Dass die Federal Reserve (Fed) den kurzfristigen Leitzins und den Diskontsatz gleich je um einen halben Prozentpunkt senkt, war eine faustdicke Überraschung. An der Börse hat dieser Coup seine Wirkung zunächst nicht verfehlt: In den USA und Europa kletterten die wichtigsten Indizes deutlich über 2%, in Japan erlebte der Nikkei mit einem Plus von 3,7% gar den grössten Kursschub der letzten fünf Jahre. Und der Swiss Market Index (SMI) stieg um 2,6% und überwand seit langem erstmals wieder die magische Marke von 9000 Punkten. Die Euphorie ist aber ebenso schnell verpufft, wie sie aufgetaucht war – auch der SMI hat sich inzwischen wieder knapp unter 9000 Zählern eingependelt.

Geringe Rezessionsgefahren

«Der Zinsschritt der Fed hat die Probleme im Hypothekarmarkt etwas entschärft», sagt Sandro Bächli, Finanzanalyst bei Clariden Leu. Zudem habe die US-Notenbank ein gewisses Vertrauen an den Finanzmärkten geschaffen, weil sie ihren Willen bewiesen hat, in der Not massiv zu reagieren. «Die Probleme sind damit aber nicht einfach weg, und die Unsicherheit an den Aktienmärkten bleibt», erläutert Bächli das nur kurze Aufbäumen an den Börsen. Ob und wie stark die Hypothekarkrise die US-Konjunktur bremst, würden erst die nächsten Quartalszahlen der Unternehmen zeigen.
Analyst Bächli geht aber davon aus, dass den Amerikanern keine handfeste Rezession droht, da die Hypothekarkrise ein branchenspezifisches Problem der Banken sei. «Wir glauben sogar, dass der Dollar kurzfristig unter Druck bleibt und damit die US-Exporte ankurbeln sowie die Inflationsgefahr erhöhen wird», sagt Sandro Bächli. Eine weitere Zinserhöhung in diesem Jahr hält er hingegen für unwahrscheinlich.

Die Fed wird nun abwarten

«Die Fed hat nicht nur die Preisstabilität im Visier, sondern auch die Gesundheit der US-Wirtschaft im weitesten Sinn», holt Alfred Roelli, Stratege der Bank Pictet, zur Erläuterung des Fed-Zinsschrittes aus. «Die Situation an den Finanzmärkten war dramatisch, deshalb wollte Fed-Chef Ben Bernanke ein unmissverständliches Zeichen setzen, dass er hellwach ist», führt Roelli weiter aus. Panik erkennt Roelli im Handeln der Fed indessen nicht. «Ein Zinsschritt in diesem Ausmass ist für die US-Zentralbank nicht aussergewöhnlich», weiss der Ökonom. Auch unter Greenspan sei es beispielsweise 1998 zu drastischen Zinsschritten gekommen. Zudem seien die Volkswirtschaften inzwischen stark vernetzt und damit auch die makroökonomischen Risiken unberechenbarer geworden. «Deshalb ist es gut, dass Bernanke eher etwas überreagiert hat», urteilt Roelli.
Der Finanzfachmann rechnet damit, dass die Fed bis Jahresende in einer abwartenden Position verharrt und die Zinssätze unverändert belässt. «Das Inflationsproblem ist in den USA aber noch nicht vom Tisch», gibt Roelli zu bedenken. Falls die Teuerung in den kommenden Monaten stark anziehen sollte, sei eine Zinserhöhung dennoch möglich – nötigenfalls ebenso massiv wie die jüngste Zinssenkung. «Die Verantwortlichen der Fed haben gelernt, dass die Inflation früh angepackt werden muss», fügt Roelli hinzu.

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Kein Handlungsbedarf für SNB

Für die Schweizer Nationalbank (SNB) sieht er vorerst keinen Handlungsbedarf, es Bernanke gleich zu tun. «Die Konjunktur läuft gut, die Arbeitslosenzahlen sinken, der Schweizer Franken ist unterbewertet und die Inflation keine Gefahr», lautet Roellis Begründung. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) werde dem Fed-Vorbild nicht folgen. «Es besteht nicht mal der Hauch einer Wahrscheinlichkeit, dass die EZB die Zinsen jetzt senkt», bekräftigt Roelli. Umgekehrt schliesst der Ökonom aber auch Zinserhöhungen der SNB und der EZB für die nächsten Monate aus. «Erst wenn die Inflation vom Lohndruck her stark steigt, wird der Geldhahn zugedreht – und davon sind wir noch weit entfernt», erläutert er. Der steigende Ölpreis sei hingegen nur ein vorübergehender Teuerungsschub.

Wirkung auf die Aktienmärkte

«Bis Jahresende werden die Aktienkurse höher sein als jetzt, und langfristig sind wir für Dividendenpapiere sogar bullish», lautet der Tipp von Alfred Roelli von der Bank Pictet. Denn es gebe Parallelen zur LTC-Krise von 1998 und zu den anschliessenden Zinssenkungsrunden von Greenspan. «Auch damals sind die Aktienkurse nach den Fed-Interventionen gestiegen», sagt Roelli. Das gegenwärtige wirtschaftliche Umfeld spreche ebenfalls für Aktien, da für viele Investoren Anleihen angesichts erwarteter Zinssteigerungen wenig attraktiv erscheinen.
Sandro Bächli von Clariden Leu geht davon aus, dass sich die US-Konjunktur bis Mitte des nächsten Jahres wieder erholt. Die Lage an der Wall Street sollte sich sogar schon früher beruhigen. «Viele europäische Banken sind eng mit dem US-Markt verzahnt», führt Bächli weiter aus. Deshalb werde auch an den Börsen des alten Kontinents die Volatilität noch eine Zeit lang hoch bleiben. Kurzfristig rät er bei amerikanischen und europäischen Aktien abzuwarten, auf Jahresfrist ist der Ökonom aber vor allem gegenüber Dividendenpapieren aus Europa positiv eingestellt. «Die Kursschwankungen sind in den Schwellenländern traditionell grösser, als in den Industrienationen», fährt Bächli fort. Interessanterweise seien aber Aktien aus den Emerging Markets mit der Ausnahme von Lateinamerika nicht so stark von der Hypothekarkrise in den USA betroffen. «Vor allem in Asien war kaum etwas zu spüren», sagt Bächli. Auf die kurze wie die lange Sicht ist er deshalb gegenüber Aktieninvestments in den Schwellenländern, vor allem aber in Asien sehr positiv eingestellt.