Wie beurteilen Sie die Geldspritze, die die Fed dem Finanzmarkt zukommen liess?

Jan Poser: Die Fed hat nach anfänglichem Zögern die Geldschleusen geöffnet und mit dieser liquiditätspolitischen Massnahme dem Bankensystem geholfen. Ich begrüsse den Schritt, da ein liquider Geldmarkt eigentlich ein öffentliches Gut ist, das geschützt werden muss.

Bis vor wenigen Tagen hat dies die Fed wenig gekümmert.

Poser: Tatsächlich machte es bisher den Anschein, als seien vor allem europäische Banken von der Finanzkrise betroffen. Mit der Diskontsatzsenkung hat die Fed nun angezeigt, dass sie auch Risiken im US-System befürchtet.

Sind diese Befürchtungen begründet?

Poser: Die Finanzkrise ist sehr intransparent. Deshalb besteht auch die Gefahr, dass noch weitere Banken Leichen im Keller haben. Erst mit den Zahlen zum 3. Quartal werden die Karten vollständig aufgedeckt.

Mit der Geldspritze hat die Fed die Aktienmärkte unterstützt.

Poser: Die Zentralbanken sind nicht dazu da, die Aktienmärkte hoch zu halten. Jedoch sollten die Geldmärkte liquide sein. Angesichts des anhaltenden Misstrauens im Bankensektor konnte mit den Geldspritzen ein Domino-Effekt mit gravierenden Folgen verhindert werden.

Wird damit die nötige Korrektur nicht einfach verzögert?

Poser: Im Obligationenmarkt ist die Korrektur bereits abgeschlossen. Die Risikoprämien haben sich normalisiert, nachdem die Zinsen zuvor sehr niedrig waren. Das aktuelle Niveau erscheint vernünftig.

Wie hoch schätzen Sie nach dem Fed-Entscheid die Gefahr einer globalen Kreditkrise?

Poser: Das Risiko, dass die Probleme aus dem Finanzmarkt auf den realen Sektor überschwappen, wurde damit reduziert. Ganz eliminieren kann man es allerdings nicht.

Wie wird sich der Markt in den nächsten Monaten entwickeln?

Poser: Die Volatilität wird hoch bleiben und es werden wohl noch kürzere Korrekturen folgen. Spätestens im 4. Quartal erwarte ich aber, dass die diesjährigen All-time Highs wieder erreicht werden. Ungeachtet der Finanzmarktturbulenzen ist die Realwirtschaft fundamental gesund und das
Gewinnmomentum intakt.