausen, die sich selbst erhängt haben, hohlen Radios, drohend roten Wolken über dem idyllischen Vorstadthaus und erkennt zumindest den jungen Künstler in seinem verspielten, kokettierenden Unbehagen an der Welt.

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Historie als Referenz

Neben amerikanischen, vertritt ATM auch viel versprechende japanische Künstler. Die Galerie scheint ein gutes Näschen für Qualität zu haben. Einige ihrer Künstler, darunter Saeko Takagi, haben es in wichtige Sammlungen wie JP Morgan Chase oder Charles Saatchi geschafft.

Identität lässt sich auch spiegeln unter Einbezug (pseudo-)historischer Referenzen. Bleiben wir dabei in Chelsea. Einige Galerien eröffnen pompös, bereit für die grossen Sammler (wie z.B. Bortolami Dayan, 510 West, 25th Street), andere eröffnen eigentlich fast gar nicht und sind deswegen nicht weniger entdeckungsrelevant. Ein solcher Ort ist Freight + Volume.

Elizabeth Neel, die Enkelin der berühmten Portraitmalerin Alice Neel, ist selber Malerin ­ und Videokünstlerin. Zusammen mit ihrem Bruder, dem Filmemacher Andrew Neel, zeichnen die beiden anonyme historische Ereignisse nach und untersuchen den Vorgang der historischen Rekonstruktion. So entstehen Filmstudien von Autounfällen oder gewalttätigen Stierkämpfen auf der Basis von Neels Faszination für Rembrandt, Chardin, Soutine und Bacon. Mit der Arbeit der beiden Neels zeigen Freight + Volume ihr Interesse am Verstehen der Vergangenheit und unser aller Bedürfnis, uns mit der Geschichte auszusöhnen.

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Williamsburg hat eine weitere viel versprechende Galerie

Eine Wahrnehmungsirritation geschieht auch bei Samuel Rousseaus «Cock and Hen»: Normale Kriterien der Wahrnehmung und Bezüge zur Welt verlieren ihre Gültigkeit dabei präzise im Augenblick des erschrockenen Hinschauens.

Surreal bis fantastisch

Mit Echo Eggebrecht (1977) und Neil Whitacre (1971) zeigt Sixtyseven zwei New Yorker Kunstschaffende, die sich ganz der Malerei verschrieben haben. Megan Whitmarsh (1972) stickt Elfen, Yetis, Ausserirdische auf Stoff. Allen dreien gemeinsam ist die Liebe zum Detail. Mit akribischer Sorgfalt werden surreale, fantastische Welten erschaffen, die an Comics oder 3D-Animationen erinnern.

Neil Whitacres extrem sorgfältige Zeichnungen nehmen uns mit auf eine Reise in komplexe, bizarre, detailreiche Welten. Wie einst bei den Stifterbildern der Renaissance begegnet man dem Künstler in seinen Bildern selber. Identität via Anlehnung an Literatur und Comicfiguren. Wir sehen den bärtigen Künstler als Cowboy-dandy oder Captain Morgan, angelehnt an Comics von José Ortiz oder Lee Elias. Echo Eggebrecht malt detailgetreue, halbabstrakte, menschenleere, gespenstische Vorstadt-Szenerien. Die Bilder erinnern an verlassene Theatersets, vielleicht auch, weil Eggebrecht ihre Bilder ab selbst hergestellten Miniatur-Modellen auf Buchenholz malt.

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Bizarre Welten auch bei Capsule. Die Galerie ist so jung, dass ihre Künstler im Internet meist noch keinen Eintrag haben. Eine eigenartig «verkapselte» Galerie ist Capsule im West End. Die Infos auf der Website sind minimal, die zahlreichen Abbildungen lassen Potenzial erkennen. Ein karger Raum, eine Garage vielleicht, dient als Ausstellungsraum. Man weiss nicht genau, wo man sich befindet. Als Europäerin ist man am ehesten Chris Jahncke schon mal begegnet, der demnächst bei Völcker und Freunde (Berlin), zusammen mit Sara Walker u. a., ausstellt. «Seine Collagen und Malereien sprechen Bände, auch wenn nicht ganz klar ist, worüber», meinte vor kurzem ein Kritiker der NewYork Times.

Ebenfalls im Surrealen, Fantastischen ortet sich Jack The Pelican Presents aus Brooklyn. Graham Guerra, ein ehemaliger Studioassistent von Mathew Barney, schliesst dabei den Kreis zurück zur Historie. Mit einer mächtigen 3D-Technologie kreiert der Künstler exzessive, sexuell aufgeladene, surreale Bilder. Aufgeblähte Frauen, die gen Himmel fliegen, erinnern an die Auferstehungsbilder von Tiepolo, Veronese oder Guido Reni. Ein Kritiker schreibt über die Werke Guerras: «God has gone missing. And along with Him, anything that would pass for human.» An die Stelle von Gott tritt adoleszentes Virtual-Amerika: Entseelt, leer, beängstigend.

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Die Lower East Side beherbergt Rivington Arms, den 2002 eröffneten Raum für Kunst ohne Beschränkung. Ein Experiment zweier Künstlerinnen, Mirabelle Marden und Melissa Bent. Die Galerie wächst mit den bei ihr ausgestellten Künstlern, man gehört zur Familie, sozusagen. Carter Mull ist einer davon. Seine Arbeiten beängstigen auf eine andere Art und Weise. Die Stillleben aus Staub, Fett, Haaren, Stein, Salz und Spiegelsplittern erinnern an Erbrochenes, Ekelerregendes. Über den Sinn darf gerätselt werden.

Ekel, Surreales, Historie, Alltagsflucht. Die jungen New Yorker Galerien bieten ein abwechslungsreiches Panoptikum der neusten Kunst. Und, wie gehabt, nicht zu vergessen: Beauty is always in the eye of the beholder!