Die März-Zahlen für die Teuerung in der Eurozone bargen eine unangenehme Überraschung: Im Jahresvergleich stiegen die Konsumentenpreise um 1,5%. Die Märkte waren für März aber von 1,2% ausgegangen.

Doch das ist nur eines der Zeichen, die darauf hindeuten, dass die Inflationsraten nicht länger tief bleiben dürften. Besonders deutlich wird das in den Rohwarenmärkten. Erdöl notierte im Februar 2009 noch bei 42 Dollar je Fass. Nun wird es bei fast 87 Dollar gehandelt. Kupfer war im Januar des Vorjahres noch für 3367 Dollar pro Tonne zu haben. Anfang April mussten für diese Menge 7960 Dollar bezahlt werden.

Ungute Erinnerungen an 1970

Trotzdem sind die Inflationserwartungen einer Mehrzahl der Experten moderat. Für die USA werden 2011 rund 2% Teuerung erwartet. In der Eurozone sind es 1,4%. Die OECD prognostiziert für die Schweiz 2011 0,4%, die Schweizerische Nationalbank SNB rechnet mit knapp 1%. Begründet wird die Erwartung tiefer Inflationsraten mit einem unter Potenzial bleibenden Wirtschaftswachstum. Das resultiere in Überkapazitäten. Eine Lohn-Preis-Spirale könne daher nicht in Gang kommen.

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Nun ist die Inflation aber auch ein monetäres Phänomen. Wird relativ zu den vorhandenen Gütern bei einer gegebenen Umlaufgeschwindigkeit des Geldes zu viel davon in das System eingeschossen, steigen die Preise. Das kann auch geschehen, wenn in der Wirtschaft gar nichts läuft. Die Stagflation zu Beginn der 1970er-Jahre liefert dazu das Beispiel.

Aus Anlegersicht fragt man sich daher, unter welchen Umständen ein solcher Prozess ablaufen könnte. Ironischerweise ist die Gefahr vor allem dann gross, wenn die Konjunktur einbricht. Schon jetzt prognostiziert die OECD für ihre Mitgliedstaaten im Schnitt eine Verschuldung von 97% des Bruttoinlandproduktes für 2010. Ab einem Niveau von 90% gehen Experten davon aus, dass die Staatsverschuldung zu einem wachstumshemmenden Faktor wird. Tiefere Wachstumsraten würden wiederum die Sanierung des Staatshaushaltes erschweren. Eine verhängnisvolle Spirale würde in Gang gesetzt.

Steigt nun die Staatsverschuldung in einer Rezession, nimmt die Versuchung zu, die Schuldenlast mittels höherer Inflationsraten real zu verringern. Dass Zuflucht in einer Inflationierung gesucht wird, ist laut Experten im Fall von Grossbritannien und den USA am wahrscheinlichsten. Weniger ist dies nach Meinung der Ökonomen von Morgan Stanley in der Eurozone der Fall und am wenigsten in Japan. Nun ist die Schweiz weder mit der Gefahr des Untergangs des Frankens konfrontiert, noch sind die Staatsfinanzen so angeschlagen wie in vielen anderen Industrienationen. Ziehen jedoch in Europa und den USA die Zinsen an, wird sich der Schweizer Markt kaum von diesem Trend lösen können. Möglicherweise steigen die langfristigen Zinsen hier langsamer. Das bedeutet aber nur, dass die Verluste in Schweizer Anleihen relativ zu anderen geringer sind. Investoren sollten sich darum vor dem Schluss hüten, eine konjunkturelle Flaute schütze vor Inflation.

NACHGEFRAGT

Jan-Egbert Sturm, Leiter KOF Konjunkturforschungsstelle ETH Zürich

«Inflationierung wäre politischer Selbstmord»

In Europa steigen die Konsumen-tenpreise stärker als erwartet. Wie hoch schätzen Sie die Inflationsgefahr ein?

Jan-Egbert Sturm: Dieser Effekt wurde durch den massiven Anstieg der Öl- und Energiepreise ausgelöst. Die Kerninflation, von der die volatilen Energiepreise ausgenommen sind, wurde in der Eurozone im letzten März auf 0,8% geschätzt. Ohne die Energiepreise gibt es also keinen beunruhigenden Anstieg der Preise.

Doch für die Konsumenten steigen die Preise trotzdem - das behindert doch den Aufschwung?

Sturm: Eine deutliche Steigerung der Ölpreise hat in der Vergangenheit die Konsumentenpreise wesentlich in die Höhe getrieben. Allerdings gibt es auch einen spekulativen Aspekt an den hohen Energiepreisen - dagegen kann und sollte eine Notenbank nichts unternehmen. Die Rohstoffpreisentwicklungen dürften zudem vorübergehend sein.

Derweil kämpfen viele Staaten mit hohen Defiziten. Sind diese nicht versucht, ihre Schulden zu inflationieren?

Sturm: Dieser Anreiz besteht im Prinzip. Doch dann müssten die Politiker die heutzutage unabhängigen Notenbanken überzeugen, die Inflation überraschend und deutlich genug zu steigern, um die Märkte zu beeinflussen. Damit setzten die Notenbanker aber ihre Reputation aufs Spiel - für sie wie auch für die Regierenden wäre das politischer Selbstmord. Ich halte das gerade in Europa nicht für ein wahrscheinliches Szenario.