Alles hier ist «Low profile», wie man das marketingtechnisch und/oder neudeutsch formuliert. Der Name des Unternehmens lautet GecoH S.A. und bedeutet Genève composants Horloger, der Firmensitz ist in Satigny am Stadtrand von Genf. Hat man keine ganz genaue Adressangabe, dann wird man den Industriekomplex nicht finden, man würde vermutlich daran vorbeifahren. Erst am Eingang findet sich ein kleiner Hinweis in Form eines Schildes.

Mit Qualität und vor allem Flexibilität gewachsen

Georges Leger, der CEO des Unternehmens, legt keinen Wert auf viel Tamtam, der Unternehmer strahlt dafür ungemein viel Charisma aus, ist hemdsärmelig und eher wortkarg. Genau so, wie man sich einen Patron im klassischen Sinn eben vorstellt und auch wünscht. «Unsere Stärke liegt in der Qualität unserer Produkte und in der Schnelligkeit, zu reagieren. Wir können alle notwendigen Werkzeuge im Haus herstellen, hängen so von niemandem ab», erzählt Leger.

Das Basisgeschäft bilden die Kronen und Drücker, doch GecoH kann noch viel mehr. Mittlerweile werden auch Spezialschrauben, -stifte und Zifferblattelemente hergestellt; dazu kommen Korrekturstifte, Miniantennen (für die Breitling-Pilotenuhr Emergency), mechanische Elemente für hochkomplexe Schmuckstücke, drehbare Lünetten (für Bucherer), Armbänder (für Franck Muller), patentierte dynamometrische Kronen (für Patek Philippe) und vieles mehr, etwa auch Zeiger. Die gnadenlose Spezialisierung auf die kleinsten und komplexesten Teile einer Uhr bringt seither volle Auftragsbücher. In den letzten vier Jahren hat sich der Umsatz bereits verzehnfacht. Genauere Zahlen allerdings nennt Leger keine.

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Erst ein Hauskrach und später Zusammengehen

Begonnen hat diese Erfolgsgeschichte, als der Ingenieur und Mikromechanikspezialist Leger in die Uhrenindustrie wechselte und bei seinem ehemaligen Arbeitgeber Regence in Genf als Werkmeister begann. Die Firma Regence S.A. stellte Kronen und Drücker her. Handfeste Zerwürfnisse über die Art der Geschäftsführung mit der Eigentümerfamilie Diethelm führten dazu, dass Leger 2001 bei Regence ausschied und in Plan-les-Ouates seine eigene Firma gründete. Er musste Haus und Hof verpfänden, um seinen Teil des Startkapitals von 200000 Fr. und der notwendigen Erstinvestitionen einbringen zu können.

Zudem setzte er auf Partner. Seine gleichberechtigten Partner bei der Gründung waren Vartan Sirmakes (CEO Franck-Muller-Gruppe), Franck Muller und Jean-Claude Peguet (technischer Direktor der Watchland S.A.). Diese drei Herrschaften halten bis heute ihre Anteile, sie mischen sich aber in keiner Weise in das Tagesgeschäft der GecoH ein.

Als die Familie Diethelm sah, dass ihr alter Werkmeister Leger drauf und dran war, sie zu überholen, bot sie ihrem Ex-Mitarbeiter an, ihre Regence-Anteile in die GecoH S.A. einzubringen. Die Diethelms setzten sich zur Ruhe; demnach halten sie heute ihre besagten Anteile, die Firmen GecoH und Regence sind längst verschmolzen und Leger führt nun beide Unternehmen: «Der Vorteil dieser Konstruktion liegt darin, dass ich völlig unabhängig arbeiten kann und es niemanden gibt, der mir vorschreibt, was ich herstelle und mit wem ich Geschäfte mache oder nicht.» Das wissen seine Kunden zu schätzen, Leger gilt als zuverlässiger Partner mit echter Handschlagqualität im klassischen Sinn.

Nur acht bis zehn Wochen benötigt er mit seinem Unternehmen, um bestellte Ware fix und fertig zu liefern. In dringenden Fällen schafft er es noch viel schneller; so zum Beispiel lieferte GecoH in nur vier Tagen gewünschte Kronen und Drücker an Chopard. Leger: «Wenn es möglich ist, dann machen wir alles, mein grösster Wunsch wäre es einmal, just in time liefern zu können.»

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Vom Arbeitszeitmodell profitieren beide Seiten

Eine clevere Organisation hinter den Kulissen macht das möglich: Seine Mitarbeiter sind angehalten, die Reglage bei den vorwiegend Langdrehautomaten und Fünf-Achsen-CNC-Maschinen in beliebiger Zeit so zu gestalten, dass die Maschinen über Nacht, in der üblicherweise unproduktiven Phase eines Unternehmens, durchgehend laufen können. Was mit Erfolg durchgezogen wird: Zum Zeitpunkt unseres Besuches am späten Nachmittag war fast kein Mitarbeiter mehr im Betrieb. Der gesamte Maschinenpark indes lief auf Hochtouren.

Leger: «Es gibt bei GecoH keine Stechuhr und kein Zeiterfassungssystem, bei mir kann jeder kommen und gehen, wann er will, so lange er sein Plansoll erfüllt und seine Arbeit erledigt. Wenn ein Regleur seine Maschinen gut im Griff hat, dann kann er am frühen Nachmittag nach Hause fahren. Er muss dann beispielsweise irgendwann am späten Abend nochmals für eine Nachjustage vorbeikommen.» Dieses flexible System des Arbeitsablaufes motiviert und beflügelt zugleich; bei GecoH gibt es so gut wie keine Fluktuation bei den rund 70 Arbeitnehmern.

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Parallel dazu entwickelt der Chef mit seinem Direktor für die Technik, dem Direktor für die Produktion, seinen Konstrukteuren und Technikern ständig neue Verfahren, wie man die computergestützte Produktion optimieren kann. Dazu werden auch hauseigene Weiterentwicklungen an den zugekauften Spezialmaschinen realisiert. In Summe ist die Basis seines Erfolges das Nutzen der traditionellen Fertigungsmethoden bis hin zu den modernsten Möglichkeiten und das Verstehen und genaue Eingehen auf die zu verarbeitenden Materialien wie Gold, Platin, Stahl und Titan.

Kundenliste fast ein Who's who der Uhrenbranche

Die Kundenliste von GecoH umfasst heute alle grossen Hersteller in den Hochpreislagen mit Ausnahme von Rolex. Man kann davon ausgehen, dass sich in beinahe jeder Top-Armbanduhr ein oder mehrere Teile von GecoH befinden. Leger: «Wir sind dennoch mehr Künstler als kühle, berechnende Industrielle, obwohl wir unsere Produkte mit höchster Präzision und in kürzest möglicher Zeit herstellen.» Da muss man dem charismatischen Patron mit Handschlagqualität beipflichten.

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