Noch vor wenigen Jahren sagten Experten der europäischen Windindustrie gigantische Wachstumsraten voraus. Doch der Ausbau ist längst ins Stocken geraten. Und wenn die europäische Windindustrie krankt, dann leidet auch Gurit: Der Schweizer Spezialkunststoffhersteller beliefert die Windbranche mit Verbundwerkstoffen für den Bau der Windflügel. In den ersten neun Monaten brach der Umsatz im Windsegment um über 27 Prozent ein. «In Europa und Nordamerika traf der noch 2009 von unseren Kunden erwartete Aufschwung bisher noch nicht ein», kommentiert Gurit-Chef Rudolf Hadorn trocken.

Zum Verhängnis geworden ist Gurit, dass die Firma im Windsegment von zwei grossen Kunden abhängig ist. Gemäss Berechnungen der ZKB macht das Unternehmen rund 25 Prozent seines Umsatzes mit der spanischen Gamesa. Die Aktie des Windturbinenherstellers wurde erst kürzlich von verschiedenen Analysten zurückgestuft - wegen der tiefen Preise im Markt für Windanlagen und wegen mangelnder Auslastung. 2007 machte Gurit mit Gamesa 175 Millionen Franken Umsatz, dieses Jahr dürfte es kaum noch die Hälfte sein.

Europa als Kernmarkt

Weitere 15 Prozent des Geschäfts von Gurit laufen gemäss ZKB über ein weiteres Sorgenkind der Windbrache: Vestas, der weltgrösste Anbieter von Windenergieanlagen. Vestas hat die Nachfrageflaute noch brutaler getroffen: Die Firma hat bekannt gegeben, dass sie 3000 Mitarbeiter entlässt und Fabriken in Dänemark schliesst.

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Das wichtigste umsatzmässige Standbein des Windgeschäftes von Gurit ist noch immer das Europageschäft; ein weiterer wichtiger Markt sind die USA. Doch in diesen Märkten wird Herstellern und Zulieferern der Windbranche auch künftig eine steife Brise ins Gesicht blasen. Der Grund: Die leeren Staatskassen und die tiefen Preise für Erdöl und Erdgas. Noch vor wenigen Jahren sagten Energieexperten etwa voraus, dass sich die Erdgasproduktion in den USA dramatisch verringern werde. Passiert ist das Gegenteil, dank neuen Fördertechniken weiten die USA und andere Länder die Produktion aus, der Gaspreis sinkt - und Gaskraftwerke werden wieder eine attraktive Alternative zur Windkraft, insbesondere für Staaten in Geldnot wie die USA.

Der Geldmangel hat noch eine andere Folge. Ein Windrad alleine ist noch kein Kraftwerk. «Mit dem Bau von neuen Windanlagen müssen auch neue Stromleitungen geschaffen werden. Und es braucht Möglichkeiten, die unregelmässig anfallende Windenergie zu speichern», erklärt ZKB-Analyst Martin Schreiber. Doch wegen der leeren Staatskassen «fliesst auch weniger Geld in den Bau von Übertragungsnetzen», so Gurit-Chef Hadorn.

Dies bremst auch Gurit. Noch vor zwei Jahren war in der Wirtschaftspresse zu lesen, ein Boom in der Windenergie «wecke Kursfantasie». Nun sind Auguren und Investoren bei Gurit wieder auf dem Boden der Realität gelandet. Das spricht nicht gegen das Unternehmen, sondern gegen die überzogenen Erwartungen an die junge Windindustrie.

Gurit ist trotz Umsatzeinbruch im Windgeschäft gut positioniert. Das zeigt sich daran, dass auch bei sinkenden Umsätzen Geld verdient wird. Der angestrebte Betriebsgewinn (Stufe Ebit) von 8 bis 10 Prozent dürfte auch dieses Jahr erreicht werden. Und vielleicht liegt noch mehr drin - etwa wenn die Auslastung steigt oder wenn, wie Hadorn anfügt, ein laufender Patentstreit zugunsten der Schweizer ausgeht.

Gurit hat sich zudem darangemacht, seine grösste Schwäche auszubügeln, die starke Abhängigkeit von wenigen Grosskunden. Dieses Ziel werde «agressiv verfolgt», bestätigt Helvea-Analyst Alessandro Migliorini. Wie wichtig es ist, belegt der Fall des Gurit-Grosskunden Gamesa. Dieser steigt laut Migliorini gerade erst in den Bau von Offshore-Windanlagen ein und habe in diesem zukunftsträchtigen Markt einen grossen Rückstand aufzuholen. Die Gefahr droht, dass Grosskonzerne wie Siemens und General Electric vor den Küsten Europas das grosse Geschäft machen - ohne Gamesa und ohne Gurit.

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Auch geografisch stellt sich Gurit anders auf. Indien verzeichnet laut Hadorn ansprechende Wachstumsraten. «Am stärksten gewachsen ist unsere Position in den letzten Jahren aber in China», so der Unternehmenschef weiter. Helvea-Analyst Migliorini bestätigt: «Was Gurit in kurzer Zeit in China erreicht hat, ist eindrücklich.» So hat die Firma seit Dezember 2009 weltweit eine Führungsposition im Bau von Formen für die Herstellung von Rotorflügeln. Produziert werden sie günstig in China. «Nun richten wir den Blick von China aus auf die ganze Welt», so Hadorn.

Neue Nischen

Gurit entdeckt auch andere Nischen, etwa das Potenzial des Servicegeschäftes: So hat die Firma ein neues Produkt für die Reparatur von Windflügeln entwickelt. Mit dem Harz lassen sich etwa Transportschäden an Rotorblättern reparieren - doppelt so schnell wie bisher. Diese Ausweitung ins Servicegeschäft hat laut ZKB-Analyst Schreiber viel Potenzial.

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