Bei den Investmentfonds weisen alle Anlageklassen für die jüngste Vergangenheit negative Vorzeichen aus. Wie gross ist der Reputationsschaden für die Branche?

Klaus Kaldemorgen: Ich hoffe nicht, dass es einen Reputationsschaden gibt. Der Entwicklung an den Kapitalmärkten kann sich die Fondsindustrie nicht entziehen. Der negative Trend spiegelt sich in den einzelnen Fonds. Die Anleger hätten auch ausserhalb dieser Anlagekategorie Geld verloren. Natürlich stellt sich die Frage, ob sich jeder Fonds relativ betrachtet gut geschlagen hat. Im einen oder anderen Fall ist das nicht positiv zu beantworten. Zu den grössten Verlierern zählen die Hedge- Fonds. Auch die strukturierten Produkte haben stark gelitten. Insgesamt möchte ich aber nicht von einem Reputationsschaden für die Branche sprechen.

Zahlreiche Fonds mit Verbindungen zum US-Pleitier Madoff sind aber in ein schiefes Licht geraten.

Kaldemorgen: Gegen kriminelle Handlungen ist keiner gefeit. So sind auch Dachfonds vereinzelt Opfer des Madoff-Skandals geworden. Ein generelles Versagen der Fondsindustrie oder eine Systemkrise kann ich jedoch nicht erkennen. Im Gegenteil: Bei einem Zertifikat ist das Geld im Konkursfall weg, während es bei einem Investmentfonds dank dem Sondervermögen vor einem Zugriff sicher ist.

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Die Volumen sind bei diesen strukturierten Produkten massiv eingebrochen. Ist das eine Chance für die Fondsanbieter, um ihre Stärken gegenüber einer potenziellen Kundschaft aufzuzeigen?

Kaldemorgen: Es ist durchaus sinnvoll, auf die eigenen Stärken hinzuweisen. Gleichzeitig darf man aber nicht alle strukturierten Produkte in einen Topf werfen mit den toxischen Wertpapieren der Banken. Zu dieser Kategorie gehören auch Fonds, die mit den CPPI-Modellen (Constant Proportion Portfolio Insurance) für die Risikobudgets arbeiten. Das sind für den Anleger die besten Garantiemodelle, gerade für langfristige Sparer.

In der Fondsindustrie sind die Vermögensbestände um rund ein Drittel eingebrochen. Wird nun der Personalbestand im gleichen Ausmass reduziert?

Kaldemorgen: Das ist eine Achillessehne der Fondsindustrie. Wenn sich die Kurse an den Aktienmärkten halbieren, geschieht dies auch bei den Fondseinnahmen. Auf der Kostenseite sind wir nicht derart flexibel. Gespart wird vor allem in der Administration. Bei den Aufwendungen für das Management des Fonds gibt es allerdings nur geringe Einsparmöglichkeiten. Ob ein Fonds 100 Mio oder 200 Mio Fr. verwaltet, macht bei der Portfolioarbeit keinen Unterschied. Die Qualität muss einfach stimmen.

Von einer Konzentration ist in der Branche noch kaum etwas zu spüren.

Kaldemorgen: In dieser Industrie ist es extrem schwierig, verschiedene Fondsgesellschaften zusammenzuführen. Den Erfolg eines Fonds macht die Investmentphilosophie aus. Bestrebungen, diese unterschiedlichen Kulturen unter einen Hut zu bringen, waren in der Vergangenheit selten von Erfolg gekrönt. Viele Banken machen sich heute Gedanken, ob eine Fondsgesellschaft noch zu ihrem Kerngeschäft gehören muss. Es kann zu Interessenkonflikten kommen, wenn eine solche Organisation zu stark in das Unternehmen integriert wird. Insgesamt sehe ich in diesem Bereich keine Konsolidierung. Es dürfte im Gegenteil sogar mehr Boutiquen geben, die sich Nischenmärkte erschliessen. Grössere Fondshäuser dürften darüber nachdenken, ob der Börsengang eine Variante ist.

Die Anleger kehren den Aktien und den Obligationen den Rücken zu. Gefragt sind einzig Geldmarktfonds und Cash. Hält dieser Trend an?

Kaldemorgen: Diese Entwicklung kann nicht von Dauer sein. Die Erträge aus den Cash-Beständen tendieren gegen null. Wir kommen bald wieder in eine Phase mit anziehenden Inflationsraten. Da sind Erträge wichtig, allein um das Vermögen zu erhalten. Die Fondsindustrie hat die Chance, all diese geparkten Gelder zurückzuholen.

Die Indexfonds finden bei den Investoren grossen Anklang, auch wegen der niedrigen Gebühren. Werden jetzt vermehrt Exchange Traded Funds (ETF) lanciert?

Kaldemorgen: Das ist ein Wachstumsmarkt. Die ETF werden Marktanteile gewinnen. Es gibt eine Koexistenz zwischen aktiv gemanagten Fonds und den Indexfonds. Gegen erfolgreiche aktive Fonds werden ETF aber das Nachsehen haben, weil sie die Benchmark immer nach Kosten verfehlen. Zudem passen die ETF nicht in jedes Vertriebsmodell, wie etwa das Private Banking, das sich auf Management Fees und weniger auf direkte Beratungsgebühren stützt. Aktiv gemanagte Fonds werden innerhalb des Bankenvertriebs weiterhin eine gewichtige Rolle spielen.

Zur Umsetzung einer Core-Satellite-Strategie kommt den Indexfonds aber generell eine hohe Bedeutung zu.

Kaldemorgen: Wenn der Markt klar abgegrenzt wird und der Kunde genau weiss, was er will, haben Indexfonds gute Absatzchancen.

Im momentan rezessiven Umfeld ist es schwierig, erfolgversprechende Themen zu finden. Hält sich DWS mit dem Auflegen von neuen Produkten entsprechend zurück?

Kaldemorgen: Bei Aktienfonds ist das der Fall. In dieser Zeit konzentrieren wir uns auf Standardprodukte mit einer breiten Diversifikation. Anders sieht es bei Obligationen aus. Hier geht der Trend hin zu Fonds, die bei den Themen Kredit und Staatsanleihen eine stärkere Trennung vornehmen. Gesucht sind zudem «Buy and hold»-Produkte, deren Zusammensetzung über die Laufzeit hinweg nicht mehr wesentlich verändert wird und die ein klares und verlässliches Leistungsversprechen abgeben.

Werden innovative Themen, wie etwa neue Technologien und Energien, durch den wirtschaftlichen Abschwung in den Hintergrund gedrängt?

Kaldemorgen: In Zukunft dürften spezialisierte Themen sicher wieder interessant werden. Derzeit sind die Anleger aber nicht für Experimente und exotische Themen ansprechbar, da selbst Standardaktien einen massiven Wertverfall aufweisen. Gefragt ist derzeit Substanz statt Hoffnung.

Gesucht ist vor allem der Kapitalschutz. Führt das bei den Garantieprodukten zu einer engeren Kooperation zwischen Fondsanbietern und Versicherern?

Kaldemorgen: Ja, wir haben bei der Einführung der Riester Rente in Deutschland ein Garantiemodell eingeführt, das auch von unseren Versicherungspartnern sehr stark nachgefragt wird.

Was passiert mit den Hedge-Fonds?

Kaldemorgen: Das waren klare Verlierer. Man sollte deswegen aber nicht voreilig den Tod dieser Anlageklasse voraussagen. Es gibt einen Wandel in dieser Industrie. Ich sehe kaum eine Zukunft für gehebelte Hedge-Fonds, die durch den Einsatz von Fremdkapital lediglich einen kleinen Ertrag abwerfen. Hedge-Fonds haben eine Chance, wenn sie dem Anleger eine absolute Rendite bringen. Diese Vehikel werden wieder das, was sie ursprünglich sein wollten: Sie eliminieren mögliche Marktrisiken und sichern dem Investor eine Rendite über der Benchmark. Wer das schafft, wird ein gutes Geschäft machen.

Werden die Anleger Single Hedge-Fonds meiden und vor allem auf die Dach- Hedge-Fonds setzen?

Kaldemorgen: Nein, die Nachfrage nach Dach-Hedge-Fonds dürfte gering ausfallen. Wenn zu stark durchmischt wird, fällt die Performance in der Regel nur durchschnittlich aus. Gut geführte Single-Hedge-Fonds mit stabilen Erträgen werden ihren Markt haben. Dafür braucht es exzellente Manager und auch mehr Transparenz. Zudem muss die Hedge-Fonds-Industrie ihre Liquiditätsstrategien überdenken. Vehikel, bei denen man nur ein- oder zweimal im Jahr ein- oder aussteigen kann, werden der Vergangenheit angehören. Auch die Gebühren werden unter Druck geraten. Das Modell mit 2% Management Fee und 20% Erfolgsbeteilung dürfte sich in Richtung eines 1%/10%-Konstrukts wandeln. Die Industrie zeichnet insgesamt aus, dass sie äusserst flexibel auf finanzielle und wirtschaftliche Veränderungen reagieren kann.

Am G-20-Gipfel wurde beschlossen, die Aufsicht in der Finanzindustrie zu verstärken. Welche Auswirkungen hat das auf die Fondsanbieter?

Kaldemorgen: Die Fondsindustrie wird das kaum spüren. Es gibt kaum einen Bereich, der bereits derart stark reguliert ist.

Viele Banken pflegen bei den Fondsangeboten eine offene Architektur. Damit sind unabhängige Anbieter bei der Performance entsprechend herausgefordert.

Kaldemorgen: Ja, das sehen wir bei unserem eigenen Konzern, der Deutschen Bank. Wir haben kein Problem, wenn unsere Fonds gut performen und den Konkurrenzprodukten zumindest ebenbürtig sind.

Zum Frühlingsanfang gab es eine Rally an den Aktienmärkten. Markiert dies nach einer langen Abwärtsbewegung bereits das Erreichen der Talsohle?

Kaldemorgen: Das kann die Talsohle markieren. Das Schlimmste haben wir an den Märkten gesehen. Ich möchte aber noch nicht von einer Trendwende sprechen. Jetzt muss sich zeigen, wie die Wirtschaftskrise auf die Erfolgsrechnungen und Bilanzen der Unternehmen durchschlägt.

Die Rezession hat uns noch fest im Griff. Wann rechnen Sie mit einer wirtschaftlichen Erholung?

Kaldemorgen: Die Optimisten mögen das schon Ende 2009 sehen. Wir haben aber auch strukturelle Probleme, speziell in der Finanzindustrie. Deshalb dürfte der Aufschwung noch bis 2010 auf sich warten lassen.

Was heisst das für die Börsen?

Kaldemorgen: An den Aktienmärkten dürfte es im 2. Halbjahr, wahrscheinlich erst im letzten Quartal, zu einer nachhaltigen Erholung kommen.