Die trüben Konjunkturaussichten und die Turbulenzen an den Finanzmärkten haben den Aktienkursen von Chemie- und Industriefirmen enorm zugesetzt. Ein Grossteil der Aktien, darunter diejenigen der Industriekonglomerate Georg Fischer und Rieter, verloren in den vergangenen 365 Tagen bis zu 50% ihres Werts. Die betroffenen Unternehmen, vor allem diejenigen ohne schützenden Grossaktionär, zeigten sich beunruhigt: Sie fürchteten sich zunehmend vor feindlichen Übernahmeversuchen.

Im vergangenen Januar stellte die «Handelszeitung» erstmals eine Liste möglicher Übernahmekandidaten im Industrie- und Chemiesektor vor. Nun, drei Quartale später, zeigt sich: Bereits fünf Unternehmen haben einen Besitzerwechsel hinter sich.

Beim Chemiekonzern Ciba läuft ein öffentliches Übernahmeangebot von Mitbewerber BASF. Der Ciba-Verwaltungsrat unterstützt die freundlich gesinnte Offerte.

Der Schleifmittelhersteller Sia Abrasives flüchtet sich nach einem unfreundlichen Übernahmeangebot von Unternehmer Giorgio Behr in die Arme des Weissen Ritters Bosch, des Grosszulieferers aus Stuttgart.

Beim Autozulieferer und Textilmaschinenbauer Rieter sind Schweizer Investoren – unter Zustimmung der Konzernführung – mit insgesamt knapp 20% eingestiegen. Damit ist ein feindlicher Übernahmeversuch nahezu unmöglich.

Der Halbleiterausrüster SEZ wurde von US-Mitbewerber Lam Research freundlich übernommen.

Der Industriezulieferer Sulzer erhielt mit der Beteiligungsfirma Renova des russischen Industriellen Viktor Vekselberg – zunächst gegen den Willen der Sulzer-Führung – einen dominanten Grossaktionär. Renova hält rund einen Drittel am Industriezulieferer. Nach der Zusage der Russen, keine vollständige Übernahme von Sulzer anzustreben, liess der Verwaltungsrat die Beteiligung von Renova ins Aktionärsbuch eintragen.

Firmen haben volle Kassen ...

Weitere Übernahmen von klein- und mittelgross kapitalisierten Firmen werden folgen, sagen Experten wie Peter V. Kunz, Wirtschaftsprofessor an der Universität Bern. «Konkurrenten von Schweizer Unternehmen haben sehr gut gewirtschaftet und verfügen über volle Kriegskassen», erklärt er. Auch solide Private-Equity-Häuser hätten nach wie vor genügend Spielraum für Übernahmen.

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Capvis fahndet nach Firmen ...

Nach attraktiven Zielgesellschaften fahndet derzeit auch das Schweizer Vorzeigeunternehmen im Private-Equity-Sektor, Capvis. «Wir sehen derzeit in unseren Märkten im deutschsprachigen Europa attraktive Gelegenheiten», bestätigt Capvis-Partner Rolf Friedli. Im laufenden Jahr tätigte Capvis bereits zwei Akquisitionen. Die Beteiligungsfirma übernahm Anfang August die Mehrheit am Sicherheitstechnikunternehmen Bartec mit Sitz in Bad Mergentheim.

Im Juli kaufte Capvis für 325 Mio Euro den Verbindungstechniker KVT, der zur deutschen Klöckner & Co-Gruppe gehörte. Als Minderheitsaktionärin beteiligte sich bei der KVT auch das internationale Private-Equity-Haus HgCapital. Über die Hintergründe der Transaktion wurde nichts bekannt gegeben.

In nächster Zeit sollen weitere Beteiligungsprojekte von Capvis folgen. Denn im vergangenen Jahr sammelte das Haus erfolgreich rund 600 Mio Euro ein, die in den kommenden fünf Jahren schrittweise investiert werden sollen. Capvis kauft oder beteiligt sich an grundsätzlich gesunden Firmen mit Entwicklungspotenzial, wobei laut Friedli auch solche Unternehmen in Frage kommen, die sich kurzfristig in einer schwierigen Lage befinden.

In den vergangenen Jahren galten die Preise für Firmen als überhöht. Das hat sich nun geändert. «Die Preise sind rückläufig, gleichzeitig zeichnen sich in diversen Unternehmen Probleme bei der Nachfolgeregelung ab, bei denen wir Hand bieten können», erklärt Friedli.

... doch die Unsicherheit ist gross

In den nächsten Monaten sei allerdings noch nicht mit einer Vielzahl von Übernahmen zu rechnen. «Die Unsicherheiten an den Märkten sind einfach noch zu gross», sagt Friedli. Insofern habe man ein sehr gutes Timing beim Fundraising gehabt. «Wer jetzt Gelder einsammeln will, der trifft auf der Investorenseite natürlich auf eine deutlich schlechtere Stimmung als noch im Vorjahr», weiss der Capvis-Partner. Wann sich diese wieder heben wird, sei unklar. «Ich bin mir nicht sicher, ob die Stimmung schon 2009 wieder ins Positive dreht», warnt Friedli.

Keine leichte Ausgangslage also für neue Akteure wie BluO, die für ihren Fonds derzeit auf Investorensuche sind und dabei auch Übernahmen in der Schweiz ankündigen (siehe dazu Seite 17). Übernahmeinteressenten müssen Industrie- und Chemiefirmen in der Schweiz jedenfalls mit Samthandschuhen anfassen – feindliche Übernahmen sind in diesem Sektor nämlich kaum noch möglich. Die Mehrheit der Firmen verfügt mittlerweile über einen schützenden Grossaktionär beziehungsweise über ein Abwehrdispositiv.

Zu den verbleibenden Übernahmekandidaten gehören derzeit – mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten – der Kommunikationskonzern Ascom, der Sanitärtechniker Geberit, der Life-Science-Konzern Lonza, der Spezialsägenproduzent Meyer Burger und der Drehautomatenhersteller Tornos. Schwieriger wird es bei den Firmen mit Abwehrdispositiv. Zu den gängigen «Giftpillen» gehören Kontrollwechselklauseln – beispielsweise Abfindungen für Führungskräfte oder das Recht auf eine sofortige Freistellung bei fortlaufender Lohnzahlung – sowie Eintragungs- und Stimmrechtsbeschränkungen für Aktien.

Die letzteren beiden Abwehrmassnahmen sind laut Wirtschaftsrechtsprofessor Kunz bei Schweizer Unternehmen besonders beliebt. Denn sie machen eine feindliche Übernahme nahezu unmöglich. Das zeigen vergangene Fälle: Der Angriff auf den Getränkekonzern SIG durch Tito Tettamanti scheiterte an der 5%-Stimmrechtsbeschränkung. Der österreichische Financier Ronny Pecik liess von einer Übernahme von Georg Fischer ab – die Firma kennt ebenfalls eine Stimmrechtsbeschränkung von 5%.

Eine ähnliche Story ereignete sich beim Schleifmittelhersteller Sia Abrasives: Hier fordert der Ostschweizer Unternehmer Giorgio Behr, die Eintragungsbeschränkung aufzuheben und seine Beteiligung von zuletzt 40% im Aktienregister aufzunehmen. Er scheiterte – und doch nicht. Sia präsentierte vor kurzem mit Grosszulieferer Bosch einen Weissen Ritter. Behr verkauft seine Sia-Anteile und erhielt geschätzte 150 Mio Fr.

Wirtschaftsprofessor Kunz hält wenig von Abwehrmassnahmen. «Eine Unternehmensführung kann zwei, drei Jahre gegen einen Angreifer auf dessen Kosten prozessieren und so den Übernahmeprozess vollständig blockieren», weiss Kunz. «Wer entsprechend in die Firma investiert, soll auch mitreden dürfen», sagt er. Damit stellt er sich gegen die politische Grosswetterlage: Der Bundesrat fordert in der Revision des Aktienrechts auch eine Verschärfung der Eintragungsbestimmungen für Aktien. So sollen in Zukunft Beteiligungen, die nur vorübergehend auf Basis einer Wertpapieranleihe erworben wurden, nicht mehr ins Aktienregister eingetragen werden können. Dies, um ein weiteres Einfallstor für feindliche Angreifer zu schliessen. «Damit kriminalisiert man ein eigentlich legales Vorgehen», konstatiert Kunz.