Arbeit ohne Grenzen. Der Boom zur Multikulti-Gesellschaft offenbart sich nirgendwo so exemplarisch und konzentriert wie auf den Mitarbeiterlisten von grossen Schweizer Konzernen. Beim Assekuranz-Giganten Zurich etwa, der weltweit 60000 Angestellte beschäftigt, tummeln sich in den Büros am Zürcher Hauptsitz nicht weniger als 38 Nationalitäten. Gar Angestellte aus 70 Ländern, allen voran Deutsche, Franzosen, Italiener, Briten und Amerikaner, arbeiten im Basler Hauptquartier des Chemiekonzerns Roche, wo ausländische Fachkräfte bereits über die Hälfte der Belegschaft ausmachen.

Qualitäts- statt Nationalitäts-merkmale werden auch in den Anforderungsprofilen von grossen Industriekonzernen geltend gemacht. Am ABB-Hauptsitz in Baden droht der Belegschaft mit Schweizer Pass gegenüber den ausländischen Kolleginnen und Kollegen auch bald eine Untervertretung, was aber nichts mit den Kompetenzen der inländischen Angestellten zu tun haben muss. Fakt ist, dass im globalen Wettbewerb die Anforderungen steigen und deshalb immer bessere und qualifiziertere Fachkräfte gesucht werden. Diese wachsen auch in der Schweiz nicht auf den Bäumen. «Wir können die zurzeit 220 offenen Stellen deshalb unmöglich allein mit Schweizer Fach- und Hochschulabsolventen besetzen», erklärt Renato Merz, Personalchef bei ABB Schweiz.

Reger kultureller Austausch

Wie begehrt und gut positioniert ausländische Arbeitskräfte in der Schweizer Wirtschaft sind, belegen Bundesstatistiken zu den Auswirkungen des Personenfreizügigkeitsabkommens (siehe Tabelle und Grafiken).

Das freut die Unternehmen. «Dank Globalisierung und wachsender Personenfreizügigkeit können wir Teams mit Angestellten aus verschiedenen Ländern und kulturellen Hintergründen zusammenstellen», sagt etwa Peter Goerke, Leiter Personalwesen bei Zurich. Eine solche Diversifikation führe erfahrungsgemäss zu kreativeren und besseren Lösungen für die Kunden. Ein reger kultureller Austausch gilt auch bei Roche als wichtige Voraussetzung für den Unternehmenserfolg. «Unser Geschäftsmodell basiert auf Innovation, und um das hohe Innovationsniveau zu halten, brauchen wir die talentiertesten Mitarbeitenden», erklärt Sprecher Alexander Klauser. Internationale Fachkräfte würden hierbei eine wichtige Rolle übernehmen und einen Wissenstransfer sowie Zugang zu neuen Technologien sicherstellen. Einen positiven Schub hat auch ABB dank der Personenfreizügigkeit erfahren. Aufgrund der internationalen Ausrichtung des Konzerns sei die Zahl ausländischer Bewerbungen aus Tradition hoch. «Mit Einführung der Personenfreizügigkeit ist es nun einfacher und schneller möglich, Bürger aus dem EU-Raum einzustellen», sagt ABB-Schweiz-Personalchef Merz.

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Neben den multinationalen Grossunternehmen profitieren vom ausländischen Know-how immer mehr auch kleinere Konzerne und KMU. Beispiele sind der Industrie-Konzern OC Oerlikon oder das Sanitärtechnik-Unternehmen Geberit. Beide sind heute in 35 bis 40 Ländern aktiv und benötigen zum Verständnis der globalen Märkte auch an ihren Schweizer Hauptsitzen immer mehr internationale Fachkräfte. Das Gleiche gilt auch für kleinere KMU-Betriebe, die sich im Ausland etablieren wollen. Etwa die Technologie-Gruppe Meyer Burger (siehe «Nachgefragt»).

Komplizierte Visa-Formalitäten

Komplizierter ist die Angelegenheit für Unternehmen, die sich für die sogenannten «neuen Arbeitnehmermärkte» interessieren. Die Zurich etwa expandiert zurzeit in China und anderen Bric-Staaten (Brasilien, Russland, Indien) und muss dazu vor Ort ausgewiesenes Fachpersonal rekrutieren. In China ist der Versicherungskonzern deshalb eine Partnerschaft mit der Tsinghua Universität Peking eingegangen. Nicht selten stösst er dazu aber auch auf Probleme. «Komplizierte Visa-Formalitäten erschweren, etwa in Russland, eine Anstellung von externen Fachkräften», klagt der Zurich-Personalleiter Peter Goerke. Dabei entsteht häufig ein beträchtlicher zeitlicher und administrativer Aufwand, der die Rekrutierung aus Unternehmenssicht unnötig verteuert und behindert. Goerke: «Ein weiteres Problem ist, dass es in diesen neuen Märkten oft an geeigneten Fachkräften mangelt.

Viele Schweizer Konzerne sind deshalb gezwungen, inländische Fachkräfte auf Zeit in die ausländischen Niederlassungen zu entsenden. Diese sogenannten Expatriates sind gegenüber den importierten ausländischen Fachkräften zahlenmässig jedoch klar unterlegen. ABB Schweiz beschäftigt lediglich 1% der Mitarbeitenden als Expats im Ausland. Auch bei Zurich ist der Anteil der Schweizer Expats relativ gering. Der Wirtschaftstandort Schweiz verfügt also über eine deutlich positive «Wissenstransfer-Bilanz».

 

 

nachgefragt

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«Flexibilität macht fehlende Netzwerke wett»

«Flexibilität macht fehlende Netzwerke wett»

Gemäss Karin Bützer, Head of Human Resources beim Sägespezialisten Meyer Burger, können auch KMU bei der Rekrutierung internationaler Fachkräfte starke Trümpfe geltend machen.

Wie wichtig ist es für Meyer Burger, auf internationale Fachkräfte zurückgreifen zu können?

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Karin Bützer: Immer wichtiger. Dank einer für Unternehmen unserer Grösse guten Medienpräsenz sind wir zwar bis heute in der glücklichen Lage, Fachkräfte hauptsächlich im Schweizer Markt rekrutieren zu können. Mit der anhaltend positiven Entwicklung der Meyer Burger und einer damit verbundenen Nachfrage für spezialisierte Fachkräfte wird dies künftig schwieriger. Die Rekrutierung von Fachpersonal ist auch für unsere internationalen Niederlassungen, etwa in Norwegen, eine grosse Herausforderung.

Wieso rekrutieren Sie nicht weiter in der Schweiz?

Bützer: Weil der hiesige Arbeitnehmermarkt auch für KMU wie Meyer Burger irgendwann zu klein wird. Ausserdem wird die vermehrte Eingliederung von internationalen Fachkräften aktiv von uns angestrebt.

Welche anderen Gründe sprechen für eine Internationalisierung der Belegschaft?

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Bützer: Der globale Wettbewerb wird immer härter und fast in jeder Branche werden externe Fachkräfte zur Bewältigung von Spitzenzeiten benötigt. Auch für Meyer Burger bedeutet dies, dass die Nachfrage nach flexiblen, vollständig ausgebildeten, auf Abruf verfügbaren und sofort einsetzbaren Arbeitskräften weiter steigen wird. Diese sind oft nur im Ausland zu finden. Die Personenfreizügigkeit erlaubt uns, die geeigneten Fachkräfte rascher für uns verfügbar zu machen.

Steht auch Meyer Burger demnach für eine Ausdehnung auf Rumänien und Bulgarien ein?

Bützer: Ja. Bisher haben wir auf Arbeitnehmer aus diesen Ländern zwar praktisch nicht zurückgegriffen. Dies könnte aber durchaus ein Thema werden.

Sind bei der Rekrutierung von ausländischen Fachkräften kleine Unternehmen gegenüber Grosskonzernen nicht benachteiligt?

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Bützer: Ja, Grosskonzerne verfügen über grössere Netzwerke. Allerdings gilt es für KMU wie Meyer Burger Trümpfe wie Flexibilität, Innovationskraft und die Nähe zu den Kunden zu nutzen. Auf solche und weitere Faktoren wie das Talent-Management setzen wir, um qualifizierte Fachkräfte anzuwerben.

Gemäss Karin Bützer, Head of Human Resources, Meyer Burger AG, können auch KMU bei der Rekrutierung internationaler Fachkräfte starke Trümpfe geltend machen.

Wie wichtig ist es für Meyer Burger, auf internationale Fachkräfte zurück greifen zu können?

Karin Bützer: Immer wichtiger. Dank einer für Unternehmen unserer Grösse guten Medienpräsenz, sind wir zwar bis heute in der glücklichen Lage, Fachkräfte hauptsächlich im Schweizer Markt rekrutieren zu können. Mit der anhaltend positiven Entwicklung der Meyer Burger AG und einer damit verbundenen Nachfrage für spezialisierte Fachkräfte wird dies künftig schwieriger. Die Rekrutierung von Fachpersonal ist auch für unsere internationalen Niederlassungen, etwa in Norwegen, eine grosse Herausforderung.

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Wieso rekrutieren Sie nicht weiter in der Schweiz?

Bützer: Weil der hiesige Arbeitnehmermarkt auch für KMU wie Meyer Burger irgendwann zu klein wird. Ausserdem wird die vermehrte Eingliederung von internationalen Fachkräften aktiv von uns angestrebt. Dies fördert einen regen Wissenstransfer und kommt letztlich dem Betrieb zugute.

Welche anderen Gründe sprechen für eine Internationalisierung der Belegschaft?

Bützer: Der globale Wettbewerb wird immer härter und fast in jeder Branche werden externe Fachkräfte zur Bewältigung von Spitzenzeiten benötigt. Auch für Meyer Burger bedeutet dies, dass die Nachfrage nach flexiblen, vollständig ausgebildeten, auf Abruf verfügbaren und sofort einsetzbaren Arbeitskräften weiter steigen wird. Diese sind oft nur im Ausland zu finden. Die Personenfreizügigkeit erlaubt uns, die geeigneten Fachkräfte rascher für uns verfügbar zu machen.

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Steht auch Meyer Burger demnach für eine Ausdehnung auf Rumänien und Bulgarien ein?

Bützer: Ja. Bisher haben wir auf Arbeitnehmer aus diesen Ländern zwar praktisch nicht zurückgegriffen. Dies könnte aber durchaus ein Thema werden.

Sind bei der Rekrutierung von ausländischen Fachkräften kleine Unternehmen gegenüber Grosskonzernen mit ihren riesigen Networks nicht benachteiligt?

Karin Bützer: Ja, Grosskonzerne verfügen über grössere Netzwerke. Allerdings gilt es für KMU wie Meyer Burger Trümpfe wie Flexibilität, Innovationskraft und die Nähe zu den Kunden zu nutzen. Auf solche und weitere Faktoren setzen wir, um qualifizierte Fachkräfte anzuwerben und in der jungen und stark wachsenden Solarindustrie erfolgreich zu bestehen.